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40. Geburtstag der Zeitschrift "Fotogeschichte":Verdopplung der Welt

Fotogeschichte schreiben- 40 Jahre Zeitschrift Fotogeschichte

Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Hrsg. von Anton Holzer. Heft 158, Winter 2020. Jonas-Verlag, Ilmtal-Weinstraße. 80 S., 24,50 Euro.

(Foto: Jonas Verlag)

Was ist, gehört ins Bild. Und was nicht Bild ist, davon weiß man nichts. Das eindrucksvolle Heft zum 40. Geburtstag der Zeitschrift "Fotogeschichte" zeigt die Fotografie als die eigentliche Kunst der vergangenen 50 Jahre.

Von Thomas Steinfeld

Noch weniger, als man der Schrift entgehen kann, ist es möglich, dem fotografischen Bild auszuweichen. Nicht nur die Städte, sondern auch große Teile des offenen Landes sind bebildert, oft in Gestalt von Reklame, manchmal auch nur, weil es noch etwas anderes zu sehen geben soll als das, was ohnehin da ist. Das Leben eines jeden Menschen ist in Fotografien gefasst, die Zeitungen gleichen sich den Illustrierten an, und in einigen sozialen Medien bilden Bilder den wesentlichen Teil der Kommunikation zwischen den Menschen. Als sich die Fotografie ernsthaft und auf breiter Grundlage zu einer Kunst emanzipierte, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg also, mochte man gedacht haben, man könne der Fotografie mit den Mitteln der Kunstkritik beikommen. Längst ist sie darüber hinaus.

"Das wahre Ausmaß des Triumphs der Fotografie, als Kunst und über die Kunst, wird erst nach und nach erfasst", schrieb die amerikanische Essayistin Susan Sontag in ihrem Essay "On Photography" aus dem Jahr 1977, und damals wusste noch keiner etwas über die digitalisierte Fotografie, über fotografische Gesichtserkennung oder über Selfies. Als Timm Starl, zuvor Betreiber eines Versandantiquariats für Literatur und historische Fotografie in Frankfurt, im Jahr 1981 die Zeitschrift Fotogeschichte gründete, muss er zumindest geahnt haben, dass sich die Bilder schon bald exponentiell vermehren sollten.

Keine Nachahmung, sondern Sehen zweiter Ordnung

Zwar richtete sich sein Augenmerk zunächst auf die "Kommerzialisierung" der Fotografie und einen damit vermeintlich einhergehenden Bedeutungsverlust. Hinter diesen in jener Zeit noch gewöhnlichen Vorbehalten gegen die Warenwelt war jedoch schon ein intellektuelles Programm zu erkennen, das es mit der Eigenart der Fotografie aufnehmen wollte, jenseits aller Kunstkritik: damit nämlich, dass die Fotografie die Wirklichkeit nicht nachahmt, sondern ein Äquivalent zur Wirklichkeit bildet. Sie bringt eine Verdopplung der Welt hervor, keinen Abzug, sie stellt ein Sehen zweiter Ordnung dar, in dem die Welt mit unmittelbarer Evidenz erscheint.

Fotogeschichte schreiben- 40 Jahre Zeitschrift Fotogeschichte

Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Hrsg. von Anton Holzer. Heft 158, Winter 2020. Jonas-Verlag, Ilmtal-Weinstraße. 80 S., 24,50 Euro.

(Foto: Jonas Verlag)

Fotogeschichte hieß für Timm Starl deswegen vor allem Bildkritik. "Um die Bilder zum Sprechen zu bringen", schrieb er zusammen mit seinem Nachfolger in einem Editorial, das zum 25. Geburtstag der Zeitschrift erschien, "muss der Historiker eine Verbindung herstellen zwischen den Dingen im Bild und jenen außerhalb des Ausschnitts": Sein Gegenstand ist zuallererst die Illusion, die in einer Fotografie liegt.

Zum 40. Geburtstag der seit dem Jahr 2001 von Anton Holzer herausgegebenen, im Marburger Jonas-Verlag veröffentlichten und stets in einem grauen Umschlag auftretenden Fotogeschichte ist jüngst ein Themenheft (Heft 157) erschienen, in dem die Zeitschrift sich in Gestalt eines langen Essays selbst historisiert. Erkennbar wird darin, dass in den knapp 160 Ausgaben, die es bislang gibt, etwas gelungen ist, was man mit akademischen Mitteln nicht hätte erreichen können.

Die Zeitschrift setzte die Maßstäbe für den intellektuellen Umgang mit ihrem Gegenstand

An der Universität ist die Fotografie ein Gegenstand der Kunstgeschichte wie der Medien- oder auch Literaturwissenschaft, sie wird in der Soziologie ebenso behandelt wie in der Geschichtswissenschaft. Diese Vielfalt ist notwendige Folge der Mannigfaltigkeit und Intensität, mit der die Fotografie in große Teile des modernen Lebens eingezogen ist. Eine Zeitschrift kann damit anders umgehen, auch wenn sie akademische Standards (nicht aber eine akademische Sprache) achtet. Sie kann die Schwerpunkte wechseln, von Heft zu Heft, sie kann Gastherausgeber hinzuziehen, was in jüngerer Zeit häufig geschehen ist, sie kann ein historisches und theoretisches Wissen anwenden, das außerhalb der Universität existiert, vor allem in Museen, aber auch unter Sammlern und Händlern.

Die Fotografie, das lässt sich hier lernen, ist die eigentliche Kunst der vergangenen fünfzig Jahre: Was ist, gehört ins Bild. Und was nicht Bild ist, davon weiß man zunehmend wenig und oft gar nichts. Etliche Themenhefte der Fotogeschichte haben die Maßstäbe für den intellektuellen Umgang mit ihren Gegenständen gesetzt oder überhaupt erst systematische Forschungen angestoßen. Das gilt für das Heft über die Fototheorie Walter Benjamins (1988) wie für die Ausgabe über Luftaufnahmen ("Himmlische Bilder", 1992), es gilt für das Heft über die Bilder der "Knipser" (1987) wie für die Ausgabe zu den Rückseiten der Fotografien (2003), es gilt für den Schwerpunkt zur Fotografie der Archäologie (2017) wie für das Heft zum Thema "Tiere sehen" (2018). Dabei erscheint die Zeitschrift überhaupt erst seit diesem Jahr im Vierfarbdruck (zuvor hatte es gelegentlich Farbbögen innerhalb eines Heftes gegeben): So lange dauerte es, bis der Widerstand gegen die "Kommerzialisierung" oder, anders ausgedrückt, gegen den Stil der Reklame überwunden und der Einsicht gewichen war, dass Farbbilder und analytischer Anspruch trotz allem zu vereinen sind. Geschadet indessen hat die Reserve gegenüber dem Bunten nicht, im Gegenteil.

© SZ/crab
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