Halbzeitshow beim Super Bowl Völlig gaga!

Politik und Sport gehören nicht zusammen? Was für ein Unsinn! Die Künstlerin Lady Gaga platziert ihre Botschaften in der Halbzeitshow des Super Bowl subtil.

Von Jürgen Schmieder

"Wie geht's, Amerika?" Es ist die wohl bedeutsamste Frage gerade in den Vereinigten Staaten, es gibt darauf entweder so viele Antworten wie Einwohner oder aufgrund der politischen Lage nur zwei: großartig oder beschissen.

Lady Gaga stellt diese Frage während der Halbzeitpause des Super Bowls, während sie auf dem Spielfeld an einem Klavier sitzt. Es ist in diesem Augenblick die größtmögliche Bühne in den Vereinigten Staaten, vielleicht sogar der ganzen Welt. Die Antwort der Künstlerin wird von etwa 120 Millionen Amerikanern gehört werden.

Gaga hatte ihren Auftritt auf dem Stadiondach begonnen, hinter ihr hatten 300 Drohnen im Formationsflug ein paar Sterne, die amerikanische Flagge und das Logo eines Getränkeherstellers formiert. Sie hatte Textzeilen aus den patriotischen Liedern "God Bless America" und "This Land is Your Land" gesungen und aus der Unabhängigkeitserklärung und dem Treueschwur auf die US-Flagge zitiert. Dann sprang sie vom Dach und wurde an zwei Seilen wie eine Spinne auf ein Podest herabgelassen.

Super Bowl Tom Bradys Triumph, Lady Gagas wilde Show Bilder
Super Bowl in Bildern

Tom Bradys Triumph, Lady Gagas wilde Show

Vor dem historischen Comeback der Patriots begeistert Lady Gaga mit einer spektakulär choreographierten Halbzeitshow - das erwartete Statement aber setzt sie nicht.

Ach ja: Die Darstellerinnen des Musicals "Hamilton" (Phillipa Soo, Renée Elise Goldsberry und Jasmine Cephas Jones) hatten vor der Partie bereits das Wort Sisterhood (Schwesternschaft) in das Lied "America the Beautiful" eingebaut und damit je nach Lesart für Begeisterung oder Aufregung gesorgt. Es gibt dann eben doch nicht 320 Millionen, sondern nur zwei Antwortmöglichkeiten auf sämtliche Geschehnisse in den USA derzeit.

Patriotische Gesten, vom Pentagon finanziell unterstützt

Das Endspiel der Footballliga NFL ist die meistbeachtete Veranstaltung des amerikanischen Jahres, das Spiel selbst ist nur sportliche Beigabe zu einem Spektakel gigantomanischen Ausmaßes. 120 Millionen Amerikaner - meist vollgefressen und nicht mehr ganz nüchtern - wollen vor ihren gigantomanischen Fernsehern unterhalten werden. Was einem Publikum dieser Größenordnung normalerweise zugemutet werden kann, das ist massentaugliche und leicht bekömmliche Musik, also Bubblegum-Pop oder Schrammel-Rock: New Kids on the Block etwa (1991), Aerosmith (2002) oder Katy Perry (2015).

Die jüngere Geschichte des Super Bowl ist indes reich an jenen Momenten, die aufgrund amerikanischer Prüderie oder aufgrund des postfaktischen Dauerzustandes der Empörung zu Skandalen erklärt worden sind: Michael Jackson fasste sich im Jahr 1993 immer wieder an sein Gemächt, Justin Timberlake entblößte elf Jahre später die Brust von Janet Jackson. Im vergangenen Jahr schickte Beyoncé während des Liedes "Formation" einen getanzten Denkzettel an das Land, in dem Rassendiskriminierung weiterhin sehr gegenwärtig ist.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass die eher linksliberale Künstlergarde das amerikanischste aller amerikanischen Spektakel für einseitige politische Botschaften missbraucht. Vor dieser Partie (und allen anderen in dieser Spielzeit wie auch vor dem Finale des Tennisturniers US Open) gab es dieses militarisierte Prozedere, bei dem Soldaten eine überdimensionale US-Flagge ausrollen. Eine patriotische Geste, gewiss, die jedoch vom amerikanischen Verteidigungsministerium mit einer 5,4-Millionen-Dollar-Spende an die NFL gefördert wird.

Sport und Politik dürfen nicht vermischt werden, das behaupten Sportfunktionäre und Politiker immer wieder. Das ist natürlich völliger Quatsch, es gibt kaum Politischeres als globale Sportereignisse wie Super Bowl, Fußball-WM oder Olympische Spiele. Könige und Kanzler machen solche Veranstaltungen zur Chefsache, sie setzen dafür Gesetze außer Kraft oder erlassen neue - und wer gegen die bestehenden Gesetze in seinem Land protestieren oder auf Missstände aufmerksam machen möchte, der nutzt solche Events dafür.

Unterhaltung oder getanzte Polit-Botschaft?

An diesem Sonntag also prallten der Profi-Populist und US-Präsident Donald Trump (der während der Vorberichterstattung ein Interview gegeben hatte) und die Künstlerin Lady Gaga aufeinander. Gaga bezeichnet sich selbst als "Mutter der Monster", als Beschützerin von Außenseitern und Rebellen und all jenen, die als Kinder verspottet worden sind. Eine streng gläubige Christin, die sich als bisexuell bezeichnet und sich für die gleichgeschlechtliche Ehe einsetzt. Die gegen sexuelle Gewalt ansingt und über ihren Auftritt beim Super Bowl gesagt hat: "Ich habe das geplant, seit ich vier Jahre alt bin - ich weiß genau, was ich tue."

Sie stellt also diese Frage nach der Befindlichkeit der Vereinigten Staaten - und gibt darauf die bestmögliche aller Antworten: keine.

Sie feiert sich, ihre Karriere und auch Bubblegum-Pop mit Klassikern wie "Just Dance", sie bejubelt die Sportart Football mit einigen getanzten Hinweisen auf das große Spiel und ihren Abgang, bei dem sie ein silbernes Spielgerät fängt und in der Menge verschwindet.

Sie schafft es, über den Symbolismus ihrer Kunst ein paar gesellschaftliche Botschaften zu vermitteln: Sie präsentiert ihre Gleichberechtigungs-Hymne "Born This Way", während des Liedes "Telephone" ist die Stimme von Beyoncé zu hören. Gegen Ende umarmt Gaga eine junge Frau und sagt: "Bitte bleib' hier!" Jeder darf für sich entscheiden, ob das eine nette Geste oder eine gesellschaftliche oder gar politische Botschaft ist.

Es ist nicht die Aufgabe von Popmusik, es ist nicht die Aufgabe der Künstlerin Lady Gaga, die Frage nach der Befindlichkeit der Vereinigten Staaten zu beantworten. Pop und Politik sind keineswegs so vermischt wie Sport und Politik. Es ist Lady Gagas Aufgabe, die Massen zu unterhalten. Das hat sie getan, nicht mehr. Es war eine der besten Halbzeitshows der Geschichte, nicht weniger.

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