Filminitiative in Hollywood Gut ist längst nicht gut genug

An der University of California wird nun erfroscht, wie "Social Impact Entertainment" funktioniert.

(Foto: AP)
  • Der Ebay-Milliardär Jeffrey Skoll finanziert ein Institut an der University of California, das Filme mit "sozialer Wirkungskraft" fördern soll.
  • Mit seiner Produktionsfirma Participant Media produziert er auch selbst Filme.
  • Aber gute Filme sind stets vielschichtig, ihr Kern lässt sich nicht ausbuchstabieren.
Von Tobias Kniebe

Menschen wie Leonardo DiCaprio, Gus Van Sant oder Don Cheadle führen den Begriff schon ganz selbstverständlich im Mund: "Social Impact Entertainment" - Unterhaltung mit sozialer Wirkungskraft. Zur Förderung dieser speziellen Form der Unterhaltung gibt es an der University of California, die eine der wichtigsten Filmhochschulen der USA betreibt, jetzt ein eigenes, vom Ebay-Milliardär und Philanthropen Jeffrey Skoll finanziertes und auch nach ihm benanntes Institut.

Aber Moment, denkt man da, ist der Traum von der sozialen Wirkungskraft der Filmkunst nicht schon fast so alt wie das Kino selbst? Zwar gab es immer auch die Fraktion der Zweifler in Hollywood: "Wer eine Botschaft hat, sollte ein Telegramm verschicken", dieses Bonmot wird allen möglichen Leuten zugeschrieben, unter anderem Billy Wilder. Zugleich aber wurden solche Grantler bei allen Preisverleihungen häufig von Konkurrenten besiegt, die unverhohlen auf Erbauung zielten, soziales Elend anprangerten oder eine bessere Welt propagierten. Diese Dichotomie gab es schon immer.

Wenn man von Machthabern und Regierungen, die schon immer von einem "Social Impact" im Sinne von Propaganda und Machterhalt träumen, einmal absieht: Wird hier etwas nur sehr verspätet in Institutsform gegossen, was viele Filmemacher seit jeher anstreben? In der ersten Studie des Instituts verbreiten Praktiker wie der Produzent David Linde jedenfalls einzigartige Einsichten: "Um Menschen zu bewegen und zu ermächtigen, braucht man eine wirklich gute Story." Tatsächlich? Darauf wäre vorher wohl niemand gekommen.

Den Zeitgeist in Hollywood spiegelt die Neugründung dennoch perfekt. Denn Künstler, die sich hinter einer harten Schale verstecken und Telegramm-Witze machen, werden dort langsam rar - während flammende Bekenntnisse zum sozialen Fortschritt, zum gesellschaftlichen Wandel und zum Widerstand gegen Trump die neue Norm sind. Jeff Skoll, der Finanzier des Instituts, ist dabei keineswegs nur Zaungast und Theoretiker. Mit seiner Produktionsfirma Participant Media produziert er das gewünschte Entertainment auch gleich selbst, und zwar mit großem Erfolg.

Oscar-Verleihung Braucht ein erfolgreicher Schwarzer wirklich einen weißen Beschützer?
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"Green Book"

Braucht ein erfolgreicher Schwarzer wirklich einen weißen Beschützer?

Diese Frage wirft der Satire-Trailer "White Savior" auf. Er kritisiert damit den diesjährigen Oscar-Gewinner in der Kategorie "Bester Film".

Al Gores Dokumentationen zum Klimawandel stammen aus seinem Haus - und gleich beide Hauptkonkurrenten bei den diesjährigen Oscars, "Roma" und "The Green Book". Beide Werke wollen die erklärte Mission der Firma erfüllen, dieWelt zum Positiven zu verändern. Einmal ging es darum, ein indigenes Kindermädchen in Mexiko ins Zentrum der Erzählung zu rücken, das andere Mal um die Feier einer unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen Schwarz und Weiß in den Sechzigerjahren. Was nach der Verleihung passierte, zeigt allerdings die diskursiven Gefahren der Weltverbesserung - man wird zunehmend gnadenloser an den eigenen Ansprüchen gemessen. Den einen war "Green Book" in seiner Perspektive viel zu weiß und zu versöhnlerisch; den anderen blieb das Kindermädchen in "Roma" viel zu stumm, ihr Hintergrund unerklärt und undefiniert. Wer allzu dringend das Gute will, findet immer jemanden, dem das noch längst nicht gut genug ist.

Statt nun Institute zu gründen, die diesen Zeitgeist fixieren, sollten sich die Filmemacher lieber an die Einsicht hinter Billy Wilders Worten erinnern. Gute Filme sind stets vielschichtig, ihr Kern lässt sich gerade nicht ausbuchstabieren und in ein Telegramm schreiben. Und genauso muss es, ehrlich gesagt, auch sein. Denn bis die bohrende Frage geklärt ist, wer gerade wen repräsentieren darf und wer überhaupt noch das Recht hat, das Wort zu ergreifen, , könnte die letzte originäre Idee zerrieben sein.

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