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Fotografie:Ed Ruschas Los Angeles

Cineramadome on Sunset Boulevard photographed by Ed Ruscha in 1973, 1990, and 2007
(Foto: The Getty Research Institute, 2012.M.1. © Ed Ruscha)

Von Andrian Kreye

Zu den obskureren Sehnsüchten gehört dieser Mix aus Nostalgie und Fernweh, für den es noch kein Wort gibt. Wenn man nicht einfach nur gerne in New York wäre, sondern im New York des Jahres 2004 oder 1992. Weil das Internet aber für alles eine Antwort findet, gibt es online nun die Raumzeitmaschine "12 Sunsets" (12sunsets.getty.edu), die das Getty Research Institute aus den Archivbeständen des Künstlers Ed Ruscha zusammengebaut hat.

1966 schnallte der Titan der Pop Art eine motorgetriebene Kamera auf die Ladefläche seines Pickup Trucks und fotografierte jedes einzelne Gebäude auf dem Sunset Strip, dem West-Hollywood-Teil des Sunset Boulevard.

Über die Jahre sind Ruscha und seine Mitarbeiter immer wieder den Sunset Boulevard entlanggefahren. Bis hinunter zum Parkplatz der Surfer, auf dem die Straße auf den pazifischen Ozean trifft. Rund eine halbe Million zum Großteil noch niemals gezeigte Bilder umfasst die Arbeit. Über 60 000 davon hat das Getty Research Institute in einer interaktive Straßenkarte verbaut, so dass man mit dem Cursor Ruschas Bilder entlang den Sunset rauf- und runterfahren kann. Und zwar in einem Jahr der Wahl. 12 verschiedene zwischen 1965 und 2007 kann man ein- oder auch untereinanderstellen.

Weil der Sunset Boulevard immer auch eine Pulsader der Popkultur war, kann man sich dabei entlang der Werbeplakate, der Markisen der Rockclubs und Fensterfronten der Läden auf eine archäologische Reise begeben.

Im Pacific Cinerama lief zum Beispiel 1973 der Agentenfilm "Der Schakal" (siehe Foto), 1990 der Horrorfilm "Arachnophobia" und 2007 der Splatterstreifen "Hostel 2". Tower Records zeigte 1974 überdimensionierte Plattencover von Billy Joel und Earth, Wind & Fire, 1985 von Loverboy und der TV-Serie "Miami Vice", 1997 von den Stones und Genesis. 2007 gab es den Laden nicht mehr. Den Phantomschmerz der Zeit-Raum-Sehnsucht, die einen seither an der Ecke Sunset und Holloway zum Seufzen brachte, lindert nun eben Ed Ruscha.

© SZ vom 24.10.2020
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