Filmsynchronisation Der amerikanische Zuschauer weiß, dass man in Deutschland nicht englisch spricht

Die seltenen Fälle, in denen man den Versuch einer Synchronisation wagte (deutsches Beispiel "Das Boot"), sind gescheitert. Die Zuschauer bevorzugten weiterhin die Originalfassung. Dabei spielte die Tatsache, dass Lippenbewegungen und Sprache nicht wirklich übereinstimmten, eine wichtige aber nicht die entscheidende Rolle. Der amerikanische (oder englische) Zuschauer weiß, dass man in Deutschland gemeinhin nicht englisch spricht. Von diesem Wissen macht er Gebrauch. Ein Film, der etwas anderes suggeriert, erscheint ihm als das, was er ist, eine Fälschung.

Im Bewusstsein, über die Weltsprache des Kinos zu verfügen, hat sich im amerikanischen Film wie nirgends sonst sprachliche Authentizität mit idiomatischem Reichtum verbunden. Soweit die Filme in den USA spielen - und das sind ohnehin die meisten - ist in ihnen die Vielfalt der Dialekte und Akzente ebenso präsent wie das Spektrum ethnischer Besonderheiten. Unsere Synchronisationen planieren das auf ein hannoverisches Einheitsdeutsch. Spielt ein Hollywoodfilm außerhalb der USA, sind auch dann die Hauptfiguren in der Regel Amerikaner, was die Kommunikation erleichtert. Es ist wie im wirklichen Leben: Die Nebenfiguren sprechen untereinander ihr eigenes Idiom und mit den Protagonisten jenes Englisch, das ihrem Bildungsstand entspricht. Das erscheint nur konsequent, ist doch Sprache ein Teil unserer Realität. Wenn ich diese abbilden will, kann man eines ihrer wichtigsten Elemente nicht einfach ignorieren. Eine Ausnahme macht man in Hollywood freilich bei historischen Filmen. Da darf dann, wie bei Shakespeare, auch der alte Römer englisch sprechen.

Von solcher Klarheit des Stils ist der deutsche Film leider weit entfernt. Zwar arbeitet man auch hier auf der Ebene der Bilder mit äußerster Präzision, da stimmt jedes Detail, da scheut man keine Kosten, um dann im Zweifel bei der Sprache alles wieder zunichte zu machen. Sprache ist in den meisten deutschen Filmen kein selbstverständlicher Teil der Wirklichkeit. Und skandalöserweise scheinen das inzwischen alle akzeptiert zu haben, die Zuschauer, die Macher und selbst die Kritiker. Die eigenen Produktionen schreiben in fataler Konsequenz das fort, was uns die Synchronisationen ausländischer Filme vorgespiegelt haben. Überall in der Welt spricht man deutsch. Im richtigen Leben glauben das nur die Kinder.

Zugegeben, auch in anderen ehemals großen Filmländern wird fleißig synchronisiert, in Italien, Spanien, Frankreich (dort freilich nur für die Provinz). Dass man in kleineren Ländern wie Holland, Dänemark, Schweden und so weiter darauf verzichtet, hat, auch das sei nicht verschwiegen, vor allem finanzielle Gründe. Untertitel sind billiger. So verwandelt sich eine ökonomische Schwäche in eine kulturelle Stärke. Aber auch das gibt es: In der Schweiz laufen ebenso wenig die deutschen Synchronfassungen wie in den südamerikanischen Ländern die spanischen. Man zieht auch dort die Originalfassungen vor.

Nichts ist den Menschen schwerer auszutreiben als schlechte Gewohnheiten. Offenbar ist der Wunsch nach Bequemlichkeit stärker als der nach stilistischer Wahrhaftigkeit. Dennoch gibt es in einigen deutschen Großstädten inzwischen Kinos, die konsequent Originalversionen zeigen. Leider sind es, anders als in Paris, gemeinhin nicht die besten Häuser. Es wäre zu wünschen, dass sich wenigstens das langsam ändert. Im Fernsehen freilich wird man wohl weiterhin auf unseren Kinderglauben vertrauen.

Der Autor ist Film- und Fernsehproduzent ("Berlin Alexanderplatz", "Das Boot", "Schtonk", "Die weiße Massai"), war von 1965 bis 1979 Fernsehspielchef des WDR und später einige Jahre Präsident der Deutschen Filmakademie.

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