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100 Jahre H. C . Artmann:Ein Hauch von Party

H.C. Artmann fotografiert von Sepp Dreisinger

Dieses bisher unveröffentlichte Porträt des Fotografen Sepp Dreissinger zeigt den Dichter H. C. Artmann, der am 12. Juni 1921 in Wien geboren wurde. Dort starb er auch am 4. Dezember 2000.

(Foto: Sepp Dreissinger)

Star einer untergegangenen Ära: Noch heute ist Wien voller Geschichten über den Lebemann und Dichter H. C. Artmann. Ein paar Erinnerungen zu seinem 100. Geburtstag.

Von Cathrin Kahlweit

Früher, sagt Sepp Dreissinger, da konnte man bei Menschen noch spontan vorbeikommen. Ohne Einladung. Hier bin ich, und dann gab es ein Glas Wein oder auch mehr. Bei Hans Carl Artmann, besser bekannt als H. C., ist er ab und zu vorbeigekommen, in Salzburg, in Wien, im Waldviertel; da sei so etwas wie Freundschaft gewachsen, sagt der Fotograf, und das sah der Dichter offenbar auch so: "Für meinen Lichtbildner und Freund" schrieb er mal in ein Buch, das er Dreissinger schenkte.

Und dennoch blieben sie viele Jahre lang beim "Sie". Vielleicht ist es mit der leisen Distanz eines vertrauten Sie erträglicher, so viel über den anderen zu erfahren, wie man manchmal nicht mal über sich selbst wissen wollen würde. Bei Artmann gab es da sehr viel zu wissen.

Der große Österreicher, der wie kaum ein anderer die Sprachgrenzen des Dialekts, der Orthografie, des spielerischen, kreativen, dadaistischen, barocken Zugangs zu Worten, Tönen, Bildern ausgelotet hat, wäre an diesem Samstag hundert Jahre alt geworden. Feierlichkeiten verschiedenster Art umrahmen das Jubiläum: Radiosendungen, Theaterstücke, Lesungen, Ausstellungen, Vorträge. Von Dreissinger etwa gibt es im Literaturhaus Salzburg ausgewählte Porträts des im Jahr 2000 mit 79 Jahren verstorbenen Jubilars zu sehen, der eines nie war: ein würdiger Greis.

"artmann ging oft spitze wege, damit er umso lieber sich in weiche betten lege"

Artmann wird quer durchs Land gefeiert, weil er der vielleicht "letzte literarische Lebemann" und ein "individualistischer Exzentriker" war, wie ihn sein Biograf Kurt Hofmann in seinem Buch "ich bin abenteurer und nicht dichter" beschreibt. Von seinem ersten Bestseller, "mit oana schwoazzn dintn", hatte sich der gebürtige Wiener distanziert, weil er nicht zeitlebens als Mundartdichter gelten wollte. Dabei war das nur der Anfang. Das bunte und wilde Gesamtwerk - Theaterstücke und Übersetzungen, Prosa und Schwänke, Liebes- und Naturgedichte - ist Jahrhundertliteratur und doch vor allem ein Schatz seiner Zeit, einer untergegangenen Ära und ihrer Helden: von Helmut Qualtinger besungen, von André Heller und Arik Brauer weitergetragen, von Thomas Bernhard gelobt, von den Barden des Austropop imitiert, von Hermann Nitsch und anderen Freunden subventioniert. Artmann war nämlich notorisch klamm.

Artmann war ein Weltenwanderer und zugleich ein Star der lokalen Szene: Man wollte ihn kennen und von ihm erkannt werden. Und das habe er einem leicht gemacht, sagt Dreissinger: "Er war unkompliziert, bodenständig, in sich und nach außen stark, nie in einer Pose." In Wien trifft man schier unentwegt Menschen, die ganz verträumt erzählen, in welchem Kaffeehaus auf der Josefstädterstraße der "Bohemien und Bürgerschreck", wie eine literarische Hommage von Michael Horowitz heißt, immer saß. Dreissinger erzählt lieber, wie Artmann zu einer Lesung ins Café Mozart in Wien hätte kommen sollen; er las für sein Leben gern für andere und hatte eine ganz eigene Art, seine Texte schwebend, fast singend, zu intonieren. Eigentlich hätte der Künstler aber wegen einer anstehenden Operation im Krankenhaus sein sollen, stattdessen ließ er sich von Sanitätern auf einer Trage in den Saal hieven, zog unter dem Jubel des Publikums seine ganz eigene, literarische Show ab, und kehrte nach vollendeter Heldentat auf der Trage in die Klinik zurück.

So erinnert ihn der bekannte Fotokünstler und Filmemacher am liebsten: als einen "barocken Menschen", der sich vor lauter Frauen und Kindern finanziell ständig überhob, zuletzt mit junger Geliebter in einem Bauernhof im Waldviertel mit Plumpsklo lebte, aber zugleich in einem Dutzend Sprachen kommunizierte und viele weitere intuitiv verstand, am liebsten Bluejeans trug und doch "ein Sir" war. Geliebt und geneckt von Freunden wie dem Artmann-Weggefährten Gerhard Rühm, dessen Spaßgedicht Dreissinger aus dem Gedächtnis zitiert und das, wie auch Artmanns Kunst, ohne Versalien daherkam : "artmann ging oft spitze wege, damit er umso lieber sich in weiche betten lege."

"mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens"

Jeder Mensch sei ein Dichter, habe Artmann geglaubt, und wenn ein junger Fan in seinen Bannkreis geriet, erzählt der Fotograf, dann habe er gesagt: "Setz dich hin und hör zu." Und dann hat er seine eigenen Quatschgedichte verfasst, von denen Dreissinger eines zitiert: "wer dichten kann, ist dichtersmann, hat hosen an und knöpfe dran, mit denen tut er dichten." Spassetteln eben, denn um den umfassend und humanistisch gebildeten Sohn eines Schuhmachers, der im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet wurde und zweimal desertierte, sei immer "ein Hauch von Party und mangelndem Ernst" gewesen.

Seine Gedichte hingegen waren oft von unerschöpflicher Zartheit und Intimität. Nur ein Ausschnitt, weil auch und vor allem das H. C. Artmann war: "mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens; mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein; mein herz ist der frische schnee auf der spur junger voegel; mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand."

© SZ/masc
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