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Ein Gedicht von Friedrich Ani:Roboter

Friedrich Ani, Jahrgang 1959, wurde durch Kriminalromane bekannt, schreibt aber auch Drehbücher ("Tatort") und Lyrik.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Friedrich Ani schreibt nicht nur Romane, sondern auch Lyrik. Wie dieses Gedicht aus der Pandemie.

Von Friedrich Ani

Ich gehe in den Supermarkt.

Geh du in den Supermarkt.

Wer spricht? Wer geht?

Ich bin das enteignete Ich.

Mich bestimmen Gesetze einer irren Logik.

Ich gehe in den Supermarkt.

Ich gehe, ging und war gegangen.

Heute gehe ich nicht in den Supermarkt.

Die Regierung erlaubt gehen.

Die Regierung erlaubt Supermarkt.

Die Regierung erlaubt Friseur.

Ich werde zum Friseur gehen.

Ich werde zum Friseur gegangen sein.

Ich werde kein Anderer werden.

Die Anderen sind Ich.

Der Supermarkt bleibt Supermarkt.

An der Kasse sitzt die Gesundheitsministerin.

Es ist immer dieselbe.

Sie spricht gebrochen Deutsch.

Sie spricht perfektes Serbokroatisch.

Sie spricht.

Ich spreche nicht.

Ich gehe in den Supermarkt

und wieder hinaus

in die unsichtbare Luft.

Im Unsichtbaren hockt der Tod.

Ich gehe in den Supermarkt.

Die Spreewaldgurken sind aus.

© SZ/rjb
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