Fünf Favoriten der Woche:Ab ins Wilde, Weite, Unbekannte

Christine and the Queens: Joseph

Diesmal mit einem Museum to go, 2700 Kilometern Fernweh, 10 000 Coverversionen von "Freedom". Und der Frage: Wie wohnen eigentlich Architekten?

Von SZ-Autorinnen und SZ-Autoren

Freiheit oder was?

Manche Songs wurden derart oft gecovert, dass man keine Ahnung hat, wer der Schöpfer war. Man kann dann natürlich immer Bob Dylan vorschlagen, in 80 Prozent der Fälle liegt man damit richtig, manchmal aber eben nicht. Sicher gibt es auch Menschen, die annehmen, "Freedom" sei von Robbie Williams. Der hatte die Selbstbefreiungs-Hymne nach seinem Ausstieg bei Take That 1996 gesungen. Stimmt aber nicht. "Freedom" ist natürlich von Christine and the Queens. Na gut, stimmt auch nicht, ursprünglich ist es von George Michael. Aber die französische Band hat "Freedom" jetzt nochmal ganz nackt ausgezogen und neu ausgestattet. Zu hören ist das unbedingt laut aufgedreht zu Hause, eindrucksvoll zu sehen ist es bei ihrem Auftritt auf dem "Global Citizen Live Festival" im September. Nur Héloïse Letissiers glasklare Stimme, ein dicker Beat, ein Gospelchor, der irgendwann nach vorn stürmt. Wahnsinn. Christiane Lutz

2700 Kilometer Fernweh

Rebecca Maria Salentin hat Angst vor Gewitter, tiefem Wasser und allem, was steil, hoch oder zerklüftet ist. Sie hasst Wandern, erst Recht, wenn es bergauf geht, und fängt schon beim Anblick einer Treppe an zu schwitzen. Außerdem hat sie Angst im Wald, fürchtet sich vor Spinnen und Hunden, ist nachtblind und verträgt kein Gluten. Ideale Voraussetzungen um alleine 2700 Kilometer zu laufen! Auf dem "Weg der Freundschaft", dem Internationalen Bergwanderweg Eisenach-Budapest, der durch Thüringen, Sachsen, Tschechien, die Slowakei, Polen und Ungarn führt. Was bedeutet, dass man meist auf ziemlich steilen Wegen unterwegs ist, inklusive Übernachtungen im Wald. In Landschaften, die so einsam sind, dass es dort Bären gibt. Salentin geht einfach trotzdem los. Zu Hause ist es schließlich auch nicht besser: Beide Kinder sind ausgezogen, ihr Partner hat sich als handfester Betrüger entpuppt und sie sitzengelassen, also hat sie Tabula rasa gemacht, die Wohnung aufgelöst, den Job an den Nagel gehängt und ist im Juni 2019 aufgebrochen.

Für FEU Favoriten

Rebecca Maria Salentin nimmt die Leser mit in die beeindruckend schöne slowakische Malá Fatra.

(Foto: privat)

Das eine Wunder ist nun, dass Salentin im Spätherbst tatsächlich in Budapest angekommen ist. Das viel größere Wunder ist aber "Klub Drushba", das Buch, das sie aus dieser Lebenswanderung gemacht hat (Voland und Quist, 320 Seiten, 20 Euro). Sowas Witziges, Herzerwärmendes, Ermutigendes, man möchte sich das nach dem Lesen nicht ins Bücherregal stellen, sondern in den Lebensrucksack packen, in den nur die wirklich essentiellen Dinge reinkommen. Weil sie nie nur diesen Weg entlangstapft, sondern dabei durch ihr ganzes Leben und die mitteleuropäische Geschichte läuft. Und weil sie den "Weg der Freundschaft" wörtlich nimmt: Das Einzige, was ihr vor dem Aufbruch noch geblieben war, waren die Freundinnen und Freunde. Also bittet sie sie, jeweils ein Stück mitzuwandern. So wird das Ganze zu einer Art existenzieller Generalinventur, denn was wirklich zählt, das sind am Ende die Beziehungen. Wenn Salentin einen dann noch über die beeindruckend schöne slowakische Malá Fatra mitnimmt, bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum man nicht selbst längst aufgebrochen ist ins Wilde, Weite, Unbekannte. Alex Rühle

Der Seewolf

Die Tage werden wieder kalt und dunkel - höchste Zeit für das wärmende Feuer der Erinnerung. Vor 50 Jahren realisierte der Filmproduzent Walter Ulbrich sein Meisterwerk: den Abenteuerklassiker "Der Seewolf". Keiner seiner großen Weihnachtsvierteiler hat sich so tief ins Gedächtnis eingegraben. Das hat auch mit der Kartoffel zu tun, die der damals noch unbekannte, frühere Zehnkämpfer Raimund Harmstorf in der Rolle des brutalen Kapitäns Wolf Larsen zerdrückt. Die bedrohliche Spannung dieser Szene, die den ganzen "Seewolf" auszeichnet, wird aber vor allem begleitet von geradezu epischen Bildern - etwa wenn Larsens Robbenschoner "Ghost" auf glitzerndem Meer am Horizont segelt. Wenn das Abenteuer immer Verlockung und Gefahr zugleich ist, dann ist es im "Seewolf" stellvertretend erlebbar. Für alle Menschen, die sich gerade jetzt in die Kindheit zurücksehnen, könnten die vier Folgen ein Licht im Dunkel sein. Marc Hoch

Der Seewolf

Raimund Harmstorf (re.), mit Kartoffel (Mitte oben) im Film der "Der Seewolf".

(Foto: picture alliance /)

Wie Architekten wohnen

"Wir wissen, was der Arzt uns verschreibt, aber nimmt er auch seine eigene Medizin?" So beginnt ein Artikel in der verehrungswürdigen Zeitschrift Country Life. Der Aufsatz ist bald ein Fall für das Literaturarchiv - aber immer noch aktuell. Auch heute kann man fragen, ob Architektinnen und Architekten, die sich für andere Menschen gern die kühnsten Raumutopien ausdenken, ihrerseits ebenso experimentierfreudig leben.

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"Es gibt", so Country Life 1936, "sehr moderne Architekten, die in sehr alten Häusern leben, und es gibt Verfechter des modernsten Möbeldesigns, die sich selbst lieber mit Antiquitäten umgeben." Der Architekturtheoretiker Léon Krier formuliert etliche Jahrzehnte später eine ähnliche Kritik. In der Fotoserie "Vices publics et vertus privées" (private Tugenden und öffentliche Laster) zeigt er zum Beispiel ein Bild vom ICC in Berlin, das von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfen wurde - als Maschinenraum der Neuzeit. Daneben, es ist perfide, aber auch unterhaltsam, ist ein Bild in Kriers Publikation zu sehen, das die "Privatwohnung" des "Schöpfers des zu trauriger Berühmtheit gelangten ICC" zeigt. Privat wohnte man offenbar in einer Villa mit Säulen und viel Fassadenschmuck.

Der Vergleich hinkt natürlich, im ICC wird nicht gewohnt. Aber dennoch haben der boshafte Krier und die ehrwürdige Zeitschrift nicht ganz unrecht: Man kennt viele Architekten, die privat konventionell wohnen - und für die Öffentlichkeit den radikalsten Wahnwitz proklamieren. Das Buch "Activism at Home", herausgegeben von Isabelle Doucet und Janina Gosseye (Jovis Verlag, 42 Euro), ist daher eine leider bislang nur auf Englisch erhältliche, willkommene Gegenthese zum üblichen Architekten-Bashing. Im Buch werden 29 Bauten vorgestellt, die von den Entwurfsverfassern auch selbst bewohnt werden.

Das könnte zur simplen Homestory werden, aber tatsächlich manifestiert sich in den Architektenhäusern quer durch die jüngere Baugeschichte von Ralph Erskine über Paulo Mendes Da Rocha bis Charles Moore jeweils eine "Kritik an sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnissen". Es geht also um den gebauten Aktivismus einer Architektur, die sich einmischt - und zwar überzeugenderweise dort, wo die Architektinnen und Architekten selbst davon betroffen sind: zu Hause. Gerhard Matzig

Museum to go

Eisleben kann an schlechten Tagen eine dieser gefühlt immer nasskalten Nieselregen-Städte sein, in denen einem das Herz schwer wird, weil außer einem Dederon-Kittelschürzen-Räumungsverkauf nicht viel los ist. Eisleben kann an guten Tagen aber auch das sein, was man eine Perle nennt, und gute Tage sind eben solche, an denen die Leute was unternehmen statt ihre Zeit einfach abzusitzen. Der Filmemacher und Autor Thomas Jeschner hat jetzt etwas sehr Schönes unternommen und in Eisleben ein Pop-Up-Heimatmuseum organisiert. Weil die Stadt zwar über ein durchaus gut bestücktes Depot verfügt, nicht aber über ein klassisches Museum dafür, baute Jeschner einen fliegenden Stand mit Exponaten. Beim Museum to go inklusive: Gespräche über die Frage, wozu sammeln und ausstellen heute überhaupt noch gut sei. Cornelius Pollmer

Thomas Jeschner (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Thomas Jeschner eröffnet sein kleines Pop-Up-Museum am Markt in Eisleben.

(Foto: Thomas Jeschner (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021)
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