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"Foxcatcher" im Kino:Herr der Ringer

Foxcatcher im Kino

Erst nur merkwürdig, dann zunehmend bedrohlich: Steve Carell als Milliardär John du Pont in Foxcatcher.

(Foto: Scott Garfield)

Ein Komiker als Mörder - kann das funktionieren? Im fünffach Oscar-nominierten Film "Foxcatcher" tut es das. Steve Carell gibt überzeugend einen exzentrischen Milliardär, dessen Bedrohlichkeit sich ganz langsam entwickelt.

Von Susan Vahabzadeh

Wer glaubt, dass Geld alles regelt, der denkt auch, er könnte Menschen besitzen. Bennett Miller erzählt in seinem leisen Drama sehr feinfühlig die Geschichte zweier olympischer Freistilringer, die sich, als ihr Goldmedaillen-Ruhm zur Neige geht, von einem exzentrischen Milliardär anheuern lassen. Sie müssten davonlaufen, als sie merken, dass er sie als ihr Eigentum betrachtet; aber sie tun es nicht.

"Foxcatcher" ist von Anfang an kein Sportfilm, man sieht den Räumen, in denen er spielt, gleich an, dass es um Arm und Reich geht; aber man würde nicht ahnen, dass es bald wirklich um Leben und Tod gehen wird, wäre das alles nicht so ähnlich passiert, in den Achtzigerjahren. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Brüder Mark und Dave Schultz, die Goldringer der USA im Jahr 1984 - aber wenn der Film beginnt, ist das schon vorüber.

Dave (Mark Ruffalo) ist Trainer, und Mark (Channing Tatum) lebt in einer Bruchbude, erzählt für ein paar Dollar von seinen Siegen. Eines Tages ruft dann dieser Milliardär John E. du Pont aus Pennsylvania an, und Mark fährt auf dessen Foxcatcher-Ranch, um sich das Angebot anzuhören. Du Pont ist der letzte Sprössling einer Dynastie, die mit Schießpulver reich geworden ist - ein Mann wie ein altes Kind, er hat sich nun in den Kopf gesetzt, sein eigenes Ringerteam aufzubauen. Und dafür will er die Schultz-Brüder engagieren, am liebsten beide - weil, sagt er, dieser Erfolg Amerika Hoffnung geben würde. Mark nimmt an. Vielleicht flößt ihm das Gemälde von Washington an der Wand bei du Pont Vertrauen ein, er hat selbst ein Time-Titelblatt zu Hause an der Wand, in der Bruchbude; aber diese Bilder stehen nur scheinbar für dasselbe Amerika.

Dekonstruktion des amerikanischen Traums

Bennett Miller, der "Moneyball" gemacht hat, arbeitet hier weiter an der Dekonstruktion des amerikanischen Traums - die Geschichte ist so ähnlich passiert, wie er sie erzählt. Es nützt Mark nichts, dass er sehr gut in etwas ist - er bleibt trotzdem ohnmächtig und ausgeliefert, die Macht bleibt ans Geld geknüpft, in diesem Fall an das Riesenvermögen, das John du Pont geerbt hat, zusammen mit Minderwertigkeitskomplexen und einer ordentlichen emotionalen Störung.

Steve Carell spielt du Pont -ein unangenehmer Typ. Es geht um eine Transaktion, sagt Miller: die Schultz-Brüder bekommen Geld, aber was genau will du Pont dafür? Er fängt bald an, Mark herumzuschubsen. Schreibt ihm vor, was er auf einer Gala sagen soll. Taucht nachts bei ihm auf, im Gästehaus auf der Ranch, wo Mark wohnt. Aber die Stimmungsumschwünge und Machtgesten werden immer schlimmer. Sie werden sich irgendwann in einem Mord entladen. Und heute gibt es die du Ponts tatsächlich nicht mehr: John starb, zu lebenslanger Haft verurteilt, 2010 im Gefängnis.

Natürlich folgt Mark Schultz, als er den Job annimmt, wirtschaftlicher Notwendigkeit; seinen Bruder Dave hat halb das Geld gelockt und halb das Verantwortungsgefühl für seinen Bruder. Aber beide finden es letztlich viel zu normal, dass derjenige, der die Millionen hat, die anderen schikanieren darf - und sich so asozial verhält, wie es ihm beliebt. Keiner schreitet ein.

Bennett Miller hat den Regiepreis bekommen im vergangenen Jahr in Cannes, nun ist "Foxcatcher" für fünf Oscars nominiert, darunter für den besten Film und Miller für die beste Regie - und in manchen Szenen kann man sehr gut sehen, womit er den Respekt der Jury in Cannes gewonnen hat: Das Ringen beispielsweise, so wie Miller es zeigt, ist faszinierend, selbst für bekennende Sportignoranten - es ist ein Tänzeln und zärtliches Tasten, das die beiden Brüder zusammen vollführen, es wirkt irgendwie sehr sozial. Das ist wunderbar inszeniert - und großartig besetzt.

Mutige Besetzung

Denn es war durchaus mutig, den Komiker Steve Carell, der mit der amerikanischen Version von "The Office" und "The 40 Year Old Virgin" bekannt geworden ist, du Pont spielen zu lassen. Nun ist auch Carell bei den Oscars nominiert, ebenso Mark Ruffalo als bester Nebendarsteller - obwohl man darüber streiten kann, ob er wirklich eine Nebenrolle spielt. Er habe, sagt Miller, gleich bei der ersten Begegnung gesehen, was Carell für die Rolle mitbringe - die Leute würden ihn sich immer "irgendwie ungefährlich, gutmütig vorstellen. Ich denke, dass die Leute das auch von John du Pont dachten."

So baut sich das Bedrohliche im Film dann auch langsam auf. Du Pont ist in den ersten Szenen merkwürdig, von sich selbst berauscht, wahrnehmungsgestört. Aber die physische Bedrohlichkeit entwickelt sich ganz langsam und subtil. Eine der stärksten Szenen des Films sieht aus wie ein sexueller Übergriff, eine Wrestling-Szene, die ganz anders funktioniert als die zwischen den Schultz-Brüdern - Mark ringt mit du Pont, der letztlich auf ihm draufliegt. Das ist vielleicht nie so passiert - aber es gehört zu den Stärken dieses Films, dass er nicht die Eckdaten der realen Ereignisse abklappert, sondern versucht, sie zu begreifen.

So sieht man in John E. du Pont auch den Schwächling, der der permanenten Missbilligung seiner Mutter ausgesetzt ist und keine Ahnung hat, was für eine Art Mensch er sein könnte. Er hatte, sagt er einmal zu Mark, nur einen einzigen Freund, als Kind - bis er herausfand, dass seine Mutter auch diesen bezahlte, um mit ihm zu spielen.

Foxcatcher, USA 2014 - Regie: Bennett Miller. Drehbuch: E. Max Frye, Dan Futterman. Kamera: Greig Fraser. Mit: Channing Tatum, Steve Carell, Mark Ruffalo. Studiocanal, 134 Minuten.

© SZ vom 04.02.2015
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