Festival de Cannes Sarkozy schüttelt den Kopf

Weil ein "Propagandafilm" Berlusconi und das italienische Volk beleidige, will Kulturminister Bondi nicht nach Cannes fahren.

Von Henning Klüver

Italiens Kulturminister Sandro Bondi weiß sich Feinde zu machen. Nachdem er durch eine Opernreform mit Mitteln der Notverordnungspolitik alle Bühnen des Landes gegen sich aufgebracht hat, stößt er nun die Filmwelt vor den Kopf. Der Minister hat eine Einladung zum Festival nach Cannes abgelehnt, weil dort ein "Propagandafilm" gezeigt werde, "der die Wahrheit und das gesamte italienische Volk beleidige", wie es in einer offiziellen Verlautbarung heißt.

Italiens Präsident Silvio Berlusconi und Kulturminister Sandro Bondi im April in Rom.

(Foto: Foto: AFP)

Das Volk ist beleidigt?

Es geht um den Dokumentarfilm Draquila - L'Italia che trema (Wenn Italien zittert) von Sabina Guzzanti, der in Cannes auf einer Sonderveranstaltung gezeigt werden soll. Der Film setzt sich kritisch mit der Rolle auseinander, die Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi und der Zivilschutz des Landes beim Wiederaufbau der vom Erdbeben zerstörten Stadt L'Aquila spielten.

Während sich Berlusconi als großer Krisenmanager feiern ließe, habe man mit autoritären Methoden gegen die Interesse der Bevölkerung einen Wiederaufbau begonnen, der die Stadt zum zweiten Mal zerstöre - so die These des im Stil von Michael Moore hergestellten Filmes.

Gegen die Entscheidung des Ministers hat sich ein Chor von Proteststimmen erhoben. Der Regisseur Marco Bellocchio etwa findet es nach Presseberichten unerträglich, dass Bondi und Berlusconi sich laufend persönlich beleidigt fühlten und nur nach dem Motto reagierten: wer gegen sie sei, sei auch gegen Italien. Auch der frühere französische Kulturminister Jack Lang, jetzt Sonderbotschafter von Präsident Nicolas Sarkozy, schüttelt über die "kindische" Entscheidung des römischen Ministers nur den Kopf.

Protestabend gegen die Politik

Minister Bondi hatte bereits in der vergangenen Woche die Filmwelt brüskiert, als er der Verleihung des "David", des offiziellen italienischen Filmpreises, angeblich wegen wichtiger Regierungsaufgaben fern blieb. Die Veranstaltung entwickelte sich so zu einem Protestabend gegen die Politik von finanziellen Kürzungen auch im Filmbereich. Bei der Verleihung wurde unter anderem der Film über das deutsche Massaker in Marzabotto während des Zweiten Weltkrieges L'Uomo che verrà (Der kommende Mensch - siehe SZ vom 20. April) als bester Film sowie in zwei weiteren Kategorien mit einem David ausgezeichnet. Den Löwenanteil konnte Marco Bellocchios Vincere (Siegen) mit insgesamt acht Auszeichnungen einheimsen, der Italien im vergangen Jahr in Cannes vertreten hatte.