Fest & Flauschig Böhmermann: Er will doch nur spielen

Olli Schulz (l.) und Jan Böhmermann.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

In seinem neuen Podcast "Fest & Flauschig" spricht der Satiriker über sein entgleistes Schmähgedicht. Das ist erstaunlich, denn für gewöhnlich lässt er sein Publikum allein mit der Frage "Realität oder Theater?"

Von Felix Hütten

Viele Theatermacher haben einen Traum: Ein Stück zu inszenieren, in dem es um Menschenrechtsverletzung geht, um Korruption und Gewalt. Den Zuschauern soll klar werden: Hier geht es um einen Skandal. Eine öffentliche Diskussion entfacht sich, das ganze Land redet über diesen einen Theaterabend.

Damit dieser Traum Realität wird, proben Regisseure und Schauspieler wochenlang, kürzen Texte, ändern die Requisiten, üben Dialoge. Am Abend der Premiere schließlich sind alle aufgeregt. Während auf der Bühne die Schauspieler im Scheinwerferlicht schwitzen, fragt sich der Regisseur hinter dem Vorhang: Funktioniert die Inszenierung, kommt die Botschaft an? Die Antwort ertönt mit dem Applaus, oder mit Buh-Rufen und Pfiffen. Darauf folgen ein paar Rezensionen in den Feuilletons - und meistens war's das dann.

Auch der Moderator, Satiriker, ja Theatermacher Jan Böhmermann kennt diesen Traum. Um ihn sich zu erfüllen, versucht er in seiner ZDF-Show Neo Magazin Royale immer wieder mal ein paar Knaller zu zünden - unter anderem mit einem Schmähgedicht über den türkischen Präsident Erdoğan. Danach gab es Pfiffe, Applaus - und unzählige Artikel in überregionalen Tageszeitungen. Traum erfüllt: Die Nachricht ist angekommen. Wenn es nur das wäre.

"Künstlerisch ne geile Nummer"

In seinem neuen Podcast Fest & Flauschig, der Samstagnacht erstmals über den Streamingdienst Spotify zu hören war, lobt Böhmermann diese Inszenierung als "künstlerisch 'ne geile Nummer". Das ist erstaunlich, denn Böhmermann vermeidet es für gewöhnlich, allzu deutlich den Sinn seiner Inszenierungen zu erklären. Er ist nicht der Typ Komiker, der mit dem Warnhinweis "Achtung Schauspiel" auf die Bühne rennt, damit auch der letzte Zuschauer versteht, dass er in einer Show sitzt.

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Diese Verwirrung ist nicht ungefährlich, denn im Unterschied zu den Holzbühnen dieses Landes spielt Böhmermann auf dem shiny floor, seiner Inszenierung schauen 100 000 Menschen zu und er läuft immer wieder Gefahr, dass viele Zuschauer nicht verstehen, dass sie sich im Theater befinden, wenn die Sendung über ihre Ipads flimmert.