Süddeutsche Zeitung

Eröffnung der Documenta:Menschen blicken durch das Handy in den Tod

An diesem Samstag beginnt die Documenta 13 in Kassel. Eines der gewaltigsten Stücke liefert Rabih Mroué. Der Künstler aus Beirut analysiert die Handyaufnahmen syrischer Demonstranten, die ihre Todesschützen filmten. Nie zeigte sich das politische Programm der Weltausstellung klarer und persönlicher als in diesem Jahr.

Kia Vahland

Als erstes stößt der Besucher gegen eine Glasscheibe. Sie schützt im unteren Halbrund des Fridericianums "The brain", Carolyn Christov-Bakargievs Ausstellung in der Ausstellung. Man darf das Gehirn durch einen Seiteneingang betreten - und findet sich wieder in einem schwer verständlichen Chaos der Assoziationen, wie es wohl in jedem Kopf herrscht.

Da sind etwa baktrische Prinzessinnen aus Afghanistan, die, weil sie im Gegensatz zu den Buddhas von Bamiyan kaum handtellergroß sind, jede Unbill überstanden haben. Ein rot bemalter zerknitterter und durchnässter Papierfetzen aus den fünfziger Jahren von Gustav Metzger, der als Kind knapp den Nazis entkommen ist. Eine angsterfüllte Maske, die Insassen des Umerziehungsheims in Breitenau in den fünfziger Jahren aus Pappmaché anfertigten und die flatterweiße Reaktion einer jungen Künstlerin darauf. Alte Bücher über Paul Cézanne. Die verletzte Marionette des Ägypters Wael Shawky, der im Puppentheater Kreuzzüge nachgestellt hat. Und dann die völlig unversehrte weibliche Statuette des Nazibildhauers Rudolf Kaebach, von der Kriegsfotografin Lee Miller 1945 in Hitlers Wohnung entwendet.

Nicht jedes Objekt erschließt sich Außenstehenden, klar aber ist: Wir befinden uns im Hirn einer schwer traumatisierten Person. Sie, und damit die Allgemeinheit, kennt Verlust, Zerstörung, Vertreibung und rettet im kollektiven Gedächtnis, was zu retten ist. Zu ihren Dramen gehört, dass die Statuette aus dem Badezimmer des Täters schlechthin, Adolf Hitler, unversehrt bleibt - aber ausgestellte Metallobjekte aus dem Nationalmuseum Beirut bei den Bomben im Bürgerkrieg der achtziger Jahre miteinander verschmolzen. Die Kunst verarbeitet nicht nur das Grauen, seine Spuren schreiben sich in sie selbst und damit in das Menschsein ein. Und: Irgendetwas Gutes, ein Stück anfassbare Erinnerung überlebt immer.

Damit setzt Christov-Bakargiev ein großes, weit über die Schau hinausragendes Thema. Nebenbei wird deutlich, warum sie in den Tagen vor Eröffnung derart aggressiv Journalisten aus den Hallen vertreiben ließ: Sie musste offenbar erst einmal ihre Skrupel überwinden, Kunstwerke und Artefakte wem auch immer auszuliefern. Es sind in ihrer Sicht Gedächtnisstücke, Haltgeber, real fassbare Gegenbilder in einer Welt, die sich im Virtuellen und damit rein Gegenwärtigen zu verflüchtigen droht. Die Kuratorin, die im Vorfeld gerne mit einer Demontage des Kunstbegriffes kokettierte, demonstriert in dieser Schau immer wieder, warum Kunst im Gegenteil lebensnotwendig ist.

Geheimer Ort hinter dem Spektakel: Breitenau

Alle Künstler, die nach Kassel kamen, traten als erstes eine Reise nach Breitenau an, jenes mittelalterliche Kloster nahe Kassel, in dem erst Prostituierte und Landstreicher eingesperrt wurden, dann während der NS-Zeit Regimegegner und Juden, bevor sie ins KZ mussten. Nach dem Krieg hielt man hier Geschlechtskranke fest, daraufhin diente der Ort als Umerziehungslager für jene schwererziehbaren Mädchen, deren Schicksal Ulrike Meinhof als junge Journalistin in einer Reportage bekanntmachte.

Das Gebäude selbst strahlt mit seinen schweren Steinen und wildem Bewuchs altdeutsche Beschaulichkeit aus. Heute werden hier psychisch kranke Menschen betreut, und während der Documenta hat die Künstlerin Judith Hopf in einem der Säle eine federleichte Installation aus Glassäulen installiert.

Ein Hauptschauplatz aber ist Breitenau schon aus Rücksicht auf die heutigen Bewohner nicht; es ist vielmehr der geheime Ort hinter dem Spektakel, der sich immer wieder in den Arbeiten spiegelt. Die Kroatin Sanja Ivecovic hat in den Kasseler Archiven das Foto eines Esels gefunden, den die Nazis 1933 hinter Stacheldraht vorführten und stellvertretend für die Juden verhöhnten. Sie stellt dazu ein Regal voller Stoffesel und nennt sie Victor Jara, Walter Benjamin oder Martin Luther King: Menschen, die für ihre Überzeugungen starben. Es soll etwas von ihnen bleiben, das auf merkwürdig dinghafte Art lebendig wirkt wie dieser graue Kinderplüsch.

Plötzlich stehen Wahrheiten im Raum

Die politischen Intentionen von Kuratorin und Künstlern schwingen überall mit, allerdings auf eine in solchen Großschauen selten zu sehende subtile, nämlich persönliche Weise. Nur manchmal wird es unangenehm propagandistisch, etwa wenn Amy Balkin Politiker auffordert, die Erdatmosphäre als Weltkulturerbe anzuerkennen und dann die öden Ablehnungsschreiben aufhängt, als wären es Zeichnungen von Picasso.

Nicht zufällig fallen gerade jene Arbeiten negativ auf, die Christov-Bakargievs fragwürdigen Posthumanismus begründen sollen: Der Hundespielplatz von Brian Jungen sieht wie jeder Spielplatz aus, der Schmetterlingsgarten von Kristina Buch fällt unter "Unsere Stadt soll grüner werden" und über Claire Pentecosts Torfbarren (statt Gold) hätte sich nicht einmal ihr Vorbild Joseph Beuys amüsiert. Das sind aber die lachhaften Ausnahmen. Im Kern geht es der Kuratorin, auch wenn sie anderes behauptet, nicht um Bienen, Erdbeeren und Rucola, sondern um den Menschen, die Kunst und beider Verletzlichkeit.

Eines der klügsten und gewaltigsten Stücke liefert Rabih Mroué aus Beirut. Er analysiert und verformt die Handyfilme von syrischen Demonstranten, die ihre Todesschützen aufnahmen. Sein im Nebenraum flimmernder Vortrag ist avancierteste Bildwissenschaft: Warum sehen Auge und Kamera, was der Verstand nicht begreifen kann - den unmittelbar nahenden eigenen Tod? Das Gesicht des Mörders ist im Zoom verschwommen wie ein abstraktes Gemälde, lässt sich Gewalt in Bilder bannen? Und auf welcher Seite steht der Betrachter?

In Mroués Videoarbeit zielt eine stark verfremdete Person auf uns mit Handykamera - und fällt unter lauten Schüssen zu Boden. Daumenkinos der Videos machen uns zu hilflosen, aber involvierten Zeugen. Auf der Documenta finden sich etwa mit Mario García Torres und Mariam Ghani noch weitere Künstler, die Bilder nicht verehren, sondern verstehen und neu erfinden wollen.

Dalí wird zum Schutzheiligen der Documenta 13

Dann aber wieder drehen viele voll auf und produzieren Bildergewitter in bester surrealistischer Tradition. Salvador Dalí gehört mit seinen Kriegsgemälden zerronnener Personen zu den Schutzheiligen dieser Documenta - er wird schlüssig konfrontiert mit dem Genetiker Alexander Tarakhovsky, der Genome traumatisierter Menschen in unruhigen Pixelbildern sichtbar macht. Eine weitere Ahnfrau ist Marcel Duchamps Geliebte Maria Martins mit ihren spinnenarmig gierigen Bronzen: eine wilde, entgrenzende Ekstase.

Der geben sich etliche Documenta-Teilnehmer genussvoll hin: Shinro Ohtake baut im Auepark seinem Collagenalbum einen irren, mit allerlei Erinnerungsschnipseln verklebten Pavillon und wirbelt alte Boote in eine Eiche, eine Hommage an Giuseppe Penones bronzene Baumkrone mit Stein in der Nähe. Theaster Gates und seine Freunde haben liebevoll Wandteile, Türen und Fensterstücke eines Abbruchhauses aus dem schwarzen Chicago in ein ebenfalls halbverrottetes altes Wohnhaus der Kasseler Hugenotten eingebaut, leben da jetzt und spielen ungezügelten Jazz. Nebenan hat Tino Sehgal einen Darkroom errichtet, in dem die Gäste von einem schwarzen Wald raunender, quakender, singender und tanzender Menschen empfangen werden. Es kommt vor, dass sich ein Besucher neben einen anderen stellt, weil er ihn im Dunkeln für einen Schauspieler hält.

Leben jenseits des Konsums

Das alles kündet von genau der Widerborstigkeit, für welche die sperrig-schönste der deutschen Kulturveranstaltungen seit ihrer Erstausgabe 1955 in aller Welt geliebt wird. Sie kann vom Leben jenseits des Konsums erzählen, kann das Ungehobelte, die schwierigen Emotionen und rauen Verhältnisse zeigen, wie Menschen sie erleben. Das reicht bis in die großen Fragen der Politik, zu Krieg und Zerstörung und den Chancen auf bessere Lebensbedingungen und Mitsprache. Antworten aber sucht man hier vergebens. Eine Kuratorin ist keine Erlöserin, sie muss sich nicht einmal politisch klug äußern, bloß weil die Demokratie sie bezahlt.

Eher ähnelt sie dem Hofzwerg beim spanischen König im Barock: Der durfte inmitten überregulierter Etikette auch alles auf die Bühne bringen, laut weinen und schreien, und öfter einmal standen plötzlich Wahrheiten im Raum.

Documenta 13, bis 16. September in Kassel, http://d13.documenta.de. Der Katalog (3 Bände) erscheint bei Hatje Cantz

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SZ vom 08.06.2012/feko
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