"Gravity"-Star Sandra Bullock:So leicht, so schwer

Sandra Bullock in "Gravity"

Sandra Bullock als Dr. Ryan Stone in einer Szene von "Gravity".

(Foto: dpa)

Sandra Bullock ist wieder da: neben George Clooney in einem Weltraum-Film, der atemlos macht. Mit 49 Jahren hat sie beschlossen, nicht mehr für alle Welt die putzige Sandy zu zeigen. Eine Begegnung mit der "Gravity"-Darstellerin.

Von Roland Huschke

Ein paar Tage, bevor Sandra Bullock ihr irdisches Image als knuffige Komödientante hinter sich lässt und endlich in die höchsten Sphären filmischer Relevanz entschwebt, wirkt sie verspannt wie nie. Natürlich kann sie nicht wissen an diesem Tag in Los Angeles, dass "Gravity" den besten Start eines Filmes hinlegen wird, an dem sie in ihrer Karriere mitgewirkt hat. 56 Millionen Dollar spielte das Drama über eine verunglückt durchs All trudelnde Astronautin am vergangenen Wochenende allein in Nordamerika ein, flankiert von reichlich Kritikerhymnen und Oscar-Prognosen.

Doch auch wenn sich die Sogwirkung von "Gravity" bei der Weltpremiere in Venedig andeutete, wirkt Bullock ungewohnt abgekapselt von der üblichen Dynamik der Blockbuster-Promotion. Normalerweise schützt sich die Schauspielerin mit selbstironischen Scherzen, ihre Arme flattern im Gespräch, sie will alles und jeden umarmen. Diesmal allerdings steht da eine sichere Deckung. Nicht nur dick aufgetragenes Mascara soll gegen die sichtliche Müdigkeit schützen. Sie wirkt so in sich gekehrt, als treibe sie noch immer ohne Funkverkehr durch den leeren Raum.

Besonders deutlich wird das durch den Kontrast zu Dr. Catherine Coleman, die vorher ihre Expertise zu "Gravity" abgibt. Allzu viel hatte die Wissenschaftlerin mit den tiefen Lachfältchen zwar nicht zu tun mit der Produktion. Doch nach mehreren Missionen als Nasa-Astronautin beschwört sie die Authentizität des 100-Millionen-Dollar-Filmes, der das Publikum in 3D spektakulär spüren lässt, wie überwältigend sich ein Ausflug anfühlt in den Grenzbereich des Fassungsvermögens.

Film als Erweckungserlebnis

"Der Blick von oben ist unschlagbar", zitiert sie einen Filmspruch von Bullocks "Gravity"-Partner George Clooney. Angesichts der eigenen Winzigkeit im Vergleich zur gottgleichen Perspektive im All gehen aber auch der professionellen Astronautin bald die Worte aus. Mit beseeltem Blick äußert sie lieber die Hoffnung, dass "Gravity" ihrem Berufsstand neue Bedeutung verleiht. Schließlich sei das Raumfahrtprogramm in Zeiten knapper Kassen akut bedroht.

Dennoch: Die Faszination für diese ferne, schwerelose Welt da oben ist ungebrochen. Beim Publikum entwickelt sich "Gravity" gerade zu einem echten Phänomen, viele empfinden den Film als Erweckungserlebnis, weil man, wenn man so im Kino sitzt, mit den Hauptdarstellern mitfühlen, mitleiden, mitstaunen kann, wobei es hier weit mehr als drei Dimensionen zu geben scheint.

Dr. Coleman also ist die Frau, die Sandra Bullock auf die Sprünge geholfen hat. Sie wusste auch eine Antwort, als die Schauspielerin kurz vor Drehstart aus ihrem Hollywood-Exil in Austin, Texas, anrief, um zu erfahren, wie man es psychologisch verpackt, abends den Sohn ins Bett zu bringen, wenn am nächsten Morgen die Abschussrampe ins Ungewisse wartet. "Ich war überrascht", sagt die reale über die fiktive Astronautin, "wie viele präzise und kluge Fragen sie hatte." Als Kinomuffel kannte sie "Sandy" nur aus Komödien.

Sandy - so wurde die Tochter einer deutschen Opernsängerin meist genannt, seitdem sie Mitte der Neunziger berühmt wurde mit Filmen wie "Speed" und "Während du schliefst". Das Publikum schätzte sofort ihre Kumpelhaftigkeit, das "Girl Next Door". Dreieinhalb Milliarden Dollar haben Sandys Filme vor "Gravity" schon im Kino eingespielt. Und nur der Himmel weiß, wie viele DVD-Frauenabende mit ihr geteilt wurden. Sie war immer Hollywoods BFF, Best Friend Forever. Als Star kein unerreichbarer Fixstern, dafür mit dem Appeal einer Vertrauten und Freundin, die keine Sekunde als Konkurrentin wahrgenommen wurde. Dramen hat sie auch vorher gedreht und für das Rührstück "The Blind Side" sogar den Oscar bekommen. Doch geliebt wurde Sandy, wenn sie sich bei Kino-Dates nervös um Kopf und Kragen plapperte oder unfallgefährdet auf zu hohen Hacken herumstakste.

Nicht mehr für alle Welt die putzige Sandy

Bei ihrem Auftritt im Four Seasons kann man dann eine ganz andere Persönlichkeit erleben. Abgang Sandy, Auftritt Mrs. Bullock. Man muss zweimal hinschauen, als sie im Stechschritt in einer Phalanx von PR-Polizisten das Hotel betritt. Absolut sicher übrigens auf halsbrecherischen Schuhen, und so durchtrainiert, glattgefönt und schockgeschminkt wie die Shopping Queens des nahen Rodeo Drive. Etwas unwirklich wirkt der Auftritt, bis man ihre Nervosität und Konzentration spürt. Schließlich ist sie es von früheren Filmen wie "Miss Undercover" oder "Selbst ist die Braut" nicht gewohnt, das Gewicht des Existenziellen zu tragen. In "Gravity" geht es ja auch um eine Art von Wiedergeburt, als die Astronautin dem Tod begegnet, bevor sie mitten in der Katastrophe neue Kraft für ungeahnte Ziele schöpft.

Sandra Bullock bei der Premiere von "Gravity"

Sandra Bullock bei der Premiere von "Gravity" in London am 10. Oktober 2013.

(Foto: Getty Images)

"Das Element der Wiedergeburt war der Schlüssel für mich, um alles in diesen Film zu stecken, was ich besaß", sagt Bullock über ihre Rolle. Nicht genug, dass ihre Figur während eines Reparatureinsatzes mit Widescreen-Sicht auf die 3-D-Erde in die Finsternis geschleudert wird, als der Film mit einem Sturm aus Weltraumschrott beginnt. Auch trägt die unerfahrene Astronautin Ryan Stone erdrückend an der Last einer verstorbenen Tochter. Der Tod lauert überall, der nächste Atemzug könnte der letzte sein. Nicht den Hauch einer Chance für einen Sandy-Scherz, um den Druck abzubauen.

Sandra Bullock erzählt von Klaustrophobie und Depressionsschüben während eines beispiellosen Drehs, bei dem sie zur Simulation von Schwerelosigkeit meist allein in einem fensterlosen Würfel hockte. Zehn Stunden am Tag ohne Pause, nur über Funk kommunizierend, von Roboterarmen minutiös durch den Raum bewegt. Zur Motivation hatte die Crew über der Kapsel die Worte "Sandra's Cave" in blinkenden Neonlettern angebracht, doch aushalten konnte sie das alles nur mit der Aussicht auf ihren dreijährigen Sohn Louis am Ende des Tages. Bullock atmet tief durch, wenn sie den Hunger auf Grenzerfahrungen beschreibt, obwohl ihr ursprünglich gar nicht der Sinn nach Arbeit stand.

"Als Mutter eines kleinen Kindes befindet man sich im dauernden Schwebezustand", erzählt sie. "Du musst deine Balance finden, während dir das Leben Knüppel zwischen die Beine wirft. Der Trick ist es, die Zeit dazwischen zu schätzen, wenn das Leben süß ist und das Sorgen pausiert." Als sie den Regisseur Alfonso Cuarón das erste Mal traf, sei sie selbst ziellos durchs Leben gedriftet. "Cuarón wurde mein Anker." Der Fokus auf den Film und die Kraft dieser Figur sei für sie selbst wie eine berufliche Wiedergeburt gewesen.

Bullock muss gar nicht weiter erklären, warum sie die Therapie durch Kreativität suchte. Kurz nach dem Gewinn des Oscars für "The Blind Side" 2011 kam es zur Trennung von Ehemann Jesse James, einem Biker mit TV-Show und einer großen Eroberungslust. Unappetitliche Details erreichten die Öffentlichkeit, doch wenn in Zeiten von Shitstorms je ein glückloser Star in ein Mitleidsnetz der Öffentlichkeit fiel, dann Sandy, der niemand ein Happy-End wie aus Hollywood missgönnt hätte. Sie schweigt dazu, so wie sie früher auch zu "guten Freuden" wie Matthew McConaughey oder Ryan Gosling zu schweigen pflegte.

Das Private wird geschützt

Doch die Zäsur ist unverkennbar. Mit 49 Jahren hat Sandra Bullock beschlossen, nicht mehr für alle Welt die putzige Sandy zu zeigen. Lieber volles Risiko! Zu sehen war das sogar schon in "Taffe Mädels", einer herrlichen Komödie aus dem letzten Sommer. Da ist die Komikerin Melissa McCarthy ihre Partnerin, und zum ersten Mal nimmt Bullock hier den passiven Part ein. Sie reagiert mit trockenster Mimik auf Clownereien statt durch Kulissen zu stolpern.

Weil niemand auf Dauer mit Millionen von Zuschauern befreundet sein kann, hat Bullock eine strikte Lebenstrennung vorgenommen. Das Private wird geschützt, die Aura des Geheimnisvollen macht sie nur interessanter; nach Hollywood kommt sie längst nur noch zum Arbeiten. "Wenn ich für meine Filme die Werbetrommel rühre", sagt sie, "dann geht es überhaupt nicht um mich, sondern ich schlüpfe sozusagen in die Maskerade des Stars, um das Spiel mitzuspielen. Danach fahre ich wieder heim, und in Austin brauche ich bestimmt keine Stylisten mehr, da nimmt mich niemand als Berühmtheit wahr."

Gut möglich, dass sie künftig mehr Anreize denn je bekommen wird, sich als Star zu verkleiden. Für "Gravity" wird sie garantiert wieder ins Oscar-Rennen gehen, und den Fehler, ihr Potenzial zu unterschätzen, hat nun auch der letzte Skeptiker begriffen. Von wegen, Frauen in Hollywood würden abgesägt mit zunehmendem Alter. Sandra Bullock wird kommenden Sommer fünfzig. Sie hat sich von Zwängen befreit, auch wenn diese Loslösung fast so anstrengend ist wie der Job als Weltraum-Astronautin.

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