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Eröffnung der Documenta:Plötzlich stehen Wahrheiten im Raum

Die politischen Intentionen von Kuratorin und Künstlern schwingen überall mit, allerdings auf eine in solchen Großschauen selten zu sehende subtile, nämlich persönliche Weise. Nur manchmal wird es unangenehm propagandistisch, etwa wenn Amy Balkin Politiker auffordert, die Erdatmosphäre als Weltkulturerbe anzuerkennen und dann die öden Ablehnungsschreiben aufhängt, als wären es Zeichnungen von Picasso.

documenta (13)

Bilder des libanesischen documenta-Künstlers Rabih Mroué bei der Documenta 13 in Kassel: Warum sehen Auge und Kamera, was der Verstand nicht begreifen kann - den unmittelbar nahenden eigenen Tod?

(Foto: dpa)

Nicht zufällig fallen gerade jene Arbeiten negativ auf, die Christov-Bakargievs fragwürdigen Posthumanismus begründen sollen: Der Hundespielplatz von Brian Jungen sieht wie jeder Spielplatz aus, der Schmetterlingsgarten von Kristina Buch fällt unter "Unsere Stadt soll grüner werden" und über Claire Pentecosts Torfbarren (statt Gold) hätte sich nicht einmal ihr Vorbild Joseph Beuys amüsiert. Das sind aber die lachhaften Ausnahmen. Im Kern geht es der Kuratorin, auch wenn sie anderes behauptet, nicht um Bienen, Erdbeeren und Rucola, sondern um den Menschen, die Kunst und beider Verletzlichkeit.

Eines der klügsten und gewaltigsten Stücke liefert Rabih Mroué aus Beirut. Er analysiert und verformt die Handyfilme von syrischen Demonstranten, die ihre Todesschützen aufnahmen. Sein im Nebenraum flimmernder Vortrag ist avancierteste Bildwissenschaft: Warum sehen Auge und Kamera, was der Verstand nicht begreifen kann - den unmittelbar nahenden eigenen Tod? Das Gesicht des Mörders ist im Zoom verschwommen wie ein abstraktes Gemälde, lässt sich Gewalt in Bilder bannen? Und auf welcher Seite steht der Betrachter?

In Mroués Videoarbeit zielt eine stark verfremdete Person auf uns mit Handykamera - und fällt unter lauten Schüssen zu Boden. Daumenkinos der Videos machen uns zu hilflosen, aber involvierten Zeugen. Auf der Documenta finden sich etwa mit Mario García Torres und Mariam Ghani noch weitere Künstler, die Bilder nicht verehren, sondern verstehen und neu erfinden wollen.

Dalí wird zum Schutzheiligen der Documenta 13

Dann aber wieder drehen viele voll auf und produzieren Bildergewitter in bester surrealistischer Tradition. Salvador Dalí gehört mit seinen Kriegsgemälden zerronnener Personen zu den Schutzheiligen dieser Documenta - er wird schlüssig konfrontiert mit dem Genetiker Alexander Tarakhovsky, der Genome traumatisierter Menschen in unruhigen Pixelbildern sichtbar macht. Eine weitere Ahnfrau ist Marcel Duchamps Geliebte Maria Martins mit ihren spinnenarmig gierigen Bronzen: eine wilde, entgrenzende Ekstase.

Der geben sich etliche Documenta-Teilnehmer genussvoll hin: Shinro Ohtake baut im Auepark seinem Collagenalbum einen irren, mit allerlei Erinnerungsschnipseln verklebten Pavillon und wirbelt alte Boote in eine Eiche, eine Hommage an Giuseppe Penones bronzene Baumkrone mit Stein in der Nähe. Theaster Gates und seine Freunde haben liebevoll Wandteile, Türen und Fensterstücke eines Abbruchhauses aus dem schwarzen Chicago in ein ebenfalls halbverrottetes altes Wohnhaus der Kasseler Hugenotten eingebaut, leben da jetzt und spielen ungezügelten Jazz. Nebenan hat Tino Sehgal einen Darkroom errichtet, in dem die Gäste von einem schwarzen Wald raunender, quakender, singender und tanzender Menschen empfangen werden. Es kommt vor, dass sich ein Besucher neben einen anderen stellt, weil er ihn im Dunkeln für einen Schauspieler hält.

Leben jenseits des Konsums

Das alles kündet von genau der Widerborstigkeit, für welche die sperrig-schönste der deutschen Kulturveranstaltungen seit ihrer Erstausgabe 1955 in aller Welt geliebt wird. Sie kann vom Leben jenseits des Konsums erzählen, kann das Ungehobelte, die schwierigen Emotionen und rauen Verhältnisse zeigen, wie Menschen sie erleben. Das reicht bis in die großen Fragen der Politik, zu Krieg und Zerstörung und den Chancen auf bessere Lebensbedingungen und Mitsprache. Antworten aber sucht man hier vergebens. Eine Kuratorin ist keine Erlöserin, sie muss sich nicht einmal politisch klug äußern, bloß weil die Demokratie sie bezahlt.

Eher ähnelt sie dem Hofzwerg beim spanischen König im Barock: Der durfte inmitten überregulierter Etikette auch alles auf die Bühne bringen, laut weinen und schreien, und öfter einmal standen plötzlich Wahrheiten im Raum.

Documenta 13, bis 16. September in Kassel, http://d13.documenta.de. Der Katalog (3 Bände) erscheint bei Hatje Cantz

© SZ vom 08.06.2012/feko
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