Süddeutsche Zeitung

Grammy-Verleihung in Los Angeles:Da war mal mehr Ehrfurcht im Spiel

Lesezeit: 7 min

Wie eine Hochzeit auf dem Lande: Bei der 57. Grammy-Verleihung gibt es gerührte Worte, Bombast und viel Musik für Oma und Opa. Selbst der Auftritt von R&B-Rüpel Kanye West wirft nur eine Frage auf: Trägt er etwa Jogginganzug?

Von Peter Richter, New York

Zu Beginn sieht es so aus, als würden das die Grammys des Jahres 1980 werden: AC/DC spielen "Highway to Hell", erschienen im August 1979, und davor das neuere Lied "Rock or Bust", das aber auch nicht viel anders klingt. (Lesen Sie hier die Album-Kritik.) Darum geht es bei AC/DC schließlich. Deshalb trägt Angus Young beim Gitarrespielen auch bis heute kurze Hosen und muss höchstens faltiger, aber niemals älter werden.

Ewige Jugend, immer weiter, immer das Gleiche: Das gibt dem Abend gewissermaßen eine Richtung. Dave Grohl von den Foo Fighters rockt im Publikum mit wie ein Teenager vor dem Kinderzimmerspiegel. Auch Lady Gaga tanzt, soweit das ihre Garderobe zulässt. Andere passen auf, dass die Nähte im Gesicht nicht platzen, haben aber immerhin kleine rot leuchtende Teufelshörnchen aufgesetzt.

Als die australischen Hardrocker von einem Lichtdom verschluckt worden sind, sagt LL Cool J freundlich Hallo, und dass er jetzt als Gastgeber durch den Abend führen werde. Dabei wirkt er gar nicht wie ein gefährlicher Rapper, eher wie ein lieber Hausmeister. Dann steht auch schon Taylor Swift auf der Bühne, die Serien-Grammy-Siegerin vergangener Jahre, und ist zu diesem Anlass vom Floristen an der Ecke in türkisblaue Folie gewickelt worden - jedenfalls sieht ihre Robe ein bisschen so aus. An ihr ist es, vorzulesen, wer in diesem Jahr der "Best New Artist" ist. Und der heißt nicht Iggy Azalea, nicht Bastille, nicht Brandy Clark, nicht Haim, sondern - Sam Smith.

"Mom, Dad, ich habe gerade einen Grammy gewonnen"

Der ist, wie man mehr oder weniger über Nacht hat lernen dürfen, 22 Jahre alt, lebt in London, war mal in einen Mann verliebt, der ihn aber nicht zurückliebte, was ihn zum Verfassen sehr trauriger angemessen souliger Klagelieder veranlasste, für die ihn die ganze Welt jetzt verehrt. Vor allem aber die Juroren der Grammy Awards. Es ist daher nur das erste Mal an diesem Abend, dass man diese schöne, zu berühmten Falsettkunststücken fähige Stimme niedliche Dankesworte vortragen hört: "Mom, Dad, ich habe gerade einen Grammy gewonnen!"

Er trägt dazu ein rotes Sakko und das weiße Hemd hochgeschlossen, aber eine Krawatte haben ihm Mom und Dad in der Eile nicht mitgegeben.

Dann singt Ariane Grande, begleitet von einem gläsernen Flügel und ätherischen Streichern in einer blauen Tropfsteinhöhle ein schmerzliches Lied und sieht sehr, sehr schön aus dabei. Am Ende weint sie fast selbst vor Rührung. Anschließend bietet Sir Tom Jones mit Jessie J. ein Duett dar, wobei sein blaues Sakko glitzert wie eine besonders verheißungsvolle Sternennacht, während Frau J. sich für ihren Auftritt etwas übergeworfen hat, das auch von einem esoterischen Tätowierer stammen könnte. Und dann geht es auch schon um die "Best Pop Solo Performance". Gewinner hier ist Pharell Williams mit "Happy".

Pharrell Williams: schlammfarbener Zweireiher mit gleichfarbiger Fliege, dazu Bermudas. Die zweite kurze Hose des Abends. Will sich nicht peinlich linkisch benehmen bei der Dankesrede. Geht dann aber doch in die falsche Richtung und steht für einen Moment verwirrt herum wie ein kleiner Junge - dafür ist er aber genau richtig angezogen.

Im Anschluss muss Country gehört werden mit Miranda Lambert, einer Frau, deren Lederleggins unten in Cowboystiefeln enden. Es gibt eine leistungsstarke Windmaschine vor ihr und hinter ihr als Kulisse etwas, das eine fortwährend explodierende Reifenwerkstatt darstellen könnte. Rihanna staunt und lauscht, in einer Robe von Giambattista Valli, die sie ausschauen lässt wie ein besonders gelungenes Korallenriff. So groß ist Amerika, so weit ist auch die Landschaft seiner Musik.

Dann: "Best Pop Vocal". Coldplay etwa? Oder Miley Cyrus? Ariana Grande? Katy Perry? Ed Sheeran? Natürlich nicht. Natürlich wieder der Mann, der auch da noch aus voller Brust röhren kann, wo bei anderen längst die Kopfstimme begonnen hat. Natürlich wieder Sam Smith aus London. Diesmal erzählt er, dass er versucht habe, Gewicht zu verlieren, bevor er seine Platte herausbrachte, sowie andere rührende Dinge.

Vielleicht könnte man sagen: Sam Smith ist Boy George als Schwiegersohntyp, was immerhin Zeiten voraussetzt, in denen es Homo-Ehen gibt. Und das deutet wenigstens an, dass es doch so etwas wie Fortschritt gibt, irgendeine Entwicklung. Seiner Musik ließe sich das schon weniger entnehmen. Die könnte auch von sonstwann sein.

Kanye West? In Juicy Couture???

LL Cool J wiederum sagt: "Dreams have no deadlines, believe in yourself" und hofft, dass er damit ein gut Twitter-taugliches Zitat in die Welt gesetzt hat, was auch stimmt. Es wird getweetet wie verrückt, und zwar ganz besonders, als daraufhin zum ersten Mal seit sechs Jahren Kanye West wieder die Bühne einer Grammy-Verleihung betritt. Die meisten Twitterer beschäftigt allerdings nur eine Sache: Ob das Juicy Couture sei, was er da trage? Das Label ist vor allem für seine prolligen Damen-Trainingsanzüge aus Frottee bekannt.

Da war auch mal mehr Ehrfucht im Spiel. Kanye tanzt also auf einem Scheinwerfer im Fußboden herum, einer Art Lichtdusche von unten. Er sieht dadurch aus wie jemand, der sich mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtet, um gruselig zu erscheinen - was es aber auch nicht einfacher macht, sich unmittelbar danach zu erinnern, wie jetzt sein Lied noch mal klang. Autotune spielte wohl eine wichtige Rolle, Soundsoftware, Stimmkompressionen und so.

Ist aber auch schon wieder egal, denn nun kündigen Miley Cyrus und Nicki Minaj eine Frau an, die sicher nicht gerne hören würde, dass sie deren Mutter sein könnte. Diese Frau heißt nämlich Madonna.

Sie selbst ist natürlich die Torera

Da weitet sich sofort alles. Wilde Stiere stampfen in die Arena, dargestellt von muskulösen Tänzern. Und sie selbst ist natürlich die Torera. Sie fordert eine Revolution der Liebe, sie ist 56 Jahre alt, und wenn Angus Young mit 59 noch kurze Hosen auf der Bühne tragen darf, dann werden für Madonna ja wohl Hotpants in schwarzer und roter Spitze okay sein. Außerdem macht sie all die Übungen vor, mit denen sie sich so bewundernswert fit hält. Ist ja nicht ihre Schuld, dass jemand wie Taylor Swift verglichen mit ihr wie eine alte Jungfer wirkt.

Als Madonna ihre Stiere zur Strecke gebracht hat, dürfen Super-Bowl-Gewinner Malcolm Butler und Julian Edelman das beste "Rock Album" prämieren. Zur Wahl stehen: die aktuellen Werke von Ryan Adams, Beck, den Black Keys und von Tom Petty and The Heartbreakers. Außerdem das Machwerk, mit dem U2 neulich die iTunes-Mediateken von Milliarden wehrlosen Apple-Kunden verstopften. Hier gewinnt - und das ist eine kleine Überraschung: Beck mit "Morning Phase".

Keine so große Überraschung hingegen ist, wer für die "Best R&B Performance" ausgezeichnet wird. Beyoncé natürlich. Sie dankt erst einmal höflich ihrem Gott und dann auch ihrem Ehemann Jay-Z für das Erreichte.

Paul McCartney schämt sich. Und setzt sich

Und so geht die Veranstaltung Stunde um Stunde dahin wie eine Hochzeitsfeier auf dem Lande, mit viel Musik auch für Oma und Opa. Als Jeff Lynne mit seinem Electric Light Orchestra aufspielt, wird Paul McCartney von den Kameras beim Tanzen erwischt, wofür er sich schämt. Er setzt sich dann sofort wieder hin.

Gwen Stefani und Adam Levine heulen sich gegenseitig an, als sei jeder von ihnen ein Hund, der den jeweils anderen für einen Mond hält. LL Cool J fragt: "Ready to be taken to church?" Und als der Saal "ja" gerufen hat, kommt Hozier und singt das Lied "Take me to Church", woraufhin er Besuch von Annie Lennox bekommt, die es ja auch noch gibt. Und die auch noch ganz schön laut singen kann.

Das beste Country Album stammt dann von Miranda Lambert, der Frau mit den Cowboystiefeln und der Windmaschine, die wir schon hören durften. Und auf einmal steht abermals Pharrell Williams auf der Bühne und trägt schon wieder kurze Hosen, diesmal aber gehören die zu der Uniform eines Liftboys. Seine Geigerinnen sind diesmal gelb. Der Pianist, der sich beim Spielen gar nicht wieder einkriegt, heißt Lang Lang. Und der Titel "Happy."

Schnitt: Obama. Auf einem Bildschirm zugeschaltet. Gar nicht happy. Es geht ihm um häusliche Gewalt. Die Musiker mögen auf das Problem aufmerksam machen, ihre Fans sensibilieren. Danach singt Katy Perry ein Lied, in dem es um Suizid geht. Wenn man während ihres Pausen-Auftritts bei der Super Bowl noch den Eindruck bekommen konnte, man sei aus Versehen zum Kinderkanal gewechselt, hat sie hier eher etwas von einer Kassandra an einem deutschen Stadttheater. Auch mal ganz schön.

Am allerschönsten ist aber dies: Tony Bennet, inzwischen 88, und Lady Gaga, mit grauweiß gefärbter Mähne sich ausnahmsweise mal entschlossen älter machend als sie ist, singen "Dancing Cheek to Cheek" - ganz souveränen Bar-Jazz. Wenn Woody Allen mal nicht mehr kann, wären die beiden ein guter Ersatz für die Montagabende im Carlyle Hotel.

So ein spezieller "Grammy-Moment" soll das ganz offensichtlich werden, als Rihanna, Paul McCartney und Kanye West zum ersten Mal ihr gemeinsames Lied "Four Five Seconds" live aufführen. Wird es aber irgendwie nicht.

Plötzlich ist da Prince. Prince!

Dann singt auch endlich mal Sam Smith etwas, und zwar zusammen mit Mary J. Blige. Und irgendwann ist, wer weiß woher, plötzlich Prince da. Prince! In einem orangefarbenen Vollplastikfummel mit Schlaghose. Weißer Stock. Sonnenbrille. Wahnsinn. Die Menge, schon gut müde inzwischen nach fast drei Stunden, wacht noch mal kurz auf. Als er dann aber doch nichts singt, sackt sie augenblicklich wieder zurück. Zumal er den Grammy für das Album des Jahres überreicht. Und zwar an Beck. Schon wieder Beck. Großes Unverständnis auf Twitter. Aber die meisten, die das nutzen, waren ja auch gerade erst geboren, als Beck mit "I Am A Loser" bekannt wurde.

Er singt später noch ein Duett mit Chris Martin, der dabei schaut, als wolle er Beck anschließend einen Heiratsantrag machen. Dann noch Beyoncé im weißen Engelskleid, und dann ist es irgendwann geschafft. Vorher gewinnt Sam Smith, wer sonst, noch die wichtigen Kategorien "Song of the Year" für "Stay With Me" und "Record of the Year".

Diesmal nun geht sein Dank an den jungen Mann, der sein Herz gebrochen und ihm auf diesem Wege zu so vielen Grammys verholfen habe. "I am having a really, really really good night", sagt er.

Das kann man ihm glauben. Für alle anderen war die Nacht zumindest wirklich, wirklich, wirklich lang.

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