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Held der vereinten Nation:Es kribbelt bei Udo Lindenberg

25 Jahre Mauerfall - Udo Lindenberg

Udo Lindenberg - natürlich nie ohne Sonnenbrille - vor dem Brandenburger Tor.

(Foto: dpa)

Vor 40 Jahren verknallte er sich in die Mädchen aus Ostberlin, heute feiern ihn seine Fans in ausverkauften Fußballstadien. Weil sich Udo Lindenberg so gut beamen kann.

Es macht pling. Und der Udo ist da. Wenn die Türen aufgehen, ertönt am Aufzug des Hotels Atlantic in Hamburg ein zartes Klingeln. Wenn man sich nach dem Pling umdreht, sind die Türen wieder zu. Und der Udo Lindenberg steht krumm mitten im Plüschfoyer.

1974, als Lindenberg mit "Ball Pompös" berühmt wurde, hätte man gesagt: wie ins Foyer gebeamt. Damals war wegen der Serie "Raumschiff Enterprise" jeder, sobald er plötzlich auftauchte, hergebeamt worden. Der Witz beim Beamen war, dass Raum und Zeit keine Rolle spielten. So gesehen, passt der Ausdruck. Lindenberg ist gerade mit einem Pling ins Jahr 2014 geschickt worden, und er sieht aus, als hätte ihm sein langes Musikerleben nichts anhaben können. Na ja, zumindest seinem Outfit mit dem Schlapphut, der Sonnenbrille und den langen, dunklen Haaren.

Das Udo-Kostüm hat den Zeitsprung gut überstanden. Aber beim Beamen ist noch etwas Seltsames passiert.

68 ist er in diesem Jahr geworden. Aber erst seit einem Jahr spielt er in Fußballstadien vor 50 000 Zuschauern. Zwei Mal Düsseldorf, zwei Mal Leipzig. Vier Mal ausverkauft. Nach 40 Jahren zum ersten Mal. Dass jemand beim Beamen in einem besseren Zustand ankommt, ist ungewöhnlich, besonders bei Udo Lindenberg. Mitte der Nullerjahre war er künstlerisch, körperlich und psychisch am Ende, mit 4,2 Promille im Blut einmal praktisch tot. Nach dem Zusammenbruch brachte er ein neues Album heraus. "Stark wie zwei" wurde sein erfolgreichstes, sein erstes Nummer-eins-Album. Beim Udo 2014 steckt mehr drin als das alte Lied von den Rock-Opas, die wir immer weiter hören wollen, solange sie es ohne Rollator auf die Bühne schaffen.

Die Muttis aus Lindenbergs Songs sind nun seine Groupies

Die beiden Frauen aus Sachsen-Anhalt haben das Pling nicht gehört. Sie haben schon eine Weile im Rauchersalon gewartet. Und jetzt kommt ihr Idol ein bisschen federnd, ein bisschen schleichend, ein bisschen müde, also auf diese Udo-Art in den Salon, und die beiden sind fassungslos: "Mensch, Udo, das gibt's doch gar nicht", rufen sie und springen vom Sofa. "Ich fang' gleich an zu heulen. Das glaubt mir keiner."

Lindenberg signalisiert mit einem vergnügten "Bummdidibumm, didibummdidibumm", dass er bereit ist für ein ausführliches Kennenlernen. Es ist vier Uhr nachmittags. Jetzt beginnt der Udo-Tag. Nachts arbeitet er, joggt um die Alster, schreibt Mails und nicht selten Texte. Er hat gerade gefrühstückt und ist noch bei der ersten Zigarre. Er nennt sie Kinderzigarre, weil sie so leicht ist, mit der nuckelt er sich in den Tag, und jetzt will er was Richtiges. Aber erst will er mal wissen, was die Damen hergeführt hat und wo sie überhaupt herkommen.

Aha, aus Bitterfeld-Wolfen. Ein Wochenende zum Geburtstag in Hamburg? "Klar, die Ecke kenn ich", sagt Lindenberg. "Schatz im Silbersee, die Kloake da. Wir haben da mal Konzert gemacht." Der Udo spricht, wie der Udo eben spricht, nie laut, nie angespannt, mehr so ein Brummeln mit Nordsee-Touch, mit schnodderigen Kommentaren, die immer nach weinenden "Damen" klingen, "eine ist schon ganz nass, in den Augen und um die Nase blass", oder nach "Die Mutter guckt alleine Krimi oder Quiz. Und die Tochter ist da, wo die Action ist." Die Muttis aus Lindenbergs alten Songs sind jetzt seine Groupies.

"Damals waren wir ja noch DDR", sagt Sieglinde Rößler,67, entschuldigend. "Mutter, hat mein Sohn jetzt gesagt, wenn du nach Hamburg fährst, und du hast Glück . . ." Das Unvorstellbare bleibt unausgesprochen. "Da sage ich zu meinem Sohn: Und wenn ich mich vor seine Tür lege." Dann fügt sie rasch hinzu: "War nur Spaß, Udo."

"Na klar", murmelt Lindenberg. "Kommen ja öfter mal Leute her. Vorgestern kam ich aus Istanbul zurück. Der ganze Laden voll, sehr bunt besetztes Empfangskomitee, alles Leute, die ich nicht kenne und dann kennenlerne. Aber eine gewisse Vertrautheit hat man ja durch die Lieder."

Die Lieder. Der Udo. Die DDR. Sieglinde Rößler erklärt, woher die Verehrung kommt: "Er war einer der ganz Wenigen aus Westdeutschland, die uns Ostdeutschen immer ihre Sympathie bekundet haben, die ehrlich an uns interessiert waren. Jung und Alt verehren ihn deshalb."

Lindenberg mit dem Panik-Orchester. Ein mit seinem Anti-Outfit, seinem gegenläufigen Lebensrhythmus, seinem Drogenleben auf dem Kiez konsequent unbürgerlicher Mensch ist längst zum Allgemeingut geworden. Als er später am Abend zu seinem Kino im Atlantic geht, um dem Reporter eine DVD des Leipziger Konzerts vorzuführen, begegnet ihm ein Bekannter aus dem Rauchersalon, ein Mann aus Wiesbaden, ungefähr so ostdeutsch wie Ferdinand Piëch. Anzug, gepflegte Erscheinung, korpulent in Gesten und Erscheinung, im Sektgeschäft. Um die 50. Generation Udo, West.

"Mensch Udo!", ruft er.

"Mensch", nuschelt Lindenberg mit dieser nach Whisky und Tabak schmeckenden Stimme. "Haste was vor? Komm mit, wir gucken Konzert in Leipzig. 50 000 Zuschauer. Stell dir mal vor. Ist das nicht geil?"