Enrico Caruso: 100. Todestag:Im Samtsessel seiner Stimme

Enrico Caruso, 1906

Enrico Caruso 1906 während eines Besuches in Amerika.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Von knarzenden Schellackplatten singt er aus einem anderen Jahrhundert herüber: Vor 100 Jahren starb Enrico Caruso. Der Tenor bleibt ein Weltwunder.

Von Wolfgang Schreiber

Der Tod Enrico Caruso in Neapel am 2. August 1921 und die Umstände seines Begräbnisses sind bloß noch biografische Daten. Allein die Kunst des Sängers, die Kraft und Prachtentfaltung seiner Stimme und die Charakteristik seines Gesangs machen den ästhetischen Mehrwert aus. Und vielleicht sind es ja die Stimmakteure der Oper selbst, die ihresgleichen am besten kennen. Nur sie, nicht die Agenten, Lobredner, Kritiker, sind ihnen auf den Bühnenbrettern nahe. Wie es sich Enrico Caruso und die Sopranistin Frieda Hempel zum Beispiel waren: "Der Klang seiner Stimme ist so, als sinke man in einen tiefen, weichen, sanften Sessel aus Samt. Carusos Singen war so perfekt, so himmlisch."

So schwärmte 1907 kein Opernfan, die Caruso-Bewunderung folgte gemeinsamen Auftritten: Der Italiener und die Deutsche sangen miteinander auf der Bühne der Metropolitan Opera in New York. Der lyrische Schmelz des Caruso-Gesangs wirkte betörend, tut es noch heute - der magische Ton aus krächzender Jahrhundert-Ferne, von der Schellackplatte entsendet. Nur Caruso selbst schätzte seine Stimme und Berufung nüchterner ein: "Ein Sänger braucht einen breiten Brustkorb, ein großes Maul, neunzig Prozent Gedächtnis, zehn Prozent Intelligenz, harte Arbeit und ein wenig im Herzen."

Seine Karriere begann auf der Straße, Kirchenchöre und die Hafenkneipen Neapels wurden zu frühen Kampfzonen der Stimme. Geboren dort 1873, aufgewachsen in einer armen kinderreichen Familie, unterrichtet von lokalen Lehrmeistern, gelangte Caruso eher spät auf große Bühnen, dann rasch an die Mailänder Scala und von dort nach New York. Die Metropolitan Opera blieb das Zentrum seiner Kunst, Hunderte von Malen trat er dort auf - mit Streifzügen durch sein extrem ausgedehntes Repertoire zwischen Belcanto und Verismo, geprägt von seiner Liebe zu Italiens großen Komponisten: Rossini, Donizetti, Verdi, Puccini. Die neue Jahrhundert-Erfindung Schallplatte war sein Medium, und die junge Musikindustrie erfand ihrerseits die Kultfigur Caruso, dank Hunderter Studioaufnahmen.

Seine Popularität erreichte alle sozialen Schichten, sein Nimbus entsprach dem heutiger Fußball-Superstars. In Mexiko City sang Caruso in Stierkampfarenen. Das Charisma lag in der Verführungskraft seiner Stimme, sie prunkte mit ihrem baritonalen Timbre und dem Reichtum an Klangfarben, ihrem unfehlbaren Sinn dafür, so ein Kritiker, "den Bogen einer Kantilene zu spannen". Die Welt erlebte ihn hautnah, die anstrengenden Tourneen verliefen triumphal, Ruhm und Reichtum hat er sich hart erarbeitet.

Von Strapazen, Lebenskrisen und Krankheiten tief verunsichert, plante Caruso später eine ruhigere Laufbahn, Sesshaftigkeit. Mit Umsicht zog er sich nach Neapel zurück, wo er unerwartet starb, kaum fünfzigjährig, weltweit betrauert. Das Begräbnis begleiteten Hunderttausende, alle Gebäude entlang des Trauerzugs hinter schwarzen Tüchern verborgen, König Viktor Emmanuel III. persönlich ließ den Leichnam in der Kirche San Francesco di Paola aufbahren, in der es sonst nur royale Zeremonien gegeben hatte. Jahrelang lag er dort einbalsamiert im Glassarg, heute birgt ein Mausoleum das Ehrengrab.

© SZ/masc
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