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Claude Chabrol:"Die Lebensfreude in Person"

Er nannte sich selbst einen "überzeugten Feministen", war ein Meister des Monströsen und drehte Filme wie "Stille Tage in Clichy": Claude Chabrol. Der französische Regisseur starb im Alter von 80 Jahren.

Selbstironie, schwarzer Humor, Zynismus - wenn von Claude Chabrol die Rede ist, fallen früher oder später diese Worte. Wie kaum ein anderer sezierte der französische Meisterregisseur das bürgerliche und kleinbürgerliche Milieu in seiner Heimat: Mit bösem Spott und scharfer Analyse deckte er das Gewalttätige hinter den braven Fassaden auf.

Claude Chabrol ist gestorben

Chabrol: "Filmen ist für mich wie eine Droge, ohne die ich nicht leben kann. Was sollte ich denn auch sonst treiben?"

(Foto: dpa)

Chabrol stammte selbst aus jenem Milieu, das er Zeit seines Lebens ins Visier nahm. Der Apothekersohn aus Paris, der in der französischen Provinz aufwuchs, verschrieb sich gegen den Willen seiner Eltern schon in jungen Jahren dem Film. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und abgebrochenen Jura- und Pharmazie-Studien ("Ich bin durch sämtliche Prüfungen gerasselt und habe schon die Fragen nicht kapiert.") verfasste er bereits 1957 zusammen mit dem Regisseur Eric Romer ein Buch über sein Vorbild Alfred Hitchcock und veröffentlichte in den fünfziger Jahren im renommierten Filmmagazin Cahiers du Cinema.

Vorliebe für das Monströse

Bereits sein erster Film "Die Enttäuschten" aus dem Jahr 1958 war ein Erfolg; beim internationalen Filmfest von Locarno erhielt er den Preis für die beste Regie.

Er beschrieb einst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wie der Film entstand: "Das war eigentlich eine Schande. Meine erste Frau stammte aus reichem Hause, und wir haben im Grunde nichts anderes gemacht, als dekadente Partys zu veranstalten. Als sie dann auch noch ihre Oma beerbte, wussten wir gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Da beschloss ich, einen Film zu drehen, um wenigstens einen Teil der Kohle auszugeben."

Doch dieser Film und die direkt folgenden Werke Chabrols wie "Schrei, wenn du kannst" begründeten seinen internationalen Ruf als Vertreter der französischen "Nouvelle Vague", jener Bewegung von Filmschaffenden in Frankreich, die gegen den damals etablierten Film rebellierten und schonunglos in eigenen Werken der Realität auf den Grund gehen wollten.

Zusammen mit seinen Kollegen François Truffaut und Jean-Luc Godard wurde er zu den Vorreitern. Der Pfeifenraucher beschrieb seine Schaffensweise einst so: "Ab einem bestimmten Grad der Monstrosität denken die Leute lieber, dass dies nicht möglich sei; hier beginnt für mich meine Arbeit." In gewisser Art und Weise Moralist, konnte er ein einfaches Geschehen in eine fürchterliche Geschichte verwandeln, die tief in die Abgründe des Menschen blicken ließ. Chabrol fand: "Ein schlechter Krimi ist immer noch mehr wert als ein anderer schlechter Film. Weil die gewichtigen Fragen der Menschheit, Leben, Tod, Gut, Böse, darin berührt werden." So drehte er etwa "Der Frauenmörder von Paris" von 1962 oder "Der Schlachter" aus dem Jahr 1970. In seiner langen Karriere als Filmemacher und Drehbuchautor schuf Chabrol mehr als 60 Filme.

Die Frauen spielten für den dreimal verheirateten Gourmet dabei immer eine besondere Rolle: Mit Isabelle Huppert drehte er besonders gerne ("Eine Frauensache", 1988), aber auch Romy Schneider, seine Ex-Frau Stéphane Audran oder Sandrine Bonnaire spielten in seinen Filmen.

Er liebte die Frauen: "Frauen sind einfach schon per se interessant. Um dagegen einen Mann halbwegs interessant zu machen, muss man sich erst mal eine Menge einfallen lassen", sagte er. Männer seien höchstens mal in Ausnahmesituationen heroisch und ließen sich dann sofort feiern. Frauen hingegen seien zäh und packten das Leben an - sie seien die "Heldinnen des Alltags". Chabrol war ein "überzeugter Feminist".

Trotz vieler Erfolgsfilme wie "Violette Nozière" 1977 und später "Biester" (1995) wandte er sich in den achtziger Jahren mit den Folgen für "Inspektor Lavardin" auch dem Fernsehen zu.

Noch im hohen Alter blieb der Workaholic seiner Leidenschaft treu. In den neunziger Jahren folgten die "Stillen Tage in Clichy", praktisch jährlich drehte er bis zu seinem Tod einen Film. "Kommissar Bellamy" aus dem vergangenen Jahr mit Gérard Depardieu sollte sein letzter Film sein.

Wie viel er seinen Kollegen bedeutete, zeigt die Reaktion Depardieus auf die Nachricht vom Tod des Meisterregisseurs: "Claude war die Lebensfreude in Person. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von uns gegangen sein soll."

Für Chabrol war "filmen ist wie eine Droge, ohne die ich nicht leben kann". Was sollte ich denn auch sonst treiben?"

Zum Tod von Claude Chabrol

Das süße Gift