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Fotografie-Ausstellung im Museum Folkwang:Magisch aufgeladen

Wenn es ein Schaufenster gibt, in dem die Moderne der Fotografie kontinuierlich aufgefächert wurde, dann war das die Fotografische Sammlung des Essener Museums Folkwang. Nun verabschiedet sich die Kuratorin dieser kongenialen Bühne mit einer klugen Ausstellung.

Die Summe war bescheiden: Nur eben 25.000 Mark hatte Otto Steinert im Portemonnaie, als er 1961 zu einer Auktion nach Genf aufbrach, um eine Studiensammlung historischer Fotografien für seinen Fachbereich an der Essener Folkwang-Schule aufzubauen.

Ausstellung "Der Mensch und seine Objekte"

Souverän gesetzte Akzente

Damals reichte das mühelos, um bedeutende Arbeiten und ganze Werkblöcke aus dem 19. Jahrhundert zu erwerben. Bei gerade mal achteinhalbtausend Mark fiel der Hammer für 144 Bilder der schottischen Porträtisten David Octavius Hill und Robert Adamson, die dem Bieter aus dem Ruhrgebiet ebenso zugeschlagen wurden wie bedeutende Architekturaufnahmen.

Der Fotograf und Lehrer Otto Steinert war für Essen, was der Sammler L. Fritz Gruber für Köln bedeutete: Ein Pionier in der Vermittlung einer Gattung, die sonst noch nicht einmal als museumswürdig angesehen wurde.

Vor dreißig Jahren war das Museum Folkwang ein einsamer Vorreiter, als es nach Steinerts Fischzügen eine eigene "Fotografische Sammlung" begründete. Deren Leitung wurde einer ehemaligen Steinert-Assistentin übertragen, der ausgebildeten Fotografin Ute Eskildsen. Sie kann jetzt, bevor sie im September in den Ruhestand geht, mit einer Ausstellung in Essen ihre Bilanz vorlegen.

Wenn es nach 1980 ein Schaufenster gab, in dem die Moderne der Fotografie kontinuierlich aufgefächert wurde, dann war es die von Ute Eskildsen betreute Sammlung. Man pilgerte nach Essen, um sich wie in einem Fortsetzungsroman über die Fotogeschichte seit den französischen Bisson Frères zu informieren, besonders die damals noch wenig bekannte Fotografie der Weimarer Republik.

Bühne für die Protagonisten aus Amerika

Das Interesse galt vor allem der Neuen Sachlichkeit und dem Neuen Sehen, den beiden maßgeblichen Stoßrichtungen der Zwanziger, woraus sehenswerte Ausstellungen über Germaine Krull ("Avantgarde als Abenteuer"), Aenne Biermann, Werner Rohde, Sahsa Stone, Laszlo Moholy-Nagy und, besonders ertragreich, über die Fotografinnen der Weimarer Zeit hervorgingen.

Kaum irgendwo sonst ließen sich die Schnittmengen der Street Photography und Straight Photography so aufschlussreich verfolgen wie in Essen, wo auch die Protagonisten in Amerika, von Paul Strand bis Robert Frank, eine kongeniale Bühne fanden.

Schwierig wurde es allerdings mit der Zeit, Anziehungskraft und Profil der eigenen Bestände in einem Umfeld zu stärken, in dem die Bezeichnung "Fotografische Sammlung" bald unter den Verdacht der Ghettoisierung geriet. Denn nachdem die Fotografie - was einst in hartnäckiger Überzeugungsarbeit zu beweisen war - als Kunst anerkannt war, drängten die Fotografen folgerichtig als Künstler ins Rampenlicht der Kunstmuseen. Zugleich hat auch der Markt die Fotografie entdeckt, inzwischen lässt sich mit einigen tausend Euro nicht mehr viel ausrichten, wenn es gilt, mitzubieten.

Gewachsene Kontinuität

Gewisse Lücken mögen in Essen dem schmalen Geldbeutel geschuldet sein. Der Versuchung, sich von den Einflüsterungen eines immer größer werdenden Angebots vereinnahmen zu lassen, hat Ute Eskildsen allerdings von Anfang an widerstanden.

Anstatt die Sammlung in alle Richtungen aufzublähen, favorisierte sie die gewachsene Kontinuität, mithin eine Fotografie, die das Sichtbare als authentische Sinnquelle noch nicht in jeder Hinsicht dekonstruiert hat. Umfangreicher vertreten als die mediale Bespiegelung und Hinterfragung des Bildes, wie sie etwa in der Appropriation Art vorgeführt wurde, ist in der Sammlung nach wie vor eine existenzgetränkte, auf Porträt und Milieu fokussierte Fotografie, etwa von Heinrich Riebesehl, Ken Ohara, Helmar Lerski, Bernhard Fuchs, Jitka Hanzlová und Valérie Jouve, von Jocelyn Lee, Pieter Hugo und Tobias Zielony.

Eskildsens Rückblick ist programmatisch für eine thematische Ausbreitung der Sammlung. Pathos ist nicht Sache der Kuratorin aus dem norddeutschen Itzehoe, weshalb sie sich nicht mit einer schillernden Best-of-Parade verabschiedet, sondern ihrer Schau einen klugen Titel mitgegeben hat, der es ihr erlaubt, souverän ihre Akzente zu setzen: "Der Mensch und seine Objekte".

Fingerzeig auf neuere Formen der Bildproduktion

Der Mensch steht hier, in 250 Arbeiten und Werkreihen von 160 Künstlern, immer beispielhaft für sich selbst: als psychedelische Erscheinung bei Stanislaw Ignacy Witkiewicz um 1912, als maskiertes Selbst bei Gertrud Arndt (um 1930), als Konsument im Wirtschaftswunder bei Adolf Lazi 1950 oder als asiatische Fotografin mit Wegwerfkamera bei Martin Parr 1997.

Und die Dinge, die ihn als "seine Objekte" umgeben, erzählen manches von ihm selbst. Sie sind von befremdlicher Schönheit wie ein Rosenstillleben von Heinrich Kühn von 1915, magisch aufgeladen wie zwei Rollen Zwirn bei Florence Henri um 1928, traurig wie der leere Kühlschrank mit Kind bei Jacob Holdt 1975 oder ganz und gar durchschnittlich wie das Café in Bad Salzuflen, das Candida Höfer 1981 fotografierte.

Vom gerahmten Bild spannt die Ausstellung am Ende den Bogen zum realen Objekt. Ein halb geöffneter Laptop liegt auf dem Sockel, auf dem Bildschirm ein Still aus dem "Screensaver" von Adrian Sauer, einem früheren Leipziger Studenten von Timm Rautert. Die Arbeit ist ein diskreter Fingerzeig auf neuere Formen der Bildproduktion, aber auch darauf, dass sich der Kreis dieser Abschiedsausstellung für eine jüngere Generation öffnen möge.

"Der Mensch und seine Objekte" im Museum Folkwang, Essen, bis 29. April. Der Katalog (Steidl Verlag) kostet 34 Euro. Info: www.museum-folkwang.de.