Goldener Löwe für Lav Diaz:Venedig erfindet sich als Publikumsfestival neu

Und Venedig hat einen neuen Weg eingeschlagen. Der Plan, dem Festival mit einer Filmmesse mehr Attraktivität zu verleihen, wie es die Konkurrenz und Berlin macht, spielt keine Rolle mehr, dafür erfindet sich Venedig gerade als Publikumsfestival neu, was Cannes nun überhaupt nicht ist. Es sind in den letzten Jahren auf dem Raum, den es schon vorher gab, hunderte zusätzliche Plätze entstanden.

In diesem Jahr gab es aber ein funkelnagelneues Theater, wenn auch eines, das nicht für die Ewigkeit gebaut ist. Das rote Teatro Nel Giardino, das jetzt die Uferpromenade so schrill dominiert, dass die alten Faschisten-Bauten daneben ganz klein und schäbig aussehen, war brechend voll, und es gibt Coupons, mit denen Normalsterbliche umsonst Karten in bestimmten Vorstellungen in allen Theatern bekommen können.

Auf dem Lido war wieder richtig was los in diesem Jahr, was aber nicht nur damit zu tun hat, dass der rote Teppich vor der Sala Grande jetzt nicht mehr hinter einer Baustelle liegt, sondern vor allem auch damit, dass auf diesem roten Teppich einiges geboten wurde: Ryan Gosling, Emma Stone, Alicia Vikander, Jake Gylenhaal, Mel Gibson, Michael Fassbender, Amy Adams, Dakota Fanning, Denzel Washington und Chris Pratt - es gibt kaum ein Festival, dass noch Hollywood-Großauftritte bis zum letzten Tag übrig hat.

Viel Aufmerksamkeit für die amerikanische Prominenz

Venedig hatte so viele Filme in den letzten Jahren, die bei den Oscars eine Rolle spielten, dass sie offensichtlich inzwischen mehr bekommen können, als einem lieb sein kann. 20 Wettbewerbsfilme, davon sieben amerikanische, plus "Brimstone", eine europäische Produktion - aber ein Western, mit Dakota Fanning und Guy Pearce in den Hauptrollen. Das ist ein bisschen viel, zumal es ja außer Konkurrenz, auch noch jede Menge Hollywood gab: Mel Gibson, James Franco, Philippe Falardeaus "The Bleeder" mit Naomi Watts und Liev Schreiber, Antoine Fuquas "The Magnificent Seven"... Viele von diesen Filmen waren großartig - so viel geballte amerikanische Prominenz bedeutet aber auch viel Aufmerksamkeit, die dann schon mal nicht dem Kino aus dem Rest der Welt zuteilwird.

Für die großen Festivals sind diese Entscheidungen eine Gratwanderung: Zu wenig Glamour, und kaum einer nimmt Lav Diaz noch zur Kenntnis; zu viel, und Lav Diaz hat es schwer, sich gegen das Paparazzi-Futter durchzusetzen. Man kann letztlich über einige der anderen Jury-Entscheidungen streiten, den Grand Prix für Tom Fords sehr oberflächlichen "Nocturnal Animals" beispielsweise, darüber, dass François Ozons "Frantz" über eine deutsch-französische Liebelei zwischen den Kriegen nur mit einem Preis für die beste Nachwuchs-Darstellerin (Paula Beer) ausgezeichnet wurde; oder ob Ana Lily Amirpours spekulativer Kannibalenthriller "Bad Batch" einen Spezialpreis verdient hat. Man kann aber nicht darüber streiten, dass die 73. Filmfestspiele von Venedig ein guter Jahrgang waren, der Wettbewerb eine Debatte über sehr unterschiedliche Weltanschauungen. Und das ist ja schon mal eine ganze Menge.

© sz.de/sosa
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