Fünf Favoriten der Woche:Pretty in Pink

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Fünf Favoriten der Woche: Porträt von Erich Dieckmann (1896-1944) als Collage mit Stickerei von Margit Jäschke.

Porträt von Erich Dieckmann (1896-1944) als Collage mit Stickerei von Margit Jäschke.

(Foto: Matthias Ritzmann)

Ein vergessener Bauhäusler, Ryan Gosling als Barbies Boyfriend und eine geladene Pistole auf dem Flügel: fünf Empfehlungen der SZ-Redaktion.

Von SZ-Autoren und Autorinnen

Design: Der vergessene Bauhäusler Erich Dieckmann

Was für ein Schwung! Da ist kein Absetzen, auch kein Zögern oder Vortasten. Stattdessen pure Dynamik und eine glamouröse Windschnittigkeit, die der Stift da auf Papier festhält. Dabei war der Sessel doch zum Liegen bestimmt, den Erich Dieckmann im Jahr 1931 entwarf. Wobei: Der ehemalige Bauhäusler dachte bei seinem Entwurf an einen Stahlrohr-Sessel und genau so einen großen Schwung "will dieses Material", bringt es der Möbeldesigner Rudolf Horn auf den Punkt.

Fünf Favoriten der Woche: Erich Dieckmanns Entwürfe für einen Stahlrohr-Liegesessel stammen aus dem Jahr 1931.

Erich Dieckmanns Entwürfe für einen Stahlrohr-Liegesessel stammen aus dem Jahr 1931.

(Foto: Dietmar Katz/Staatliche Museen zu Berlin/Kunstbibliothek)

Es gibt viele Aspekte, die man bei dieser Kleinod-Ausstellung "Stühle: Dieckmann! Der vergessene Bauhäusler Erich Dieckmann" im Berliner Kulturforum hervorheben könnte. Die geballte Starpower etwa, mit der die so klug kuratierte Schau, die zunächst in Halle zu sehen war, umgesetzt wurde: Designer Stefan Diez war für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich, Erik Spiekermann entwarf die Typographie und Burgtheater-Schauspielerin Bibiana Beglau rezitiert im Video Briefe von Dieckmann und Dokumente aus seiner Zeit.

Unbedingt erwähnenswert ist auch der Beitrag von Rudolf Horn, der, 1929 geboren, ehemals Möbeldesigner in der DDR und Hochschullehrer an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle war. Seine begeisterte Beschreibung von Dieckmanns Werk, dessen Arbeiten in den Zwanzigern im Spannungsfeld zwischen werdender Industrie und Handwerk und sein Wunsch, Typenmöbel für die damals neu entstandenen kleinen Siedlungswohnungen zu entwickeln, machen sofort klar, welchen Schatz diese Ausstellung da hebt.

Fünf Favoriten der Woche: Erich Dieckmann testet 1931 mit seinen Schülern seine Gartenmöbel aus Korbgeflecht (von links): Bernhard von Brandenstein, Katharina Dieckmann, Erich Dieckmann und Hela Jöns.

Erich Dieckmann testet 1931 mit seinen Schülern seine Gartenmöbel aus Korbgeflecht (von links): Bernhard von Brandenstein, Katharina Dieckmann, Erich Dieckmann und Hela Jöns.

(Foto: Sammlung Stadtarchiv Halle Saale)

Wer hätte gedacht, dass so etwas drei Jahre nach dem Bauhaus-Jubiläum möglich ist? Einen vergessenen Bauhäusler der Weimarer Anfangsjahre vorzustellen, der wie Marcel Breuer bei Walter Gropius in den Unterricht ging, und der mit seiner streng geometrischen Formensprache - oder wie Breuer meinte, mit seiner "großzügigen Einfachheit" - bei den legendärsten Ausstellungen dieser Zeit vertreten war, im Haus am Horn in Weimar genauso wie in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Völlig zu Recht, wie die Ausstellung mit etwa 120 Möbeln, Grafiken, Entwürfen und Zeichnungen zeigt. Dass diese so schwungvolle Karriere dann so tragisch endete, mit Erich Dieckmanns Anbiedern ans nationalsozialistische Regime und seinem frühen Tod 1944, auch davon berichtet die Schau und der Katalog. Deswegen: Hingehen! Laura Weißmüller

Fünf Favoriten der Woche: CD "Le monde selon George Antheil"

CD "Le monde selon George Antheil"

(Foto: Alpha Classics/Alpha Classics)

Musik: George Antheils Futurismus

Wenn George Antheil selbst Klavier spielte, legte er schon mal seine geladene Pistole auf den Flügel, um die Aufmerksamkeit des Publikums einzufordern; die Finger eines Pianisten waren für ihn seine Munition und seine Maschinengewehre. Komponierte er, ratterte die Musik wie eine Apparatur, dröhnte industrielle Urbanität. Antheil liebte Flugzeuge, Autos, war Futurist, aber nie Faschist. Patricia Kopatchinskaja hat jetzt mit dem Pianisten Joonas Ahonen seine erste Violinsonate von 1923 aufgenommen (Alpha Classics) und mit Werken von Komponisten umgeben, von denen Antheil beeinflusst war (Beethoven) oder die er beeinflusste. Die Sonate ist irre, ist motorische, durchgeknallte Maschinenmusik, mit einem blinkenden Wüstennachtsternenhimmel in den Mittelsätzen. Grandios kompromisslos eingespielt. Egbert Tholl

Fünf Favoriten der Woche: Jeanne Moreau und Gérard Oury in "Mit dem Rücken zur Wand", Film Noir Edition.

Jeanne Moreau und Gérard Oury in "Mit dem Rücken zur Wand", Film Noir Edition.

(Foto: UCM.ONE/Artkeim)

Film: Mit dem Rücken zur Wand

Auf dem Boden liegt ein Toter, im Badezimmer surrt sein Rasierer, den er nicht mehr abstellen konnte. Das fatale Ende einer ehebrecherischen Liebe, nun muss der Ehemann den toten Geliebten seiner Frau beseitigen ... "Mit dem Rücken zur Wand" (auf DVD und Bluray bei UCM One), der erste Spielfilm von Édouard Molinaro, 1958, sein Regieassistent war Claude Sautet. Molinaro wurde später durch "Ein Käfig voller Narren" weltberühmt, Sautet als Regisseur von Romy Schneider. Dies ist ein bourgeoiser, existentialistischer film noir, schwärzer als jeder Chabrol. Betrogene Liebe und ihre fiese Erfindungskraft. Der Ehemann sandte dem Paar anonyme Erpresserbriefe, die Frau, Jeanne Moreau, sah sich gezwungen, wie "Madame de ..." in dem berühmten Film von Ophüls, von ihm immer mehr Geld zu erschwindeln. Fritz Göttler

Fünf Favoriten der Woche: Podcast "Der Schuss von Porz"

Podcast "Der Schuss von Porz"

(Foto: WDR/Martin Trompetter/WDR/Martin Trompetter)

Podcast: Der Schuss von Porz

Am Ende steht ein Urteil. Vorerst jedenfalls, denn es ist noch nicht rechtskräftig. Doch bleibt es bei der Einschätzung des Landgerichts Köln, dann muss Hans-Josef Bähner für dreieinhalb Jahre in Haft. Der Mittsiebziger hatte kurz vor Silvester 2016 auf einen jungen Mann polnischer Abstammung geschossen. Bähner bestreitet den Schuss nach anfänglichem Leugnen nicht mehr, argumentiert allerdings mit einer Notwehrsituation und dass der Schuss sich obendrein versehentlich gelöst habe, als er von dem dann Angeschossenen attackiert worden sei. Das Gericht glaubt ihm nicht - und führt dafür sehr nachvollziehbare Gründe an. Es stuft die Tat stattdessen als vorsätzlich ein - und, was das Strafmaß verschärft, als rassistisch motiviert. Pikant an dem Fall ist: Bähner war viele Jahre lang Lokalpolitiker, er saß seinerzeit für die CDU im Bezirksausschuss des Kölner Stadtteils Porz.

Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser rekonstruieren in ihrem fünfteiligen Podcast "Der Schuss von Porz - Ein Politiker drückt ab" (ARD Audiothek) die Geschehnisse jener Nacht, in der Bähner sich von vier jungen Männern auf der Straße vor seinem Grundstück in seiner Ruhe gestört fühlte und daraus für sich das Recht ableitete - so wertet es das Gericht -, sich mit Waffengewalt zu wehren. Doch dabei belassen es die beiden Journalistinnen in dieser Produktion des WDR nicht. Sie recherchieren in der lokalen CDU, aber auch innerhalb der Köln-Porzer SPD. Befragen überwiegend ältere Bewohner des rechtsrheinischen Viertels, die sich zunehmend fremd fühlen in ihrem angestammten Kiez. Reden mit Freunden des Opfers, von denen die meisten migrantisch gelesen werden von den Alteingesessenen und die sich einem Alltagsrassismus ausgesetzt fühlen. Der Angeschossene etwa ist in Köln geboren. Bähner soll ihn am Gartenzaun als "Dreckskanake" beschimpft haben.

Die zentrale Frage des Podcasts ist diese: In welchem gesellschaftlichen Klima wird eine solche Tat möglich? Die Antworten darauf sind nicht eindeutig, weil sich diese Einzeltat nicht automatisch auf ein großes Ganzes ableiten lässt. Doch eines wird sehr deutlich in "Der Schuss von Porz": Wie weit verbreitet die Angst vor einer vermeintlichen Überfremdung ist. Und wie klein viele Weltbilder sind. Stefan Fischer

Fünf Favoriten der Woche: Ryan Gosling als Ken.

Ryan Gosling als Ken.

(Foto: 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved / Jaap Buitendijk)

Die Kostüme im "Barbie"-Film

Es gibt wohl keinen Film, auf den derzeit so viele Menschen so gespannt sind wie auf diesen: Die ersten Set-Fotos des kommenden "Barbie"-Films von Greta Gerwig, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll, machen Twitter und Instagram gerade zu einem Farbrausch in Neonpink. Dazwischen die extra künstlich gebräunten Gesichter von Margot Robbie und Ryan Gosling als Barbie und Ken. Man sieht die beiden bei barbiesken Aktivitäten wie Inlineskaten in Venice Beach und am Steuer des pinkfarbenen Barbie-Cabrios und sie tragen dabei sehr, nun ja, konsequente Kostüme. Hautenge Sportanzüge, offene Westen, Knieschoner in derart knalligem Neongelb, dass man es beim Blinzeln noch lange nach Betrachten der Bilder sieht. Jacqueline Durran hat die Outfits entworfen. Die britische Kostümdesignerin ist für ihre Arbeit an historischen Romanverfilmungen wie "Stolz und Vorurteil" bekannt. Für die Kostüme in Greta Gerwigs "Little Women" und Joe Wrights "Anna Karenina" wurde sie jeweils mit einem Oscar ausgezeichnet. Kathleen Hildebrand

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