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Filmfestspiele von Cannes:Der Wahnsinn kommt auf roten Sohlen

Reihe "Un certain regard" in Cannes: The Bling Ring

Sofia Coppolas "The Bling Ring" mit Emma Watson (rechts).

(Foto: Merrick Morton)

Was Paris Hilton kann, können sie schon lange: Sofia Coppola zeigt in "The Bling Ring" eine Gruppe von kleinkriminellen Teenies, die meinen, Ruhm, Reichtum und Macht stünden ihnen einfach zu. François Ozon und Amat Escalante stiften da mehr Unruhe. In "Young & Beautiful" beziehungweise in "Heli" zeigen sie eine Jugend zwischen Sex und Gewalt.

Man sagt Frauen ja nach, dass sie Schuhe kaufen für die Frau, die sie gerne wären, und nicht für die, die sie tatsächlich sind. Das sind dann jene Paare, die ungetragen, aber gut sichtbar verwahrt werden.

Cannes scheint für viele Frauen jener Ort zu sein, an dem die Dinger dann endlich mal in der Wirklichkeit bestehen sollen - zumindest sieht man auf der Croisette recht häufig Füße, die schwankend auf zwölf Zentimeter hohen Metallstiften balancieren, blutunterlaufene Zehen, die bei jedem Schritt erbarmungslos durch die Riemchen einer Stöckelsandalette gequetscht werden, dass einem der Schmerz solidarisch in die eigenen Füße fährt. Was sagt das nun über die Trägerin, außer, dass sie und ihre Schuhe nicht zusammengehören?

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Liebe, Hass, Obsession

Diese Dichte von Fußfolterinstrumenten fällt ganz besonders auf, wenn Schuhe gerade auf der Leinwand eine Rolle gespielt haben - sie sind ein zentrales Motiv in Sofia Coppolas neuem Film "The Bling Ring".

Eine Gruppe von Teenies in Los Angeles raubt die Häuser ihrer Lieblingsstars aus, stiehlt Birkin Bags und Pradaschuhe und Cocktailkleider von Paris Hilton, Lindsay Lohan & Co. Die Klatschzeitungs-Maxime "Klau den Look" nehmen sie allzu wörtlich.

Ein Fünfertrupp hat sich da gefunden, der sich im Vollrausch dauernd selbst fotografiert und unbedingt fürs Berühmtsein berühmt werden will - sie wollen nichts machen, wollen nur haben, es gibt keine Karrierepläne. Sie finden, Ruhm, Reichtum und Macht stehen ihnen einfach zu: Was Paris Hilton kann, können sie schon lange.

Wertvorstellungen, die nur in Los Angeles durchgehen

Das ist alles wirklich passiert, die Reportage, auf der Coppolas Drehbuch basiert, hieß "Die Verdächtigen trugen Louboutins". Der Wahnsinn kommt hier auf roten Sohlen. Coppola flicht beiläufig ein, wie die Mutter von Nicki (Emma Watson) ein merkwürdiges Sammelsurium von Ansichten weitergibt, das nur in Los Angeles als Wertvorstellung durchgeht - Angelina Jolie ist das Vorbild, tue Gutes und rede darüber. Nicki soll nach den Regeln der Attraktivität leben, Model werden, und das macht sie dann automatisch zu einer spirituellen Person, was immer das sein mag.

Das Internet verursacht hier die Explosion der Träume, es gaukelt Nicki und ihren Freunden Popularität vor, wo doch nur ein paar Nerds ihnen Facebook-Freundschaften anbieten; und es liefert ihnen die Illusion einer Nähe zu ihren Stars, die sich aber erst wirklich ergibt, als Nicki im Knast in der Zelle neben Lindsay Lohan untergebracht wird.

Diese Idole, darauf verweist Coppola immer wieder, stehen nicht nur für Oberflächlichkeit. Sie stehen auch selbst dauernd vor Gericht, bis Sozialdienst-Urteile für ihre Fans zum modischen Accessoire mutieren. Es ist klar, warum "The Bling Ring" nicht im Wettbewerb lief, sondern die Nebenreihe "Un certain regard" eröffnete - Coppola nimmt die Geschichte sehr leicht. Sie trifft mit dieser Satire trotzdem einen Nerv; letztlich schwelgen ihre Bilder aber genau in jenem Reichtum, von dem ihre Jungkriminellen träumen - am Ende wird "The Bling Ring" für Paris-Hilton-Fans ein Must.