Rekonstruktion in Hamburg:Neue Synagoge, alter Stil

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Rekonstruktion in Hamburg: 1906 gebaut, 1939 zerstört: Die Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel auf einer zeitgenössischen Postkarte.

1906 gebaut, 1939 zerstört: Die Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel auf einer zeitgenössischen Postkarte.

(Foto: Stiftung Historische Museen)

Die jüdische Gemeinde in Hamburg will ihre 1939 zerstörte Synagoge wiederaufbauen - originalgetreu. "Geschichtsrevisionistisch" finden das einige Kritiker. Sie liegen falsch.

Von Till Briegleb

In Deutschland wird es nur schwer akzeptiert, dass der originalgetreue Wiederaufbau verlorener Symbolbauten eine Lösung unter anderen sein kann. Das neueste Beispiel ist die Diskussion um das Bauvorhaben der jüdischen Gemeinde Hamburg, die große Bornplatzsynagoge im alten Stil neu zu errichten. Der starke Wunsch der Glaubensgemeinschaft nach Rekonstruktion des Bauwerks, das von den Nazis erst geschändet, dann angezündet und 1939 zerstört wurde, findet zwar breite Unterstützung in Politik und Zivilgesellschaft. Doch einige Kritiker bringen eine ebenso breite Palette an Einsprüchen vor und kanzeln den Vorschlag mit abschätzigen Schlagworten wie "Disneyland" und "Mimikry" ab.

Initiiert hat das Projekt der Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky im Oktober 2019, als er vorschlug, die einst größte Synagoge Nordeuropas wieder aufzubauen - und zwar an ihrem ursprünglichen Platz im sogenannten Grindelviertel, dem einstigen Zentrum jüdischen Lebens der Stadt. Die Hamburger Bürgerschaft unterstützte einstimmig (inklusive der AfD) das Vorhaben, und Ende vergangenen Jahres beschloss der Bundestag, den Bau mit 65 Millionen Euro mitzufinanzieren, wenn der Hamburger Senat die gleiche Summe dafür aufbringt.

Bereits kurz nachdem der Wunsch der Gemeinde nach einer ungefähren Rekonstruktion des 1906 errichteten Gebäudes mit seiner 40 Meter hohen Kuppel bekannt wurde, meldete sich die Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg, Miriam Rürup, und kritisierte die Pläne als "geschichtsrevisionistisch". Sie befürchte, dass die Wiederherstellung der ursprünglichen Erscheinung der Synagoge einen "Schlussstrich" unter die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte, speziell mit dem Holocaust setzen wolle.

Die Rekonstruktion mache "das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar", so die Gegner des Projekts

Nachdem die Steuergelder dann bewilligt wurden, hat Rürup mit neun weiteren Autorinnen und Autoren, darunter dem Hamburger Bauhistoriker Hermann Hipp, dem Historiker Moshe Zimmermann und dem Journalist und Bauhistoriker Gert Kähler, ein Papier mit elf Kritikpunkten veröffentlicht, das fordert, den Wiederaufbauprozess zu stoppen. Die Rekonstruktion sei "auf besondere Weise problematisch", da sie "das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar" mache, wodurch "die Erinnerung an dieses Verbrechen erschwert" werde, heißt es da. Sollte an der Stelle aber ein Gebäude errichtet werden, dann müsse es "in zeitgemäßer, zukunftsgerichteter Form gestaltet" sein.

Anfang der Woche versendete die Gruppe dann eine weitere Protestpetition, unterschrieben von 45 israelischen Akademikern sowie Nachfahren Hamburger Juden in Israel, die ihre ursprünglichen Forderungen noch einmal verschärft. Am besten solle gar nichts am heutigen Ort der ehemaligen Synagoge gebaut werden. Das viele Geld möge lieber dafür verwendet werden, heutige "jüdische Kultur und Tradition zielgerichteter zu fördern." Vor allem aber machen sich die Unterzeichner, darunter der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, der Künstler Micha Ullman sowie zahlreiche Professoren israelischer Universitäten, dafür stark, das Bodenmosaik der Künstlerin Margrit Kahl zu erhalten, das seit 1988 am originalen Platz die Umrisse der alten Synagoge auf dem Boden nachzeichnet.

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Ein Bodenmosaik markiert am Joseph-Carlebach-Platz, dem früheren Bornplatz, den Standort der zerstörten Synagoge.

(Foto: imago)

Nun ist dieses gut gemeinte Kunstwerk ein klassischer Fall von Erinnerungskultur, die ihren Zweck verfehlt. Ohne ausdrücklich darauf gestoßen zu werden, worum es sich dabei handelt, wirkt die horizontale Pflasterung, die keinerlei visuelle Störung an dieser viel frequentierten Stelle im Universitätsviertel herstellt, lediglich wie ein origineller Einfall des Straßenbauamts. Niemand, der an der heute Joseph-Carlebach-Platz benannten Leerfläche vorbeigeht, wird irritiert oder durch die Pflasterung an die furchtbaren Verbrechen erinnert, die mit dieser Arbeit wachgerufen werden sollen. Und diese Steinlinien versprechen nun fruchtbarer für eine gesellschaftliche Diskussion über Faschismus und Holocaust zu sein, als ein Ort der echten Versammlung von lebenden Menschen?

Die größten Apostel der modernen Architektur haben alle mit den Nazis kollaboriert

Vielleicht hat bei diesem Vorstoß der kleinen Gruppe primär deutscher Historiker, sich Unterstützung in Israel zu holen, auch das mulmige Gefühl eine Rolle gespielt, dass es sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eher unangenehm anfühlt, einer jüdischen Gemeinde beim Bau ihres Gotteshauses eine Gestaltung und Diskussion aufzuzwingen, die nicht aus ihrer Mitte kommt. Denn die Mehrheit dieser Gemeinde wünscht sich laut Aussage ihres Geschäftsführers Philipp Stricharz die ungefähre Rekonstruktion des einst gewaltsam Entrissenen.

Sicherlich schwelt im Hintergrund auch ein Konflikt zwischen Traditionalisten und Progressiven, denn die jüdische Gemeinde, die ihre Synagoge wiederaufbauen möchte, zählt zum orthodoxen Spektrum. Doch völlig absurd mutet der Vorwurf der Kritiker an, die Bauherren hätten ein Interesse daran, die Verbrechen der Nazis ungesehen zu machen, nur weil sie die Gefühle ihrer Mitglieder ernst nehmen, die mit dem Aufleben der alten Architektur die Heilung einer alten Wunde verbinden.

Rekonstruktion in Hamburg: Das Innere der Synagoge.

Das Innere der Synagoge.

(Foto: Stiftung Historische Museen)

Bei der anschließenden Frage nach dem richtigen Design eines jüdischen Gotteshauses wird dann eine weitere ideologische Frontlinie offensichtlich, die speziell Deutschland seit Jahren beschäftigt: die selbstverständliche Beschreibung von zeitgenössischer Architektur als positiv und aufklärerisch, wie sie überall zur Ablehnung historischer Bauformen vorgenommen wird. In der Debatte um sehr vereinzelte Wiederaufbauprojekte an geschichtsträchtigen Orten, sei es bei Schlossfassaden, historischen Altstadtvierteln, zerbombten Kirchen oder alten Villen, werden geradezu reflexartig Stilfragen einseitig moralisch wertend benutzt.

Dabei ist die bei Rekonstruktionsvorhaben wie dem der Bornplatzsynagoge laut ins Feld geführte Formel: Moderne = gut und fortschrittlich, Historisches = belastet und reaktionär, selbst extrem problematisch. Das Programm der modernen Architektur, die seit mehr als 100 Jahren in der Welt als die "zeitgemäße" gilt, ist nur in Ausnahmen geschichtssensibel gewesen. Die Begründer der modernen Formensprache und Stadtplanung favorisierten bekanntlich die Tabula rasa, die Standardisierung und reinigende Beseitigung des Alten. Dass die ästhetische Reduktion dieses Stils jemals ein differenzierteres Geschichtsbild in der Gesellschaft erzeugt hätte, würde vermutlich heute kein Architektursoziologe mehr behaupten.

Fast überall wurden Synagogen zeitgenössisch wiederaufgebaut. Da soll ein historischer Nachbau die Erinnerungskultur gefährden?

Umso erstaunlicher ist es, dass diese stark moralisch geprägte Gleichsetzung, die jede Diskussion über die Symbolik von Bauepochen in Deutschland hartnäckig mit den Argumenten politischer Polarisierung belegt, weiter Bestand hat. Doch die pauschale Kennzeichnung von Rekonstruktionsvorhaben als "rechte Räume" hat gerade unter angeblich fortschrittlichen Kommentatoren aktuell Konjunktur.

Auch in dem vernichtenden Urteil der Historikerinnen und Historiker über die Pläne für die Hamburger Synagoge, die im Deutschen Kaiserreich im gängigen Stil für sakrale Bauwerke errichtet wurde, wird ihr Aussehen nur als Ausdruck eines Gehorsamsstaates beschrieben, der zwei Weltkriege verursacht hat. Ein "Rückgriff auf die wilhelminische Architektur kann kein Maßstab für die Gegenwart sein", heißt es apodiktisch im Papier der Historikergruppe, als drohe mit dem Neubau des Altschönen der alte Kaiser Wilhelm aus der Gruft zu springen. Und das in einer Stadt, deren geliebte Hauptkirchen, inklusive des Wahrzeichens St. Michaelis, allesamt historische Rekonstruktionen von Totalschäden sind?

Schließlich stellt sich bei diesem Aufruf, die Pläne der jüdischen Gemeinde zu verhindern, auch noch die Frage, ob man das Erinnern an die deutschen Gewaltverbrechen ausgerechnet den Opfern und Überlebenden dieses Mordens zur Pflicht erklären muss, wenn alle Orte der Täter in derselben Stadt - vom Rathaus bis zum ehemaligen Gestapo-Hauptquartier - schmuck und ohne jede Gedenklücke im Stil der Vergangenheit rekonstruiert wurden, Letzterer als teure Shoppingmall. Vielleicht wäre ein wenig mehr Gelassenheit und Zurückhaltung eher geboten, bevor man moralische Vorwürfe erhebt und diese mit Stilkritik ummäntelt.

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