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"If I Could Make It Go Quiet" von Marie Ulven:Hörst du Girl in Red, Putin?

Pressebild von Marie Ulven alias Girl in Red

"Tiktok zum Spaß. Musik für die Weltherrschaft": Marie Ulven alias Girl in Red.

(Foto: Jonathan Kise)

Ist die Welt endlich komplett kaputt, wenn man eine 21-Jährige gegen den Schwulenhass von Autokraten ins Feld führen muss? Wahrscheinlich nicht. Über das Pop-Phänomen Girl in Red.

Von Jakob Biazza

In Russland entwickelte die Frage, plakatiert in den Straßen Moskaus, einen ganz eigenen Schwung: "Do you listen to girl in red?" Die besonders Mutigen adressierten Bilder davon im Social Web sogar direkt an den Staatschef - "What's up Putin?" Wie sieht's aus, Putin? Schöne Doppeldeutigkeit. Man kann das Ganze ja auf zwei Arten lesen: Hörst du Girl in Red? Also die Musik. Oder: Hörst du ihr zu? Befolgst du, was sie sagt? Und das Wunderbare ist nun: Beide Übersetzungen sind ein recht direkter Angriff auf die schwulenfeindliche russische Politik.

Girl in Red ist das Pseudonym der norwegischen Sängerin und Songwriterin Marie Ulven, die nach ein paar EPs jetzt gerade ihr Debüt-Album veröffentlicht hat. Einerseits. Andererseits ist der Name inzwischen auch ein Erkennungszeichen. Ulven, gerade 22 Jahre alt geworden, lebt offen queer. Das Thema bestimmt größere Teile ihrer Musik. Vor ein paar Jahren veröffentlichte sie den Song "I Wanna Be Your Girlfriend". Herbstlicher Bedroom-Pop, daunenweiche Gitarren, Erweckungslyrik: "I don't wanna be your friend / I wanna kiss your lips / I wanna kiss you 'til I lose my breath / Oh, Hannah / Tell me something nice / Like flowers and blue skies." Kurzform: Küsse bis zur Atemnot statt Freundschaft mit Hannah. Brachte etwa 160 Millionen Streams allein auf Spotify. Bislang. Irgendwann im Laufe des Jahres 2020 wurde der Künstlername dann zum Code.

Depressionen? Serotoninmangel. Es gibt Medikamente dagegen

"Do you listen to girl in red?" Wer das fragt, will seither nicht mehr unbedingt nur den Musikgeschmack abklopfen, er oder sie tastet auch nach der sexuellen Orientierung. Es gab Poster mit dem Slogan, T-Shirts - und eben die Plakataktionen. In São Paulo. In New York. In Moskau. "What's up Putin?"

Frage: Ist die Welt endlich komplett kaputt, wenn man eine damals 21-Jährige gegen den Schwulenhass eines 68-jährigen Autokraten ins Feld führen muss? Oder besteht genau dann Hoffnung?

Bei Forbes versuchten sie sich an einer Antwort und nahmen Ulven in ihre "30 Under 30" im Bereich Entertainment auf - eine Liste mit gesellschaftlich besonders bedeutenden jungen Menschen. Der heutige Superstar Dua Lipa zum Beispiel wurde da vor vier Jahren auch geführt. "Ulven tackles stigmatized mental illnesses", hieß es unter anderem zur Begründung, sie kümmert sich nun auch um die Stigmatisierung von Depressionen und anderen psychischen Krankheiten. Und, wichtiger noch, deren Verklärung.

Die ersten Zeilen auf ihrem eben erschienenen, famosen Album "If I Could Make It Go Quiet" (World in Red/Rough Trade): "I'm running low on serotonin / Chemical imbalance got me twisting things / Stabilized with medicine / There's no depth to these feelings". Große Dämonen-Jagd? Glorifizierung der peinigenden Abgründe? Prominent in die Auslage gestelltes Seelen-Schwarz? Eben nicht. Wir haben das Jahr 2021. Die Generation Z. Depressionen müssen nicht mehr zu Heldensagen vom psychisch abgefieselten Künstler hochgeschrieben werden. Sie sind jetzt einfach Serotoninmangel und chemisches Ungleichgewicht. Es gibt Medikamente dagegen. Man kann die nehmen. Und sich Hilfe suchen. Niemand muss noch so tun, als würde Leid ihn oder sie außergewöhnlich machen. Girl-in-Red-Follower bei Tiktok: 1,8 Millionen. Ungefähr drei Mal Oslo.

Der Pop macht ja oft Spaß. Wirklich grandios wird er aber doch immer noch dann, wenn sehr private Themen plötzlich sehr politische Bedeutung bekommen. Selbstbeschreibung von Ulven im Videoportal: "tik tok for funzies music for world domination". Tiktok zum Spaß. Musik für die Weltherrschaft. Womöglich besteht also wirklich Hoffnung für die Welt. "Do you listen to girl in red, Putin?"

Allerdings ist die Sache mit der Weltherrschaft natürlich auch die: Wer das ganze Ding will, muss groß denken. Finneas O'Connell - Songwriter, Produzent, Bruder von Billie Eilish (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) - hat am Album mitgearbeitet. Der knautschige, immer etwas bettwarme Flausch-Indie, für den Girl in Red bislang stand, ist auf "If I Could Make It Go Quiet" also manchmal überraschend wuchtig, pompös, wütend - und ja, auch gut frisiert. Er funkelt, drückt und pumpt. Die Klaviere haben Pathos, die Drums federn hüftlocker davon. An ein paar Stellen rappt Ulven sogar - und das überhaupt nicht schlecht. Außerdem scheint sie vor Arbeitsbeginn noch mal viel Nullerjahre US-Indierock nachgeschlagen zu haben. An ein paar (sehr wenigen) Stellen sk8er-boit die Musik deshalb etwas. Ein paar der frühen Fans gefällt das nicht so gut.

Dafür soll Billie Eilish - Schwester von Finneas, ebenfalls Stilikone junger Frauen, Sängerin (auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) - sich gemeldet haben. "Billie Eilish said my lyrics were bonkers", hat Ulven jüngst, sehr stolz, erzählt: bekloppte Texte. Ziemlich sicher ein Kompliment. Und selbst wenn nicht: Billie Eilish hört Girl in Red. Auch das wird etwas bedeuten.

© SZ/mau
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