"Feine Sahne Fischfilet" in Dessau Endorphine und blaue Flecken

Feine-Sahne-Fischfilet mit Frontmann Monchi beim Konzert in Dessau.

(Foto: dpa)
  • Nach Absagen und Kontroversen konnte am Montag das Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet in Dessau stattfinden.
  • Die Stiftung Bauhaus hatte das Konzert aus Furcht vor rechtsextremem Protest abgesagt und damit viel Kritik auf sich gezogen.
  • Die Bühne stand nun deshalb nicht im Bauhaus, sondern in einer alten Brauerei in der Stadt.
Von Ulrike Nimz, Dessau

Kurz nach neun setzt der Bierregen ein. Eine goldene Kaskade benetzt Haare, durchnässt T-Shirts. Einen Moment lang sieht die Menge vor der Bühne aus als würde sie schweben. Hände und Füße in der Luft, Punks auf Parabelflug. Mit dem Refrain setzt die Schwerkraft ein: "Wir sind zurück in unserer Stadt - mit zwei Promille durch die Nachbarschaft."

Die Band Feine Sahne Fischfilet mag an der Ostsee groß geworden sein, aber an diesem Abend heißt ihre Stadt Dessau. Und dass sie überhaupt hier spielen, vor Fernsehkameras und 600 sehr glücklichen Menschen, in einem sehr baufälligen Gemäuer, ist den zurückliegenden, an Absagen und Ansagen reichen Tagen zu verdanken.

Freiwillige machten den Auftrittsort benutztbar

Nachdem die Stiftung Bauhaus aus Furcht vor rechtextremem Protest und Sorge um die fragile Bausubstanz des Weltkulturerbes die vom ZDF eingeladene Band wieder ausgeladen hatte, debattierte das ganze Land über Linksextremismus und Kunstfreiheit. Doch statt Dessau sich selbst zu überlassen und vor der nahezu ausverkauften "Alles auf Rausch"-Tour noch ein paar Tage Urlaub zu machen, begannen Band und örtliche Unterstützer mit der Suche nach einem alternativen Auftrittsort. Sie fanden das Grundstück der alten Schultheiß-Brauerei westlich der Bahngleise, 30 000 Quadratmeter groß, denkmalgeschützt und ziemlich unsaniert.

Es war falsch, das Konzert von Feine Sahne Fischfilet abzusagen

Rechtsradikale Gruppen hatten gegen den Auftritt der Punk-Band mobilisiert. Die Stiftung Bauhaus Dessau machte deshalb einen Rückzieher - eine Einladung an Rechtsradikale, Veranstalter zu bedrohen. mehr ... jetzt

Die Bühne steht an diesem Abend im Kesselhaus, ein Raum mit der Akustik eines Schwimmbades, dessen meterhohe Wände Salpeter schwitzen. Im Frühjahr hat Sturmtief Friederike die Dachpappe hinfortgefegt. Zwei Wochen lang haben Freiwillige das Gelände begeh-, die Toiletten benutzbar gemacht. Gestrüpp und Gerümpel weggetragen, Planen gespannt, damit alles bespielbar wird. Das sind die Umstände, die aus einem guten Konzert ein legendäres machen können. Brauhaus statt Bauhaus - die Show war schneller ausverkauft als ein Ramones-Song dauert.

250 Karten gingen direkt an Dessauer, und auch die Gästeliste ist lang. 20 Plätze vergab die Band an Kinder von AfD- und CDU-Wählern. Motto: Eure Kinder werden so wie wir. Jetzt steht Multifunktionsjacke neben Lederkutte neben Croptop, und sie alle wissen, dass das hier heute etwas Besonderes wird, werden muss. Die ersten tanzen schon Pogo, als die Musik noch in Fahrstuhllautstärke vom Band kommt.

Es hat sich ja auch einiges angestaut in den letzten Wochen. Dessau im Zeichen des Herings. Das Brauhaus östlich der Bahngleise sah sich zwischenzeitlich mit einer Verwechslung konfrontiert und konnte nur durch eine Richtigstellung verhindern, von Horden durstiger Punks überrannt zu werden. Andere Lokalitäten hofften wohl genau darauf, hoben "Feine Sahne Fischfilet" auf die Speisekarte.