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Habermas und das Internet:Lernen, lernen, lernen

Jürgen Habermas - 90 Jahre und kein bisschen in Rente

Wie geht es weiter mit der Demokratie in der Netzöffentlichkeit? Da sei eher „eher ratlos als pessimistisch“, sagt Jürgen Habermas.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Aus lauter Lesern werden lauter Autoren: In einem Interview mit der Zeitschrift "Leviathan" äußert sich der Philosoph Jürgen Habermas über den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit, über Wutbürger und Filterblasen.

Während überall die Server heißlaufen im Pingpong zwischen Informationen und Meinungen über den Corona-Erreger, zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, und während parallel zur digitalen Kommunikation das "Viralgehen" durch ein biologisches Geschehen entmetaphorisiert wird, lohnt es sich, daran zu erinnern: Die sprichwörtlich gewordene Formel vom "Strukturwandel der Öffentlichkeit" geht auf die Habilitationsschrift des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zurück, die 1962 als sein erstes Buch publiziert wurde.

Dieses Buch handelte davon, wie sich das demokratische Prinzip der Publizität in der Aufklärungszeit erst gegen Zensur und Geheimpolitik durchsetzen musste, wie aber dann die Kommerzialisierung der Massenmedien - damals sehr düster ausgemalt - das vernünftige Argumentieren auch immer wieder bedroht hat.

Gut dreißig Jahre, eine Studentenrevolte und eine ganze Kommunikationsphilosophie später, im Jahr der Wiedervereinigung 1990, hatte Jürgen Habermas dann in einer sehr langen neuen Vorrede zum "Strukturwandel" nicht bloß von seinen einstigen marxistischen Hoffnungen Abstand genommen, sondern auch versöhnlichere Töne hinsichtlich einer pluralistischen Medienöffentlichkeit angeschlagen. Und heute, noch einmal dreißig Jahre später, da wollen alle von Habermas wissen: Wie bewertet der jetzt 90-jährige Denker den jüngsten Strukturwandel der Öffentlichkeit? Wie verhält er sich zum Diskurs im mobilen Netz und vielleicht auch schon zu den entstehenden neuen Theorien der digitalen Gesellschaft?

Die Kommunikation im Netz ist kein Beiwerk, sondern ein "tiefer evolutionärer Einschnitt"

Während sein monumentales Spätwerk, das letztes Jahr fertig wurde, einen anderen, aber auch in die Moderne verlaufenden Pfad der "Lernprozesse" der Vernunft verfolgt, nämlich die Geistesgeschichte von Glauben und Wissen, hat Habermas im vergangenen Herbst der Zeitschrift Leviathan ein reichhaltiges schriftliches Interview gegeben, das jetzt erschienen (Heft 1/2020, Nomos Verlag) und frei im Netz lesbar ist. Und darin antwortet er auf mehreren Seiten auf die Frage nach dem Stand der demokratischen Öffentlichkeit in ebendiesem Netz.

Die gute Nachricht dabei ist: Wie schon frühere Äußerungen zeigten, beobachtet der betagte Gelehrte unverdrossen wach die Debattenräume der Gegenwart, und er sieht die digitale Kommunikation nicht etwa als ablenkendes Beiwerk, sondern als "einen tiefen evolutionären Einschnitt". Habermas lenkt seine Aufmerksamkeit von den Tweets des Donald Trump bis hin zum prähistorischen Ursprung des Homo sapiens, mit welchem der "Modus kommunikativer Vergesellschaftung" begann. Und er schließt sich dem Dreischritt medienhistorischer Umbrüche nach der Entstehung der Sprache an (manche Forscher unterteilen sie noch in weitere Schritte), nämlich Schrift, Buchdruck, Digitalisierung.

"Der Buchdruck", so Habermas, "hat alle Nutzer zu potenziellen Lesern gemacht, auch wenn es noch drei bis vier Jahrhunderte gedauert hat, bis im Prinzip alle lesen konnten." Nun habe das Internet "alle Nutzer zu potenziellen Autoren gemacht - und wie die Nutzer der Presse erst lesen lernen mussten, muss auch die Nutzung des neuen Mediums gelernt werden. Das wird vergleichsweise sehr viel schneller gehen, aber wer weiß, wie lange es dauern wird." Da ist es wieder, Habermas' Lieblingsfortschrittswort lernen. Immerzu lernt die Menschheit, zum Verlernen scheint sie kaum einmal zu kommen.

Die betrüblichere Nachricht hingegen ist: Zur Analyse der Dynamik der Netzdiskussionen verhält er sich "eher ratlos als pessimistisch", sagt Habermas. "Sonst müsste ich den Strukturwandel der Öffentlichkeit, der sich aktuell vollzieht und der sich während der nächsten Jahrzehnte beschleunigen wird, schon kennen. Diese Untersuchungen muss ich jüngeren Kollegen überlassen; ich kann nur noch spekulieren. (...) Ich weiß einfach nicht, wie in der digitalen Welt ein funktionales Äquivalent für die seit dem 18. Jahrhundert entstandene, aber heute im Zerfall begriffene Kommunikationsstruktur großräumiger politischer Öffentlichkeiten aussehen könnte."

Eine bedrohliche Aporie? Manche Theoretiker des Netzes würden diese Prozesse bloß als weitere, unaufhaltsame Ausdifferenzierung der bürgerschaftlichen Kommunikation ansehen, die aber an ausgewählten Punkten doch noch zu einer gewissen thematischen Konzentration fähig ist - siehe zuletzt "Hanau" und "Corona". Habermas vermisst aber persönlich durchaus die frühere zentrale Stellung von "Tages- und Wochenzeitungen", und er schaut im Internet besorgt auf "die Vielfalt kleiner Nischen für beschleunigte, aber narzisstisch in sich kreisende Diskurse über verschiedene Themen".

Dabei gesteht Habermas zu: "Die unbestreitbaren Vorteile dieser Technik stellt ja niemand in Frage." Die kurzatmige Kleinteiligkeit der Debatten scheint ihm aber die demokratische Verständigung über große Fragen zu gefährden: "Die digitalen Öffentlichkeiten würden sich dann auf Kosten einer gemeinsamen und diskursiv gefilterten politischen Meinungs- und Willensbildung entwickeln. Soweit ich das heute beurteilen kann, hängt vor allem von der Lösung dieses Problems die Richtung ab, in der sich der Strukturwandel der Öffentlichkeit - und insbesondere der politischen Öffentlichkeit - vollziehen wird."

"Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, Wutbürger in Watte zu packen."

Allein schon Habermas' didaktische Kursivierungen scheinen einer "zerfallenden" typografischen Ära anzugehören. Aber das macht seine Überlegungen noch nicht altmodisch; sie zielen in den Kern heutiger Kontroversen über Netzöffentlichkeit und (parlamentarische) Demokratie. Und sein in die Zukunft offener Schluss verweist auf die stets vorsichtige Hoffnung des Philosophen auf "das, was fehlt". Allerdings fragt sich, wie viel "Lösung" die Dynamik der Vernetzung überhaupt zulassen wird. So schreibt der Soziologe Armin Nassehi in seinem Buch "Muster": "Die Digitaltechnik ist derzeit Gegenstand heftigster Erörterungen ethischer, rechtlicher, moralischer und politischer Natur - und bewährt sich tagtäglich als Technik und korrumpiert damit das gute Argument."

Was aber verdorbene Argumente angeht, so zeigt sich Jürgen Habermas in dem Interview keineswegs so empfindlich und utopisch, wie ihm oft unterstellt wird: "Die Diskursethik ist keine Handlungsanweisung, sondern eine Moraltheorie", stellt er klar. Und zum Umgang mit dem Rechtspopulismus lautet seine Empfehlung: "Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, Wutbürger in Watte zu packen. Bürger sind Erwachsene und haben einen Anspruch darauf, als solche behandelt zu werden."

© SZ vom 13.03.2020
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