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Grönemeyer-Konzert in Berlin:Herbert, reich mir die Schrippe

Herbert Grönemeyer beim Konzert in Berlin 2019

Grönemeyer dirigiert das Berliner Publikum.

(Foto: dpa)

Beim Auftritt in der Hauptstadt vereint Herbert Grönemeyer seine bekannte Gesangskunst mit politischen Botschaften - und erinnert ein bisschen an einen Schrebergarten. Wenn da die Sicherheitsbestimmungen nicht wären.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Schon am Ostbahnhof werden die ersten Rikschas gesichtet, die, laut Grönemeyer-Songs spielend, Richtung der Arena in Friedrichshain fahren. Der Wind wird heftiger, die Nazis der Stadt verkriechen sich in ihren Löchern und beten, dass es es vorüber gehen möge, denn Grönemeyer ist in der Stadt, und er ist nicht allein: Die Arena ist ausverkauft.

Aber liebe Leute von der Einlasskontrolle: Ja, Sicherheitsbestimmungen sind wichtig, auch okay, dass man keine "Taschen und Rucksäcke, aber auch Beutel und Plastiktüten, deren größte Seite größer als das Format 'DIN A4' (21 x 29 cm) ist" mehr mitnehmen darf. Aber wer besitzt denn einen Rucksack, der kleiner ist als A4? Und hat irgendjemand schon mal einen Beutel gesehen, der kleiner ist als A4? Der normale Berliner Jutebeutel ist knapp über A4, und in den kriegt man kein Maschinengewehr. Aber viel wichtiger: Wenn man schon zwangsweise seinen Kram abgeben muss, warum kostet das denn bitte fünf Euro? Sollte das nicht kostenloser Service sein, da man ja keine Wahl hat? Zwei, drei Euro, ok, aber fünf?

Nachdem man sich allem, was größer ist als A4, entledigt hat, spielt auch schon sehr pünktlich Grönemeyer auf, und der ist definitiv größer als A4. Auch anders geformt, nebenbei gesagt. Er stürmt die Bühne, dass man schon vom Zusehen außer Atem gerät, ein kleiner, bäuchiger, energischer Taifun. Er dirigiert das Publikum, die Halle, aber wahrscheinlich auch das Wetter und den Lauf der Gestirne mit Charisma und beschwörenden Handbewegungen, Licht gleist auf, die ersten drei Songs sind vom letzten Album, Tumult. Eine kurze Musiklehrer-Einlage, in der er die Zuschauer "Und immer" singen lässt. "Jeder braucht ein trautes Umfeld, keiner wohnt für sich / Jeder baut sein Heim als Schutzfeld, baut auf es dich und mich." Ein Mietpreisbremsensong! Dann, als Belohnung, "Bochum" und "Männer".

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Nicht nur die Klassiker, auch die neuen Songs scheinen ihm Freude zu bereiten. Der absolute Höhepunkt ist eine epische Variante von "Mensch". Im Zwischenspiel albert er mit Gesangsübungen fürs Publikum herum, immer absurdere Herausforderungen vorsingend, die es wiederholt. Dann hüpft er vom Albernen in ein tiefernst gesungenes "Du fehlst, du fehlst, du fehlst.", und man glaubt ihm, wie könnte man ihm nicht glauben.

Er performt mit der vertraut Grönemeyrschen Intonation, oft in der Silbe mit der Stimme nachgedrückt, aber auch mit fantastischen Zwischenlauten, Uhs und Ohs und sogar einem ungestümen Aufjodeln hier und da. Die Balladen lassen einen an Marmelade denken. Selbstgemachte Marmelade. Man sieht Herbert vor sich, wie er einem ein Marmeladenbrötchen reicht. In einem Schrebergarten. Aufrecht, prinzipientreu, bodenständig. Die Zwischenansagen nutzt er für politische Statements. Was in den Flüchtlingsbooten passiert, sei eine Schande für uns Europäer. Das hinter ihm eingeblendete Herbert-Grönemeyer-Logo mit seinem im Kreis angeordneten Punkten leuchtet wie die europäische Flagge. "Keinen Millimeter nach rechts!" fordert er. Und eine Schrippe, bitte?

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