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Netflix-Film "Was wir wollten" mit Elyas M'Barek:Ein Schritt bis zum Abgrund

Szene aus dem Film "Was wir wollten" mit Elyas M'Barek und Lavinia Wilson

Man kann diesem Paar dabei zusehen, wie es vor Schmerz und Erschöpfung erstarrt: Elyas M'Barek und Lavinia Wilson in "Was wir wollten".

(Foto: Netflix/Netflix)

Elyas M'Barek kann auch ernst bis bitter: In Ulrike Koflers Film "Was wir wollten" spielen er und Lavinia Wilson ein Paar, das an seinem unerfüllten Kinderwunsch zu zerbrechen droht.

Von Martina Knoben

Ein Paar in der Kinderwunschpraxis. Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M'Barek) warten hoffnungsvoll auf die Ergebnisse ihrer vierten In-vitro-Behandlung, aber die Frauenärztin hat keine gute Nachricht. Zwar hat sich eine befruchtete Eizelle eingenistet, ein Herzschlag aber ist im Ultraschall nicht zu sehen. "Keine Ausschabung diesmal", sagt die Ärztin, und mehr als diesen trockenen Halbsatz und den starren Blick von Lavinia Wilson als Alice braucht es nicht, um zu ahnen, wie viele gescheiterte Versuche, wie viel Stress und Schmerz schon hinter dem Paar liegen.

"Was wir wollten" ist das Regiedebüt von Ulrike Kofler, die zuvor vor allem im Filmschnitt gearbeitet hat, unter anderem bei Josef Haders "Wilde Maus". Ihr Film ist Österreichs Kandidat für den Auslands-Oscar, eigentlich ein Kinofilm, pandemiebedingt ist er nun bei Netflix zu sehen. Zwischen all den süffigen Serien und Comedys, die der Streamingdienst im Angebot hat, wirkt das Drama fast wie ein Fremdkörper, so subtil, ja sanft ist "Was wir wollten" inszeniert.

Es geht auch nicht um die Möglichkeiten und Strapazen der Reproduktionsmedizin oder die Schwierigkeiten einer Adoption. Kofler konzentriert sich auf die Enttäuschung, die vor allem Alice spürt, weil der Plan, den sie sich fürs Leben gemacht hatte, nicht aufgeht. In diesen Corona-Zeiten, in denen viele Biografien aus der Bahn geworfen werden, ein verbreitetes Gefühl. Dass es keine Sicherheit gibt, dass auch unsere behüteten mitteleuropäischen Existenzen letztlich auf Sand gebaut sind, dieses Gefühl wird in letzter Zeit immer wieder in Filmen thematisiert.

Wie geht es weiter, wenn der Lebensplan Makulatur ist? Und wie gehen zwei Menschen miteinander um, die plötzlich vor allem einen großen Verlust teilen? Der Körper brauche jetzt eine Pause, hatte die Frauenärztin gesagt, Alice und Niklas zu einer Urlaubsreise geraten. Nun sind sie auf Sardinien, wo sie vor Jahren beim Campen glücklich waren, aber werden trotz Sonne, Strand und Luxusbungalow - natürlich - nicht froh. Dass nebenan eine kontaktfreudige Tiroler Familie mit hübscher junger Mutter, pubertierendem Sohn und süßer blonder Tochter eingezogen ist, macht alles noch schlimmer. Haben die anderen nicht alles das, was Alice und Niklas fehlt?

Der Sex ist so sehr zur Reproduktionspflichtübung geworden, dass er auch im Urlaub keinen Spaß macht

Frust, Neid, Selbstzweifel und Selbstmitleid bilden Risse in der Beziehung, die sich schnell weiten, bald sind Dinge gesagt, die sich nicht mehr zurücknehmen lassen. Bei einer Wandertour denkt Niklas über eine Adoption nach und wird von Alice harsch zurückgewiesen: "Ich will ein eigenes oder gar keins. Ja, so ego bin ich. Ich hätte gern meine Zellen und deine Zellen. Meine Haare und deine Augen. Ich will uns." Worauf Niklas entgegnet: "Was ist so falsch mit meinen Haaren?" Sagt Alice: "Du kannst nicht anders als ausweichen. Mit deinen Witzen und mit deinem Körper." Solche Dialoge sitzen.

Äußerlich passiert nicht viel. Man ist am Strand, wandert und klettert. Alice nähert sich etwas hilflos der aufdringlichen Tochter und dem offenbar tief unglücklichen Sohn der Tiroler Familie an. Rückblenden beschwören die selbstvergessene Leichtigkeit des früheren Sardinien-Urlaubs, an die Alice und Niklas versuchen anzuknüpfen, wenn sie etwa nackt im Pool baden. Sex ist zwischen ihnen aber schon so sehr zur Reproduktionspflichtübung geworden, dass unbeschwerte Lust nicht mehr möglich ist.

Man kann Lavinia Wilson förmlich dabei zusehen, wie ihre Alice vor lauter Schmerz und Erschöpfung immer starrer wird. Ihr Gesicht wirkt immer angespannt und nervös, dabei scheint Alice eine moderne, kluge und eigentlich selbstbewusste Frau zu sein, deren Fixierung aufs Mutterwerden überrascht. Niklas ist deutlich entspannter. Aber hat Alice nicht recht, dass er mit seiner behäbig-lustigen Art Problemen ausweicht? Der "Fack ju Göhte"-Kassenmagnet Elyas M'Barek zeigt mit seinem subtilen Spiel, dass er nicht nur Komödien kann.

Und obwohl eigentlich "nichts" passiert, entsteht zunehmend das Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe. Es ist ja alles so fragil: Wenn das kleine Mädchen ohne Schwimmflügel ins Meer geht, könnte es ertrinken. Niklas und sein Tiroler Feriennachbar könnten beim Klettern abstürzen - sie sprechen sogar darüber, dass sie nur ein Schritt vom Abgrund trennt. Das Unglück, das dann tatsächlich passiert, ist etwas zu "gewollt" für diesen sonst so zurückhaltenden Film. Und es steckt eine heimliche Bosheit darin: Wenn die Katastrophe bei anderen zuschlägt, fühlt sich das eigene, bestenfalls mittelgroße Unglück gleich ein bisschen erträglicher an.

Was wir wollten, Ö 2020 - Regie: Ulrike Kofler. Buch: Kofler, Sandra Bohle, Marie Kreutzer, Maria Hofstetter, nach einer Vorlage von Peter Stamm. Kamera: Robert Oberrainer. Schnitt: Marie Kreutzer. Mit: Lavinia Wilson, Elyas M'Barek, Anna Unterberger, Lukas Spisser. Netflix, 93 Minuten.

© SZ/kni
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