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"The Battle At Garden's Gate" von Greta Van Fleet:Blumenkinder

Albumveröffentlichung - The Battle At Garden's Gate

Die mit weitem Abstand allerbeste jüngste "Led Zeppelin"-Tribute-Band der Welt: "Greta Van Fleet".

(Foto: Alysse Gafkjen/dpa)

"Greta Van Fleet" sind auch weiterhin die älteste junge Rockband der Welt.

Von Jakob Biazza

Gut möglich, dass allein in der Zeit, die das Intro aus seinem natürlichen Lebensumfeld in die Gegenwart gebraucht hat, mehrere Generationen Plutonium zerfallen sind - so alt klingt es. Eine Orgel stellt da einen knarzigen, LSD-seligen Akkord in den Raum (für die Menschen mit eher speziellen Hobbys: Es-Dur, mittlere bis tiefe Register). Einer von der Sorte, die das Gehirn ganz wattig auskleidet - langsame Rotation vom Leslie-Lautsprecher, feines Schweben, sanftes Anschwellen. Und von ganz, ganz weit hinten im Raum grollt ein Schlagzeug heran, erst kaum zu hören, aber dann lauter, noch lauter und am Ende ganz schön laut. Dann rumpelt ein famos verstolpertes Fill-in dazwischen, kurzer Break und bumm: Herzlich willkommen in den späten Sechzigern.

Ist schön dort. Akustik- und E-Gitarre begatten einander sehr liebevoll, die Drums tapern mit der Schwere einer halben Flasche Whisky, aber auch mit dem torkelnden Triolen-Shuffle des geübten Trinkers herum. Geigen sind da, ohne dass es gleich schmalzig würde, und natürlich ist da auch diese Stimme. Die Stimme ist sehr wichtig.

Joshua "Josh" Kiszka, der Sänger von Greta Van Fleet, klingt, als hätte Robert Plant eben Janis Joplin verschluckt, die im Todeskampf nun noch ein paar Mal von knapp hinterm Mageneingang nach Bobby McGee kreischt. Und er wirkt im Gesamthabitus wie Freddie Mercury, der mit Kirk Hammett von Metallica die Frisur getauscht hat. Im Video zum Es-Dur-Orgelakkord - "Heat Above" heißt der durchaus großartige Song übrigens - wird er irgendwann eine weiße Rose mit sehr langem Stiel wie ein Zepter in die Luft recken. Er trägt dabei abwechselnd eine Art Hochzeitskleid mit Puffärmeln und einen sehr eng geschnittenen, schulterfreien Onesie mit wallendem Anhängsel - lässt also nichts erkennen, das man als Ironie auslegen sollte.

Von hier an deshalb: Josh Kiszka ist ein doch ziemlich cooler Hund. Genau wie seine Brüder Jacob ("Jake") und Samuel ("Sam"), Gitarrist und Bassist der Band. Nur zeitgemäß ist halt anders.

Auch heute würde die halbe Welt wieder mit der David-Statue namens Jim Morrison schlafen

Und damit wäre schon fast alles gesagt, was es zu diesem auf den ersten Blick etwas erstaunlichen Phänomen namens Greta Van Fleet zu sagen gibt. Fast! Die Amerikaner aus Frankenmuth, Michigan, wirken ja tatsächlich wie eine Mott-Party "Glamrock" gone terribly wrong und klingen, beim ersten, zweiten und auch beim dritten Hören, wie die mit sehr weitem Abstand allerbeste jüngste Led-Zeppelin-Tribute-Band der Welt - großes Rock-Pathos, böse, archaische Riffs, epische Gitarrensoli. Einerseits. Andererseits wird ihre ziemlich alte Musik von ziemlich jungen, ziemlich hippen Menschen gehört. Das ließ sich auf Konzerten überprüfen, als es Konzerte noch gab. Frage also: Warum hören die das?

Gegenfrage: Ja, warum denn nicht? Was, zum Teufel, sollte es heutige Generationen denn scheren, wenn ihnen ihre Großväter vormaulen, dass irgendwas vor 50 Jahren schon da war? Eine der vielen Schönheiten des Pop ist doch, dass beinahe alles, was in ihm so passiert, für jede neue Generation wieder zum ersten Mal passiert. Harry Styles, nur zum Beispiel, ist mit dem gefährlichen Genre der Altmännermusik zuletzt vom Boyband-Cutie zu einem der zeitgemäßesten Popstars der westlichen Welt geworden. Natürlich ist er das. Die Regeln im Pop ändern sich ja nicht. Auch heute würde doch die halbe Welt sofort wieder mit der David-Statue namens Jim Morrison schlafen. Selbstverständlich war Madonna auch in den späten Nuller- und frühen Zehnerjahren wieder eine Selbstermächtigungs-Ikone, als sie plötzlich Lady Gaga hieß. Und mit allem Recht hat Deutschland sich noch mal vor der rohen Gewalt der 187 Straßenbande geschaudert, obwohl es mal Public Enemy gab.

Greta Van Fleet überspringen den Schritt mit der Minimal-Erweiterung, Aneignung oder Umdeutung eben auch noch weitestgehend. Irgendwann muss man ja auch auf die Effizienz achten.

"The Battle At Garden's Gate" (Universal Music), ihr zweites, gerade erschienenes Album (ein paar EPs gab es auch noch), ist entsprechend - Achtung: nichts Neues. Wirklich gar nichts. Aber es ist trotzdem verdammt gut. Beim Songwriting ist man im Vergleich zum Debüt etwas gereift. Die Arrangements wirken eine Spur elastischer, etwas bieg- und anschmiegsamer. Das ist bei Bands, die auf der Gefühlspalette eher das Fach "roh" ansteuern, ja oft keine gute Nachricht. Hier bringt es aber recht nette Momente der Nonchalance - die sehr große, üppig mit Schmelz und Schmalz ausgekleidete Ballade "Tears of Rain" zum Beispiel, die Indie-Hymne "Light My Love" oder "Stardust Chords", das zumindest erahnen lässt, dass es irgendwann zwischen damals und heute Bands wie die Arctic Monkeys gab oder zumindest die Killers.

Und ansonsten? Ansonsten gibt es eben auch weiterhin nur genau zwei Dinge, die wirklich guten Rock ausmachen: Peinlichkeiten nicht peinlich wirken zu lassen. Und sich einen Dreck drum scheren, wenn sie doch peinlich wirken. Und wenn das stimmt, sind Greta Van Fleet womöglich eine der besten Rockbands dieser an peinlichen Rockbands wirklich über- und übervollen Welt.

© SZ/C.D.
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