Guns N' Roses in München Lächerlich? Nicht in diesem Leben

Axl Rose, Sänger von Guns N' Roses, ist der Obererpel unter allen Enterichen. Hier auf einem Konzert in Bilbao.

(Foto: VINCENT WEST/REUTERS)

Guns N' Roses kehren nach mehr als zwanzig Jahren nach Deutschland zurück. Solche Erpel gibt es heute nicht mehr.

Von Julian Dörr, München

Der Enterich quakt. Ein kleiner See auf dem Münchner Olympiagelände. Drüber - auf dem Hügel, im großen Stadion - spielen gleich Guns N' Roses. Hier unten, in der Kunstseeidylle, ziehen drei Enten ihre Kreise. Genauer: zwei Enten und ein Enterich. Die beiden blassbraunen Enten treiben entspannt im Abendlicht, der Enterich aber ist auf der Balz. Er plustert sich auf, flattert, reckt seinen prächtigen grün-glänzenden Kopf.

Und man muss sich nun diese Enten anschauen, um das ganze Dilemma von Guns N' Roses zu verstehen. Diese megalomanische Hard-Rock-Band stammt aus einer Zeit, in der es sich mit den Frauen und Männer im populären Musikgeschäft noch so verhalten hat wie mit dem prächtigen Erpel und seinen blass-braunen weiblichen Pendants.

Es war eine Zeit, in der Männer in Spandex-Hosen, Fransenjacken und Cowboystiefeln über die größten Bühnen der Welt stolzierten, um ihre rückenlangen Mähnen zu präsentieren. Poison, Mötley Crüe, Bon Jovi. Der größte Enterich von allen aber, das war Axl Rose von Guns N' Roses. Männer wie ihn gibt es heute nicht mehr, deshalb kann es einen auch zerreißen, sich ihn und seine Kollegen heute anzuschauen.

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Guns N' Roses sind also zurück in der Stadt. Zum ersten Mal seit 24 Jahren. Und fast in Originalbesetzung. Soll heißen: Axl Rose, Slash an der Gitarre und Duff McKagan am Bass. Und sie legen los, als wollten sie sich ihrer Anwesenheit selbst noch ein Mal mit Nachdruck vergewissern. Gleich zu Beginn ackern sie sich durch ein paar heftige Songs ihres Debütalbums. "It's So Easy", "Mr. Brownstone", "Welcome to the Jungle". Uff.

Eine gefährlich tiefdunkelblaue Ader pulsiert auf der Stirn von Axl Rose. Und wo eigentlich überwiegt das Rot deutlicher - in seinem Gesicht oder in seinen nicht mehr ganz so langen Haaren? Die Zeit ist verdammt grausam zu einem alten Enterich wie Axl Rose.

Damals, als die Achtziger langsam in die Neunziger übergingen, sah Axl Rose aus wie ein wunderschönes, 20-jähriges Mädchen. Das zarte Gesicht, die hohen Wangenknochen, die vollen Lippen. Heute steht da eine rundlich-zufriedene Hausfrau auf der Bühne, die all ihren Schmuck auf einmal angelegt hat. Vor der breiten Brust baumeln die schweren Ketten, auf dem Kopf ein breiter schwarzer Hut, die Augen verdeckt eine schwarze Grace-Kelly-Sonnenbrille.

Der eitle Enterich von damals, er steckt noch immer in Axl Rose. Wenn Slash soliert - was er in beinahe jedem Song macht -, dann verzieht sich Rose hinter die Bühne, um sein Kostüm zu wechseln. Neues T-Shirt, neue Lederjacke. Dann geht die Rock'n'Roll-Revue weiter.

Die Leute wollen Hits

Die Bühnenshow bleibt konstant unspektakulär. Hier ein bisschen Pyrotechnik als Tischfeuerwerk, da ein paar Visuals in Bildschirmschoneroptik. Etwas verloren sehen sie also aus, die Männer da vorne auf der großen Bühne. Den Sound verweht der Wind, Axl vernuschelt seine Ansagen zwischen den Songs. "Chinese Democracy"? Interessiert nicht sehr. Die Leute wollen Hits.

Guns N' Roses im Jahr 2017. Verloren? Ja. Aber lächerlich? Diese Kategorie greift hier nicht. Hat sie ja nie. Man erinnere sich: Diese Klamotten! Diese Haare! Dieses Gitarrengepose! Darin hatte sich die ganze Lächerlichkeit des Rock-Macker-Tums doch schon eingeschrieben.

Und nun hat Axl Rose gerade wieder sein T-Shirt gewechselt. Über seinem Bauch spannt sich jetzt das Bild eines süßen Katzenbabys. Was für ein unglaublich lässiger Move! Da steht ein nicht gerade in Würde gealterter, leicht dicklicher Superstar auf der Bühne und krächzt sich durch seine großen Hits. Und trägt ein Katzenshirt. Da ist einer mit sich und der Welt vollkommen im Reinen.

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Das liegt vielleicht auch daran, dass es die alten Streit-Erpel Axl Rose und Slash in den wiedervereinten Guns N' Roses zu so etwas wie friedlicher Koexistenz gebracht haben. Die Zweistaatenlösung des Rock, sozusagen.

Sänger und Gitarrist wechseln sich im Scheinwerferlicht ab. Wenn der eine seinen großen Moment hat, zieht der andere sich brav zurück. Während Rose also zum nächsten Outfitwechsel verschwindet, zwirbelt sich Slash mal durch eine Hendrix-Reminiszenz und mal durch Pink Floyds "Wish You Were Here". Das ist natürlich nervigster Virtuosen-Zirkus, der Stoff, aus dem feuchte Gitarrenlehrerträume sind. Einerseits.

Andererseits ist das aber in seinem heiligen Ernst auch eine echte Befreiung.

Am Bühnenrand sitzt Rose an einem großen Konzertflügel, den ein paar Helfer für diesen Song auf die Bühne gekarrt haben. Die Kamera zoomt auf die Hände von Rose, zeigt den glitzernden Riesenklunker an Roses Finger. Die ersten Takte von "November Rain" setzen ein. Ein lächerlicher Song eigentlich - dieser Pomp, diese Streicher, dieser lederfransige Kitsch. Aber wenn diese merkwürdigen Männer mit ihren vielen Ketten und Ringen und Tüchern und Hüten diesen Song so ganz ernsthaft und aus vollem Herzen hinausspielen in dieses Publikum. Und aus dem Stadion dann zehntausende ernsthaft ergriffene Stimmen aus vollem Herzen zurück brüllen. Dann wird daraus erhabener Kitsch.

Spätestens jetzt ist alles egal. Das große Finale hat begonnen. "Knockin' on Heaven's Door" groovt sich in der zweiten Hälfte in sein eigenes Reggae-Cover. Axl eiert zum Offbeat. Funktioniert. Irgendwie. Zu "Don't Cry" hopst der Sänger von einer Bühnenseite zur anderen, was ihn so viel Atem kostet, dass zum Singen kaum noch Luft bleibt. Dann, endlich: "Paradise City".

Axl quakt und flattert. Singt wieder von dem Ort, an dem die Frauen schön sind. Auf den Rängen tanzen die Girls mit ihren am Bauch zusammengeknoteten T-Shirts. Slash spielt sein Solo mit der Gitarre hinter dem Kopf. Konfettiregen. Feuerwerk. Schluss.

Menschenkörper schieben sich die Hänge des Olympiastadions hinab. Ein grauhaariger Herr wirft die Reste seiner Stadionbratwurstsemmel in den Ententeich. Auf seinem Fan-Shirt steht: "Not in This Lifetime Tour 2017". Der Enterich bleibt unbeeindruckt. Lächerlich? Nicht in diesem Leben.

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