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Filmfestspiele Venedig:Die eigene Familie als echter Feind

In Mohsen Makhmalbafs "The President" - sein erster Film, der nicht iranisch ist, in der Nebenreihe Orizzonti - geht es um einen Diktator in einem fiktiven Land, den die Revolution überrollt, und der nun mit seinem kleinen Enkel, in Lumpen verkleidet, zur Grenze zu kommen versucht. Er ist ein bisschen wie der Kalif in 1001 Nacht, der sich als Bettler unters Volk mischt - und erfährt nun ganz direkt die Zerstörung, die er am Land und in den Köpfen angerichtet hat. Am Ende, als man ihn aus einem Erdloch gezogen hat, versucht ein von den Revolutionären freigelassener politischer Gefangener, sein Leben zu retten, um die Spirale der Gewalt zu beenden. Makhmalbaf spielt da sehr schön mit den Gefühlen der Zuschauer; selbst wenn man sich redlich Mühe gibt, diesem Diktator die Empathie zu verweigern - sich mit dem wütenden Lynch-Mob zu identifizieren, ist auch nicht leicht.

Franceso Munzi hat sich für seine Geschichte über die 'Ndrangheta im Wettbewerb eine ähnlich fordernde Konstruktion ausgedacht: "Anime Nere" ( Schwarze Seelen) ist der Titel des Films über eine Familie aus Kalabrien. Drei Brüder ringen darum, in der Familie den Ton anzugeben: Luigi ist ein Schlägertyp und Drogenhändler; Rocco der Mastermind, der mit bürgerlichem Anstrich in Mailand residiert und das Drogengeld wäscht; und Luciano, das weiße Schaf in der Familie, baut Wein an und will mit diesen Machenschaften nichts zu tun haben. Sein Sohn Leo hat sich ausgerechnet Luigi als Vorbild auserkoren. Er zettelt im Dorf einen Krieg um die Familienehre an, die Onkel eilen herbei, um ihn für die Familie zu entscheiden.

Man möchte mit diesen Gestalten zwar nicht unbedingt zwei Stunden verbringen, aber es ist immerhin klar, dass jeder einzelne das, was ihn erwartet - das gilt auch für die Frauen in der Familie, die betulich das System stützen -, redlich verdient hat. Leo stirbt in dem Krieg, den er begonnen hat, und wenn Luciano auf dem Boden kauert und ihn beweint, ist die Kamera die ganze Zeit auf das Gesicht des Vaters fokussiert; die Leiche bleibt in der Unschärfe. Am Ende wird Luciano den Krieg beenden, in einem überraschenden Gewaltausbruch. Gegen den echten Feind, die eigene Familie, ihre unrettbaren schwarzen Seelen. "Anime Nere" ist einer der besten italienischen Filme, die in den letzten Jahren im Wettbewerb in Venedig zu sehen waren.

Der Österreicher Ulrich Seidl ist Fachmann für Abgründe - sein neuer Dokumentarfilm, der außer Konkurrenz gezeigt wurde, heißt "Im Keller". Er scheint ein Meister darin zu sein, die Menschen dazu zu bringen, ihr Innerstes vor der Kamera herzuzeigen, und zwar auch in Form ihrer größten Schätze. Ausgestopfte Tiere werden da präsentiert, ein Schießstand, Sado-Maso-Utensilien. Und der trinkfreudige Herr Ochs schwärmt von seinem Lieblingsbild, einem riesiges Hitler-Porträt, der hinter ihm hängt, umgeben von anderen Nazi-Memorabilien. Freimütig räumt er ein, gelegentlich vernehme ihn die Gestapo, "oder wie die jetzt heißen."

Bei den meisten anderen merkt man dann nach einer Weile, dass sie jenen Teil von sich in den Keller schaffen, für den sie Verachtung fürchten, und vor allem sieht man eine ungeheure Sehnsucht nach Ordnung, nach geraden Linien in diesen Räumen - nach einer Klarheit, die sie in ihren eigenen Sehnsüchten und Bedürfnissen nicht finden können. Bei Nacht sind alle Seelen grau.

© SZ vom 30.08.2014/ahem

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