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Eva Ladipos Roman "Räuber":Die neue Mauer

10.06.2019, Berlin, Deutschland, Europa - Neue Wohnbauten der Adler Real Estate entlang der Heidestrasse in der Europaci

Wenn dein Viertel so cool wird, ist schon alles zu spät. Neue Wohnbauten in Berlin-Moabit.

(Foto: imago images/Olaf Schuelke)

Eva Ladipos Gentrifizierungsromanze "Räuber" träumt von Solidarität zwischen den Bobos und den Entmieteten.

Von Sabina Zollner

Vor zwanzig Jahren hat der amerikanische Kolumnist David Brooks einen Begriff geprägt und einen Lebensstil beschrieben, den er heute am Prenzlauer Berg in Berlin sehr konzentriert vorfinden würde: den der Bobos, der "bourgeois bohémiens", dieser Elite des Informationszeitalters. Sie schwanken zwischen Rebellion und Reichtum, solidarisieren sich mit den ärmeren Gesellschaftsschichten, stehen selbst aber auf der Gewinnerseite eines Systems, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Wenn sie in ein neues Großstadtviertel ziehen, treiben sie dort die Gentrifizierung an.

Von der Verdrängung ursprünglicher Bewohner durch ein neues Milieu erzählt die Journalistin und Autorin Eva Ladipo in ihrem zweiten Roman "Räuber". Darin wohnt ein Bauarbeiter namens Olli Leber mit seiner Mutter in einer Sozialwohnung am Rand des Prenzlauer Bergs, hinter dem S-Bahn-Ring, der als "neue Mauer Arm und Reich zuverlässig trennt". Aber der Sozialwohnungsbau ist an einen Investor verkauft worden. Die Häuser in der Gegend sollen abgerissen werden und eine schicke Wohnanlage an ihre Stelle treten. Die werden sich Olli und seine Mutter nicht leisten können. Beim Versuch, den Verkauf zu stoppen, verbündet sich Olli mit der Journalistin Amelie.

Ladipo stellt die verschiedenen Schichten einander hart gegenüber, indem sie zwischen den Erzählperspektiven von Olli, Amelie und dem ehemaligen Finanzsenator Falk Hagen wechselt. Der gilt als cooler Linker, seine Politik spricht aber nicht dafür. In seiner Amtszeit sind Hunderte Berliner Sozialwohnungen privatisiert worden. Und Amelie hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Aus diesen drei Charakteren entfaltet "Räuber" einen Roman über die urbanen Machtgefälle der Gegenwart.

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Quartierwerbung in Berlin Mitte.

(Foto: Stefan Boness/imago images / IPON)

Er erinnert darin etwas an Anke Stellings "Schäfchen im Trockenen" und reiht sich ein unter die Bücher, die sich zur Zeit intensiv mit sozialer Herkunft und "Klassismus", der Abwertung minder Privilegierter, auseinandersetzen. Die Figur der Journalistin Amelie steht dabei für die Bobohaftigkeit des Prenzlauer Bergs, und sie weiß es, deswegen sieht sie ihre Aufgabe darin, "dass das System nicht mutiert in etwas, in dem sich die Ungerechtigkeit ungestört ausbreiten kann". Sie bewegt sich zwar in einer linksliberalen Blase, in der sich beim Abendessen über Immobilienpreise und am Spielplatz über kalt gepressten Ingwersaft unterhalten wird. Aber diese Welt ist auch ihr fremd.

Ihr Bündnis mit Olli, aus dem langsam eine Liebesgeschichte wird, bedeutet für sie auch den Ausbruch aus ihrer Rolle "als betrogene Hausfrau mit zwei Kindern, einem untreuen Mann und ohne Arbeit". Neben den Klassenunterschieden zeigt "Räuber" also auch den Frust einer Frau, die sich auch im Bildungsbürgertum von heute noch auf das Muttersein reduziert fühlt. Ladipo lässt dabei die wütenden Töne ihrer Figuren genauso hören wie die gleichgültigen. Ihre Erzählung entfaltet sich in Dialogen, situativen Gedankenfetzen, sodass ihre Charaktere nahbar werden, und ihre soziale Situation nicht ihr einziges Identitätsmerkmal bleibt.

Ungerechtigkeit geschieht in diesem Roman nicht nur zwischen einzelnen Menschen, sie bestimmt den öffentlichen Raum. Sein Vater, erzählt Olli, sei auf einem Friedhof mitten am Prenzlauer Berg beerdigt worden, weil seine Mutter darauf bestand, ihr Mann solle in seiner alten Wohngegend liegen, dem ehemaligen Arbeiterviertel. Während der Beerdigung spürt Olli flüchtige Blicke, "die ihm bewusst machten, dass er und seine Mutter und Ada und die Tante und ihr Kerl und seine Oma eigentlich nicht hierhergehörten. Dass sie gut daran taten, am Rand auf der Wiese unter sich zu bleiben und nicht noch mehr aufzufallen."

Eva Ladipo: Räuber. Roman. Blessing, München 2021. 544 Seiten, 24 Euro.

(Foto: Blessing)

In vollem Bewusstsein, dass Wissen in dieser Gesellschaft das entscheidende Kapital ist - "Das sind Leute, die nicht wissen, wo man sich erkundigt und Anträge schreibt und so" -, hilft Amelie, die Journalistin, ihrem Bauarbeiter-Freund, sich durch die Bürokratie zu kämpfen. Womöglich zeigt der Roman da einen Hang zum Klischee, so verliebt ist er in das Bild des groben, biertrinkenden, unwissenden Arbeiters. Die Autorin gefällt sich darin, von den Härten der Klassengesellschaft zu berichten, aber auf welchen Erfahrungen die Geschichte beruht, erscheint nicht ganz klar. Sind Alkoholkonsum, Unwissen und Gewalt sicher Klassenmerkmale, oder dichtet sich das Bildungsbürgertum da etwas zusammen und reproduziert, was es anzuprangern versucht?

Am Ende greift Olli, auch um der Spannungskurve der Geschichte willen, zur Selbstjustiz und muss durch einen ausgefeilten Plan der Journalistin gerettet werden. Man kann diese Volte als paternalistisch verstehen oder als Wunsch: dass auch die Bobos und die Mittelschicht im Kampf um Wohnraum Solidarität mit den Ärmeren zeigen. Das Klassengefälle selbst bleibt in diesem Roman aber unbestritten bestehen.

© SZ/masc
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