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Filmfestspiele Venedig:Nachts sind alle Seelen grau

99 Homes

Auf der anderen Seite: Der wohnungslose Dennis Nash (Andrew Garfield) heuert aus Not bei einem Makler an - und muss dann andere auf die Straße jagen.

(Foto: Festival)

Der Teufel kennt kein Mitgefühl: "99 Homes" zeigt eine Gesellschaft, die die Gier immer weiter treibt. Und der Mafiafilm "Anime Nere" endet mit einem Gewaltausbruch gegen die eigene Familie. Neue Filme auf dem Festival von Venedig.

Von Susan Vahabzadeh

Richard Carver sammelt Häuser wie der Teufel Seelen. Unbarmherzig verschafft er sich Zutritt, jagt die Bewohner auf die Straßen von Orlando und befiehlt ihnen, ihre Kinder aus dem Vorgarten zu entfernen. Man sieht ihn zuerst in einer sehr langen Kamerafahrt am Anfang von Ramin Bahranis "99 Homes". Sie beginnt in einem blutbefleckten Badezimmer, ein Mann hat sich umgebracht, aber der frostige Makler Carver (Michael Shannon), hat weder den Wunsch noch die Zeit, für das, was sich hier abgespielt hat, die Verantwortung zu übernehmen.

Er kauft Häuser auf, deren bisherige Eigentümer ihre Kredite nicht mehr bezahlen können. Nicht jeder, wird er später sagen, hat unter der Immobilienkrise von 2008 gelitten - ihn hat sie reich gemacht. Als nächstes wird er Dennis Nash, einen jungen, alleinerziehenden Vater, auf die Straße befördern. Mitsamt seinem Sohn, seiner Mutter (Laura Dern) und seinen Siebensachen. Andrew Garfield spielt diesen Verzweifelten, der alles tun würde, um seine Familie zu ernähren. Die beiden begegnen sich wieder. Carver sieht, dass er junge Mann einiges auf dem Kasten hat, und spielt den Mephisto: Nur einer von hundert schafft es auf die Arche, sagt er - ich biete dir einen Platz an. Nash, der kaum weiß, wie er das schäbige Motelzimmer bezahlen soll, in dem er jetzt mit seiner Mutter und dem Kind haust, nimmt an.

Der Amerikaner Bahrani hat mit seinem politisch aufgeladenen Drama gute Chancen, endlich einmal große Publikumsschichten zu erreichen, auch wegen seines Hauptdarstellers Andrew Garfield. Der ist großartig als Dennis, der die Seiten wechselt und nun selbst Leute auf die Straße setzt - auch wenn er sich dabei nie wohlfühlt: Er kann nicht aufhören, mit den Menschen zu fühlen. In einer Einstellung, die einem das Herz bricht, sieht man ihn durchs Fenster auf dem Fußboden seines nagelneuen Wohnzimmers liegen, durch die Spiegelung des Pools hindurch - wie unter Wasser, ein Ertrunkener. Für diese Arche muss man gemacht sein.

Bahrani hat auch an dem sehr klugen Drehbuch zu "99 Homes" mitgeschrieben. Er macht sich die Sache nicht leicht, gibt auch dem gnadenlosen Carver Raum, für seine Haltung zu argumentieren: Frag diese Leute doch mal, brüllt er Dennis an, was sie sich dabei gedacht haben, für 30 000 Dollar eine überdachte Terrasse zu bauen, die sie vorher 25 Jahre lang nicht gebraucht haben. Heraus kommt das Bild einer Gesellschaft, die ihr Spiel der Gier immer weitertreibt, weil so viele bereit sind, mitzuspielen. Amerika ist von Gewinnern gegründet, sagt Carver - und für Gewinner. Er will dazugehören und ist bereit, dafür nicht nur kaltherzig zu sein - zur Not betrügt er. Das ist sehr nah dran an der Gegenwart - doch die Eskalation, die dann folgt, gibt es nur im Kino.

"99 Homes" bringt das Thema auf den Punkt, das sich als roter Faden durch die Filme der ersten Festivaltage zog - es geht immer wieder um Empathie, darum, was ein Mangel an Mitgefühl anrichtet, und ob es trotzdem Grenzen gibt, an denen jemand sein Recht darauf verspielt hat.

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