Grammy-Verleihung in Los Angeles:Sie selbst ist natürlich die Torera

Lesezeit: 7 min

Da weitet sich sofort alles. Wilde Stiere stampfen in die Arena, dargestellt von muskulösen Tänzern. Und sie selbst ist natürlich die Torera. Sie fordert eine Revolution der Liebe, sie ist 56 Jahre alt, und wenn Angus Young mit 59 noch kurze Hosen auf der Bühne tragen darf, dann werden für Madonna ja wohl Hotpants in schwarzer und roter Spitze okay sein. Außerdem macht sie all die Übungen vor, mit denen sie sich so bewundernswert fit hält. Ist ja nicht ihre Schuld, dass jemand wie Taylor Swift verglichen mit ihr wie eine alte Jungfer wirkt.

Als Madonna ihre Stiere zur Strecke gebracht hat, dürfen Super-Bowl-Gewinner Malcolm Butler und Julian Edelman das beste "Rock Album" prämieren. Zur Wahl stehen: die aktuellen Werke von Ryan Adams, Beck, den Black Keys und von Tom Petty and The Heartbreakers. Außerdem das Machwerk, mit dem U2 neulich die iTunes-Mediateken von Milliarden wehrlosen Apple-Kunden verstopften. Hier gewinnt - und das ist eine kleine Überraschung: Beck mit "Morning Phase".

Keine so große Überraschung hingegen ist, wer für die "Best R&B Performance" ausgezeichnet wird. Beyoncé natürlich. Sie dankt erst einmal höflich ihrem Gott und dann auch ihrem Ehemann Jay-Z für das Erreichte.

Paul McCartney schämt sich. Und setzt sich

Und so geht die Veranstaltung Stunde um Stunde dahin wie eine Hochzeitsfeier auf dem Lande, mit viel Musik auch für Oma und Opa. Als Jeff Lynne mit seinem Electric Light Orchestra aufspielt, wird Paul McCartney von den Kameras beim Tanzen erwischt, wofür er sich schämt. Er setzt sich dann sofort wieder hin.

Gwen Stefani und Adam Levine heulen sich gegenseitig an, als sei jeder von ihnen ein Hund, der den jeweils anderen für einen Mond hält. LL Cool J fragt: "Ready to be taken to church?" Und als der Saal "ja" gerufen hat, kommt Hozier und singt das Lied "Take me to Church", woraufhin er Besuch von Annie Lennox bekommt, die es ja auch noch gibt. Und die auch noch ganz schön laut singen kann.

Das beste Country Album stammt dann von Miranda Lambert, der Frau mit den Cowboystiefeln und der Windmaschine, die wir schon hören durften. Und auf einmal steht abermals Pharrell Williams auf der Bühne und trägt schon wieder kurze Hosen, diesmal aber gehören die zu der Uniform eines Liftboys. Seine Geigerinnen sind diesmal gelb. Der Pianist, der sich beim Spielen gar nicht wieder einkriegt, heißt Lang Lang. Und der Titel "Happy."

Schnitt: Obama. Auf einem Bildschirm zugeschaltet. Gar nicht happy. Es geht ihm um häusliche Gewalt. Die Musiker mögen auf das Problem aufmerksam machen, ihre Fans sensibilieren. Danach singt Katy Perry ein Lied, in dem es um Suizid geht. Wenn man während ihres Pausen-Auftritts bei der Super Bowl noch den Eindruck bekommen konnte, man sei aus Versehen zum Kinderkanal gewechselt, hat sie hier eher etwas von einer Kassandra an einem deutschen Stadttheater. Auch mal ganz schön.

Am allerschönsten ist aber dies: Tony Bennet, inzwischen 88, und Lady Gaga, mit grauweiß gefärbter Mähne sich ausnahmsweise mal entschlossen älter machend als sie ist, singen "Dancing Cheek to Cheek" - ganz souveränen Bar-Jazz. Wenn Woody Allen mal nicht mehr kann, wären die beiden ein guter Ersatz für die Montagabende im Carlyle Hotel.

So ein spezieller "Grammy-Moment" soll das ganz offensichtlich werden, als Rihanna, Paul McCartney und Kanye West zum ersten Mal ihr gemeinsames Lied "Four Five Seconds" live aufführen. Wird es aber irgendwie nicht.

Plötzlich ist da Prince. Prince!

Dann singt auch endlich mal Sam Smith etwas, und zwar zusammen mit Mary J. Blige. Und irgendwann ist, wer weiß woher, plötzlich Prince da. Prince! In einem orangefarbenen Vollplastikfummel mit Schlaghose. Weißer Stock. Sonnenbrille. Wahnsinn. Die Menge, schon gut müde inzwischen nach fast drei Stunden, wacht noch mal kurz auf. Als er dann aber doch nichts singt, sackt sie augenblicklich wieder zurück. Zumal er den Grammy für das Album des Jahres überreicht. Und zwar an Beck. Schon wieder Beck. Großes Unverständnis auf Twitter. Aber die meisten, die das nutzen, waren ja auch gerade erst geboren, als Beck mit "I Am A Loser" bekannt wurde.

Er singt später noch ein Duett mit Chris Martin, der dabei schaut, als wolle er Beck anschließend einen Heiratsantrag machen. Dann noch Beyoncé im weißen Engelskleid, und dann ist es irgendwann geschafft. Vorher gewinnt Sam Smith, wer sonst, noch die wichtigen Kategorien "Song of the Year" für "Stay With Me" und "Record of the Year".

Diesmal nun geht sein Dank an den jungen Mann, der sein Herz gebrochen und ihm auf diesem Wege zu so vielen Grammys verholfen habe. "I am having a really, really really good night", sagt er.

Das kann man ihm glauben. Für alle anderen war die Nacht zumindest wirklich, wirklich, wirklich lang.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema