Framing-Check: "Flüchtlingskarawane" Flüchtlinge sind keine Handelsreisenden

Eine Gruppe Migranten aus Mittelamerika durchquert den Río Suchiate an der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala.

(Foto: dpa)

Als "Flüchtlingskarawane" wird gerade eine Gruppe mittelamerikanischer Migranten bezeichnet, die sich auf dem Weg in die USA befinden. Der Begriff verharmlost ihre Not.

Von Jonas Lages

Wo Sprache ist, da ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert. Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel "Zitrone" hört, denkt an "sauer" oder "gelb". Assoziationen lassen sich politisch instrumentalisieren. Frames definieren oft Probleme - und liefern, manchmal implizit, auch gleich die passende Lösung. Bei einem Begriff wie "Flüchtlingsstrom" sieht man vor dem geistigen Auge beispielsweise große Menschenmassen heranrauschen. Eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die vermeintliche Lösung nahelegt: Abschottung.

In einer losen Serie analysiert die SZ das Framing politisch oder gesellschaftlich relevanter Begriffe. Heute: Flüchtlingskarawane.

Wer den Begriff benutzt:

Es begann mit einem Tweet am Ostersonntag. Donald Trump wetterte gegen eine "Karawane" von Migranten aus Mittelamerika, die sich auf dem Weg in die USA befänden. Damit reagierte Trump auf einen Beitrag von Fox News. Der Sender hatte eine Reportage von BuzzFeed aufgegriffen, in der eine Flüchtlingsgruppe als "caravan" bezeichnet wurde.

Seit zwei Wochen befindet sich nun, initiiert durch den Facebook-Post eines Aktivisten, eine weitere Gruppe von asylsuchenden Zentralamerikanern auf dem Weg nach Norden, in die USA. Auch sie sind zum Ziel von Attacken des US-Präsidenten geworden und damit in den medialen Fokus geraten.

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Die USA schicken mehr als 5000 Soldaten an die Grenze zu Mexiko, um den Übertritt Tausender Asylsuchender aus Mittelamerika zu verhindern. Der US-Präsident schürt auf Twitter Ressentiments gegen die Flüchtlinge.

Zunächst setzte die englischsprachige Berichterstattung im Frühjahr den Begriff der "Karawane" noch in Anführungszeichen. Mittlerweile hat sich der Ausdruck migrant caravan aber als feststehender Begriff in den amerikanischen Medien von Fox News bis zur New York Times etabliert.

Und auch im deutschsprachigen Diskurs hat sich in den vergangenen zwei Wochen die buchstäbliche Übersetzung "Flüchtlingskarawane" durchgesetzt. Der Begriff wird von Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Fernsehsendern verwendet. Vereinzelt fiel er bereits 2015 im Zuge der Berichterstattung über die in Europa ankommenden Flüchtlinge.

Was der Begriff suggeriert:

Historisch bezeichnet der Begriff der "Karawane", der etymologisch auf das Persische kārvān (کاروان) zurückgeht, eine berittene Gruppe von Kaufleuten oder Pilgern, die in Asien und Afrika durch unbewohnte Gebiete zog. Zu den wichtigsten Handelsrouten zählte die Seidenstraße; Pilgerkarawanen zogen von Kairo bis nach Mekka. Entlang der Routen befanden sich Raststätten - so genannte Karawansereien.

Heutzutage verweist der Karawanen-Begriff vor allem auf ein romantisiertes Bild jener Regionen, die im Westen als "Orient" bezeichnet werden. Er suggeriert etwa die Vorstellung von Kamelen, die durch Wüsten schreiten. Ganz in diesem verklärenden Sinne gibt es Reiseveranstalter, die den Begriff "Karawane" im Namen tragen. Kameltouren sind bei westlichen Touristen beliebt.

All diese Konnotationen sind Symptome jenes Phänomens, für das der einflussreiche Literaturwissenschaftler Edward Said den Begriff des "Orientalismus" geprägt hat. Orientalismus bezeichnet dabei eine eurozentristische Sichtweise auf Asien und Afrika. Sie grenzt den "Orient" vom Westen als das unterlegene Andere ab und nutzt diese Konstruktion, um die eigene Gruppe zu definieren und das Fremde zu beherrschen.

Wie das die Wahrnehmung steuert:

Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen der Gruppe zentralamerikanischer Flüchtlinge und den historischen Karawanen: In beiden Fällen bewegen sich Menschen zum Schutz in Gruppen fort. Für Kaufleute bestand die Gefahr, überfallen zu werden. Und entlang der Strecke, die die Menschen aus Honduras, El Salvador und Guatemala zurücklegen, sind in der Vergangenheit viele Migranten von Gangs und Menschenschleppern gekidnappt worden.

Doch jenseits der Schutzfunktion der Gruppe sind die beiden Phänomene nicht vergleichbar. Der Begriff "Karawane" verharmlost die Lebensumstände und Beweggründe der Menschen, die sich auf den Weg in den Norden gemacht haben. Sie fliehen vor Armut, Arbeitslosigkeit, Verfolgung, Gewalt, Kriminalität und den Folgen einer Dürre. Es handelt sich um einen ad hoc aus der Not geborenen Zusammenschluss und keine professionell geplante Tour.

Flüchtlinge sind keine Handelsreisenden. Sie transportieren keine wertvollen Waren. Das kostbarste Gut, das sie bei sich tragen, ist ihr Leben und die Hoffnung auf eine würdigere Existenz. Sie gehen zu Fuß, schlafen auf der Straße, sind Sonnenbrand und Dehydrierung ausgesetzt - und befinden sich nicht auf einer Fernreise, wie westliche Touristen bei einer Kameltour. Wer also von einer "Flüchtlingskarawane" redet, spricht den Flüchtenden ab, dass ihre Motive existenzielle sind.

Außerdem folgt die Wortzusammensetzung "Flüchtlingskarawane" den rhetorischen Ausschlussmechanismen des Orientalismus. Indem eine Gruppe zentralamerikanischer Migranten als "Karawane" bezeichnet wird, werden Menschen als das Andere und Fremde markiert, das es auszugrenzen gilt. Sie werden so zur Kontrastfolie, anhand derer sich der Trumpismus selbst bestätigt und definiert. Ganz in diesem orientalisierenden Sinne behauptete Donald Trump, dass sich in dem Flüchtlingszug unbekannte "Middle Easterners" befänden: Menschen aus dem Nahen Osten - von der anderen Seite des Globus. Beweise dafür hatte er keine. Ideologische Absichten aber zweifelsohne. Semantisch rückt er die Asylsuchenden damit in die Nähe von Terroristen.

Was ein weniger framender Begriff wäre:

Dass sich Migranten in Zentralamerika aus Sicherheitsgründen in Gruppen fortbewegen, ist kein neues Phänomen und reicht bis in die Neunzigerjahre zurück. Allein das Ausmaß des aktuellen Falles ist ungewöhnlich. In Honduras machten sich am 12. Oktober Tausend Menschen auf den Weg, denen sich im Verlauf mehrere Tausend weitere anschlossen, die zum Teil bereits wieder umgekehrt sind. Zum Vergleich: Im Durchschnitt verlassen 200 bis 300 Honduraner ihr Land - täglich. Mit anderen Worten: alle vier bis fünf Tage verlassen genauso viele Menschen Honduras wie am 12. Oktober. Neutral könnte man also von einer großen Gruppe von Migranten sprechen und sie je nach Zeitpunkt mit einer Zahl präzisieren.

Anm. d. Redaktion: Anders als hier dargestellt, geht der Begriff "Karawane" nicht auf den Tweet von Donald Trump zurück. Mit dem Ausdruck bezeichnen sich die Migranten selbst. Wir bitten diese Ungenauigkeit zu entschuldigen.

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