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Festival:Begegnung im Ring

Friendly Confrontations, Kammerspiele München, Boxkampf

Konfrontation: Die Schwergewichter Kenan Husovic (links) und Philipp Ayeh Tetteh treffen in der Kammer 2 aufeinander.

(Foto: Julian Baumann)

"Friendly Confrontations" in den Kammerspielen kreist um Nationen und ihre Narrative

Um die "Friendly Confrontations" in den Münchner Kammerspielen in Gänze wahrnehmen zu können, hätte man vier Tage sich mit nichts anderem beschäftigen dürfen. Es ist ein "Festival zu globaler Kunst und Institutionskritik", findet an einer Institution in Kooperation mit dem Goethe-Institut statt und im Zentrum steht ein echter Boxkampf. Die Verwirrung, die dadurch im Kopf des Rezipienten entstehen kann, löst man am besten dadurch auf, indem man sich treiben lässt.

Ausgangspunkt der "Friendly Confrontations" ist das Erbe Okwui Enwezors, des international tätigen Kurators und verstorbenen Leiters des Haus der Kunst. Ein Punkt dieses Erbes ist, darüber nachzudenken, in wie weit Nationen und deren Narrative noch eine entscheidende Rolle spielen. Und wenn man schon darüber nachdenkt, kann man sich noch andere, scheinbar festgefügte Dinge vornehmen. Zum Beispiel das Rollenbild US-amerikanischer Rapper. Das sind gemeinhin Darsteller heterosexueller, aggressiver Hypermaskulinität. Gemeinhin, aber längst nicht mehr nur. Da gibt es den in seinem Mannesbild durchlässigen Eminem, da gab es schon 2002 den Rapper Cam'ron, der im Video zu "Hey Ma" rosa Klamotten trug. Als Wiedergänger begegnet man ihm nun in Gestalt von Rudi Natterer, der in der Choreografie "Being Pink Ain't Easy" von Joana Tischkau im Werkraum der Kammerspiele performt.

Natterer ist körperlich das Bild von einem durchtrainierten Rap-Hero, nun liegt er, rosa und flauschig gewandet, auf einem Polster, hingegossen als entstamme es einer Camp-Variante der Fresken aus der Sixtinischen Kapelle. Er schaut weich und verträumt, tanzt später ein bisschen, ficht einen milden Kampf mit sich selbst, wäre lieber Ballettschwan als harter Gangsta, nimmt Anrufe entgegen, von denen ihm einer mitteilt, dass es okay sei, zu weinen. Also weint er. Tischkau formuliert damit szenisch einen einzigen Gedanken, ist dabei sehr konsequent und pulverisiert ein klassisches Rollenbild. Mehr ist es nicht, aber eine gute Idee.

In der Monacensia, der Münchner liebster Literaturvilla, findet derweil die Performance "Race Me" von Miriam Ibrahim statt. Man habe sich auch deshalb für die Monacensia als Austragungsort entschieden, weil sie ein Ort bürgerlicher Whiteness sei, heißt es von den Festivalkuratoren Julia Grosse und Julian Warner. In der Monacensia würde die Welt traditionell eher von weißen Mitteleuropäern betrachtet. Zwischen Regalen der Werke der Familie Mann also werden den Zuschauern erst mal vom Band Zitate von Politikern, Autoren, Aktivisten, Historikern zum Thema Rassismus entgegen geschleudert. Zu Rassismus hat jeder was zu sagen und meint jeder etwas zu sagen zu haben. Der Drang, andere über Herkunft und Hautfarbe zu kategorisieren scheint tief im Menschen verankert. "Race me" klingt nicht umsonst verdächtig nach "rate me" - beurteile mich.

In das Stimmengewirr hinein treten Zeynep Bozbay, Lebo Masemola und Stefan Merki. Reihum schleudern sie dem Publikum all die Rassismen und Klischees entgegen, die sie so zu hören kriegen und die man hier nicht wiederholen muss. Man kann sie sich ohnehin vorstellen: Bozbay hat türkische Eltern, Masemola ist in Südafrika geboren. Auch Merki hat etwas zu Rassismus zu sagen. Als weißer mittelalter Mann, Schweizer, steht er wiederum unter Generalverdacht, seine Privilegien auszuloten und sich wie der König der Welt aufzuführen. Niemand ist frei von den Vorurteilen anderer. Dass all das ungeheurer Blödsinn ist, ist klar. So begegnen die drei der Klischee-Suada, indem sie von sich erzählen: von Persönlichkeiten mit Stärken und Schwächen jenseits der Hautfarbe und Herkunft. Zart vorgetragene Miniaturen sind das, die bewegen und amüsieren.

Die Performance ist also gut gemacht, aber nichts wirklich Neues. Man wünscht sich, dass das Thema Rassismus im Theater untersucht werden kann, ohne dass die Regie mit der Schock-Strategie - "Sowas sagt man wirklich zu euch?" - arbeitet. Auf der Bühne wiederholte Rassismen fühlen sich für alle Beteiligten schlecht an, was vielleicht noch intendiert ist, nur weiterbringen tun sie niemanden.

In der Kammer 2 laufen indes schon die Vorbereitung zu etwas viel Größerem, zur freundlichen Konfrontation im Wortsinne. Die Boxabteilung des TSV 1860 München tritt an gegen Sportler des Attoh Quashie Boxing Gym und der Charles Quartey Boxing Foundation aus Ghana. Das kommt so: Ali Cukur, Trainer bei den Sechzigern und selbst einst Weltklasseboxer, verlegte sein jährliches Trainingscamp nach Ghana. Konfrontiert mit den harten Lebensbedingungen in den Slums von Accra begannen die Jugendlichen aus München, über ihr Leben nachzudenken.

In Accra wirkt Charles Quartey, holt Jugendliche von der Straße, lehrt sie boxen, gibt ihnen Selbstwertgefühl, schickt sie zur Schule. In München bringt Cukur den Menschen Toleranz bei, öffnete die Boxabteilung für Flüchtlinge. Jeder ist willkommen, wenn er Hass und Ressentiments ablegt. Cukur selbst spricht von einer Multi-Kulti-Truppe, die nun gegen die Boxer aus Ghana antritt. Beide, Cukur und Quartey, wollen Grenzen der Herkunft und der Klasse überwinden, davon erzählt auch der Film "Lionhearted", der im April ins Kino kommt. Und davon schreibt Jonathan Fischer im Programmzettel: "Boxen ist das Theater der hochkulturfernen Milieus - und die Integrations-Arena schlechthin." Und: Boxer gehen ausgesprochen respektvoll miteinander um.

In der Kammer 2 ist ein echter Boxring aufgebaut, es dauert eine Stunde, bis es losgeht. Das Publikum ist tatsächlich größtmöglicher Ausdruck von Integration, Boxtypen treffen auf Theaterleute, in der Halle ist ein großes Gesumm und Gebrumm, Ansprachen folgen auf Rituale, es rockt, es dröhnt, es ist fabelhaft. Zu den Nationalhymnen stehen fast alle auf, dann folgt der spielerische Ernst. Die Kämpfe, sechs hintereinander in sechs verschiedenen Gewichtsklassen, sind, wie das ganze Drumherum, echt. Der erste Kampf - zwei Frauen - geht an die Sechziger, beim zweiten gewinnt ein herrlich explosiver Mann aus Ghana. Und so wogt es hin und her, je drei Runden, bis zum Superschwergewicht. Da hat allerdings der Boxer aus Accra keine Chance gegen den Löwen, der amtierender deutscher Meister ist. Nach der zweiten Runde geben er und Trainer Charles Quartey auf. Die Gesamtwertung geht an die Sechziger. Gewonnen aber haben alle jungen Menschen, die aus Ghana ebenso wie Cukurs vielfarbige Multikultitruppe. Einer der besten Theaterabende seit langem.

© SZ vom 21.01.2020
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