Exilliteratur Der Iran und der "arabische Frühling"

Besonders tragisch findet der Bremer Verleger die öffentliche Wahrnehmung des Irans infolge der medialen Berichterstattung. "Der Iran wird als traditionell islamisches Land gesehen, und genau das will auch die iranische Regierung, große Teile der Bevölkerung sind jedoch liberal und modern eingestellt." Vor allem das iranische Kino und die Literatur würden hier ein sehr viel differenzierteres Bild über das Land liefern.

Auch geschichtlich nimmt die iranische Gesellschaft eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zum Großteil der Länder des nahen Ostens, ist der Iran kein arabisches, sondern ein persisches Land mit einer viel älteren Kultur. Dies schlägt sich bereits in der Sprache nieder. Alle "iranischen Sprachen" sind im Gegensatz zu arabisch eine Untergruppe der indogermanischen Sprachfamilie.

Die Islamisierung des Irans ist ein Bruch der kulturellen Entwicklung des Landes, so Mohit. Auch in Bezug auf den Islam hat der Iran eine Sonderstellung. Hier entstand das Schiitentum und auch heute noch stellen die Schiiten die größte Bevölkerungsgruppe dar. Abgesehen vom Irak sind in allen anderen islamischen Staaten die Suniten in der Mehrheit.

Gerade in dieser kulturellen Diversität sieht Mohit aber auch eine Stärke des Irans. Das Land habe immer eine Vorreiterrolle in der Region gespielt. Mit Mohammed Mossadegh war es von 1951 bis 1953 das erste Land im islamischen Kulturraum, das einen demokratisch gewählten Ministerpräsidenten hatte, der jedoch aufgrund wirtschaftlicher Interessen von den USA mithilfe der CIA gestürzt wurde. "Wer weiß, wie es im Iran heute aussehen würde, wenn dieser Putsch von außen nicht stattgefunden hätte."

Der "arabische Frühling" hat bei Mohit zu neuer Hoffnung auf politischen Wandel im Iran geführt. Der Zeitpunkt, so meint er, liege vor allem an den neuen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten, die die Bevölkerungen viel mehr als früher in die Lage versetzten, sich unabhängig von den staatlichen Medien zu informieren. "Vor dieser Globalisierung der Information, des Austausches von politischen Ideen und Erfahrungen und der gegenseitigen Mut-Mache haben die Regierungen Angst. Das ist eine sehr positive Entwicklung."

Der Islam, sagt Mohit, hat auch viel mit politischer Ideologie zu tun. Daher müsse eine demokratische Veränderung der Gesellschaft auch mit einer Reform des Islam einhergehen. Dies ist auch eine der Forderungen der Demonstranten im Iran. "In Teheran nehmen daran auch Mullahs teil, die sich gegen die Auslegung des Islam durch Fundamentalisten richten. In der jetzigen Form ist Demokratie unter der Religion kaum möglich."

Bewohner zweier Welten

Die Revolutionen in der arabischen Welt wirken sich auch auf die Verlagsarbeit aus, da sich plötzlich viel mehr Menschen für diese Kulturräume interessieren. Und gerade die Exilliteratur zeichnet ein differenziertes und kritisches Bild dieser Gesellschaften und offeriert hierdurch einen Zugang.

Mittlerweile ist die thematische Bandbreite des Verlages größer geworden, auch wenn Exilliteratur immer noch einen Schwerpunkt bildet. So kommen aus dem Hause Sujet mittlerweile auch Kinderbücher und Romane. Das erfolgreichste Buch des Verlages ist "Istanbul Walking" von Betty Kolodzy, das binnen drei Monaten die zweite Auflage erreichte.

Sein Unternehmen hat eine ähnliche Entwicklung genommen wie das Leben von Madjid Mohit. Verlag wie Verleger pendeln im Spannungsfeld zwischen deutscher und iranischer Kultur, zwischen Literatur und politischer Veränderung. Mohit ist ein Bewohner zweier Welten. Eine ist seine Heimat, die andere sein Zuhause.

Vor drei Jahren ist er zum ersten Mal wieder in den Iran gereist. Kurze Zeit später dann noch einmal, Sylvester 2010, zum 80. Geburtstag seiner Mutter. Doch es war keine Heimkehr, sondern nur ein Besuch. "Ich habe nach dieser Reise festgestellt, dass der Iran nicht mehr mein Zuhause ist, weil ich mich beruflich und privat in Deutschland entwickelt habe. Ich fühle mich hier wohl und bin inzwischen fest in meinem sozialen Umfeld integriert. Hier habe ich meine Luftwurzeln."

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