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"Enola Holmes" auf Netflix:Teen Spirit

Film

Zielsicher: Millie Bobby Brown als Enola Holmes.

(Foto: LEGENDARY ©2020)

Mit dem Netflix-Hit "Enola Holmes" wird die 16-jährige Millie Bobby Brown, die hier Ideengeberin, Produzentin und Star ist, zur neuen Macht im Filmgeschäft. Sie spielt Sherlock Holmes' kleine Schwester.

Von Tobias Kniebe

Dieses Mädchen wird die Welt erobern, das spürt man, sobald der Film "Enola Holmes" losgeht. Und es gilt gleich doppelt: Für die fiktive Sechzehnjährige namens Enola, die hier als kleine, freche und vom Erfinder Arthur Conan Doyle gar nicht vorgesehene Schwester in die Welt des Meisterdetektivs Sherlock Holmes einbricht. Vor allem aber gilt es für Millie Bobby Brown, die reale Sechzehnjährige, die sie spielt. Man ahnt das schon in dem Moment, wo sie im viktorianischen Kleid und Unterrock durchs ländliche England radelt und direkt in die Kamera spricht, um ihre Figur augenzwinkernd vorzustellen.

Sich ans Publikum zu wenden, wird zum Markenzeichen der Heldin - und wirkt ganz natürlich

Schon bisher war Millie Bobby Brown ein smarter und sehr engagierter Teenager mit weltweiter Fangemeinde. Davon gibt es aber einige, bei manchen reicht es schon, wenn sie auf Tiktok wild den Bauchnabel kreisen lassen. Millie hat deutlich mehr für ihren Ruhm getan: Im Serienphänomen "Stranger Things" übernahm sie im Alter von zwölf Jahren die Rolle der Eleven, die mit der Kraft ihrer Gedanken Autos durch die Luft schleudern und Monster spalten kann, und sie hat diese Figur mit den mentalen Superkräften subtil und stark zugleich verkörpert. Kurz darauf wurde sie Unicef-Botschafterin und landete auf der Time-Liste der "100 einflussreichsten Personen der Welt".

Normalerweise wird man, wenn man so schnell in die Stratosphäre aufsteigt, Spielball fremder und nicht immer guter Mächte. Millies Auftritt in "Godzilla II", wo sie wieder auf computeranimierte Monster traf, hätte da ein schlechter Vorbote sein können. Zum Glück aber schlägt ihr Herz für ganz andere Geschichten - wie denen von Sherlock Holmes' detektivisch begabter Schwester Enola. Die fand sie in Romanen von Nancy Springer, die das inzwischen rechtefreie Sherlock-Holmes-Erbe einfach für junge Leser erweitert hat.

Bemerkenswert ist dann der nächste Schritt, in dem Millie es nicht nur schafft, die mächtigen Finanziers von Legendary Pictures von "Enola Holmes" zu überzeugen und sich selbst die Hauptrolle zu sichern - mit ihrer älteren Schwester Paige steigt sie auch noch in die Produktion des Films ein. Im Augenblick ist sie sicher die jüngste Produzentin Hollywoods.

Nicht schlecht für einen Teenager, plötzlich so ein eigenes Riesending am Start zu haben - wenn man die selbstgeschaffene Traumrolle dann auch wirklich ausfüllen kann. Und siehe da, Millie Bobby Brown kann das. Ob smart und altklug, widerspenstig und kämpferisch, selbstironisch-komisch oder teenagerhaft unsicher, man ist immer ganz bei ihr. Sehr viel ältere Schauspieler scheitern schon daran, sich direkt ans Publikum zu wenden, ohne dabei lächerlich zu wirken. In diesem Film aber macht Millie das zu einem Markenzeichen der Heldin, das plötzlich ganz natürlich wirkt.

So erzählt Enola atemlos von ihrer feministischen Mutter Eudoria (Helena Bonham Carter), die ihr im Zuge eines exzentrischen Homeschooling-Programms im heruntergekommenen, efeuüberwucherten Familiensitz Geschichte, Wissenschaft, Kryptografie, Bogenschießen, Tennis und Kampfkünste beigebracht hat. Alles, nur nicht Sticken, Häkeln und die Manieren einer viktorianischen Lady. Als der Film beginnt, wird Enola sechzehn, und ihre Mutter ist ohne Erklärung verschwunden. Das Mädchen ruft also aus London seine wesentlich älteren Brüder zu Hilfe, Sherlock und Mycroft, obwohl sie diese seit vielen Jahren nicht gesehen hat.

Schlechte Idee. Denn obwohl die beiden hier von führenden britischen Hunks verkörpert werden - Henry "Superman" Cavill und Sam "Hunger Games" Claflin -, machen sie Enola das Leben nur schwerer. Sherlock ist zwar halbwegs verständnisvoll, schwebt aber in seiner eigenen Welt, Mycroft dagegen gibt den verknöcherten Vormund und ist eisern entschlossen, die Schwester auf "Miss Harrison's Finishing School For Young Ladies" zu schicken. Mit seiner ganzen zeitgenössischen Teenagerseele lässt der Film spüren, was für ein Todesurteil das wäre - Enola muss fliehen. Unerlaubt bricht sie nach London auf, wo sie zugleich ihre Mutter zu finden hofft. Auf den Fersen ist ihr jetzt allerdings der berühmteste Detektiv seiner Zeit.

Das Ganze funktioniert auch deshalb, weil Millie Bobby Brown erfahrene Profis an ihrer Seite hat

Damit ist ein hohes Tempo vorgegeben, das der Film mit etlichen Twists und Wendungen hält - so lernt Enola einen jungen Lord kennen, der ebenfalls auf der Flucht ist, dem Schicksal des britischen Empire aber noch eine entscheidende Wendung verpassen wird. Enola entpuppt sich als Meisterin der Verkleidung, mal taucht sie als Straßenjunge auf, mal als Witwe, mal als glamouröse Lady im engen Korsett, in dem sie dann allerdings gegen einen Killer kämpft. Millie Bobby Brown macht hier auch ihre eigenen Stunts, dann wieder kommentiert sie sarkastisch das Geschehen. All das ist höchst vergnüglich, selten war eine junge Hauptdarstellerin so eins mit ihrer Figur, auch ihren tollen britischen Akzent kann sie im Original voll ausspielen. Vielleicht sollte man Kinder öfter ihre eigenen Filme produzieren lassen?

Das Ganze funktioniert aber auch deshalb, weil Millie Bobby Brown sehr erfahrene Profis an ihrer Seite hat. Der Autor Jack Thorne ist allgegenwärtig in Theater, Fernsehen und Kino, man braucht ihn für Nick-Hornby-Adaptionen genauso wie für das offizielle "Harry Potter"-Theaterstück vom "Cursed Child". Harry Bradbeer wiederum half als Regisseur, Phoebe Waller-Bridge mit der von ihr geschriebenen Serie "Fleabag" zum Star zu machen, auch beim Nachfolger "Killing Eve" war er wieder dabei. So wenig diese Projekte mit "Enola Holmes" gemein haben - ein Stück von der herrlichen "Fleabag"-Aufsässigkeit spürt man auch hier.

Überraschende Tiefe gewinnt das Unternehmen, wenn der Film mit dem Unglauben einer heute Sechzehnjährigen zurück auf eine Zeit blickt, in der junge Frauen zu "Müttern von strammen Jungs" erzogen werden sollten und Gesetze brechen mussten, wenn sie für ein Wahlrecht kämpfen wollten, das noch nicht einmal allen Männern zustand. "Sie wissen nicht, wie es ist, ohne Macht zu sein", sagt eine schwarze Undercover-Suffragette einmal zu Sherlock Holmes. "Politik interessiert Sie nicht, denn warum sollten Sie eine Welt ändern wollen, die Ihnen bestens passt?" Das trifft den Punkt. Und da ist sogar Sherlock Holmes, der sonst immer das letzte oder sogar allerletzte Wort hat, kurz mal sprachlos.

Enola Holmes, UK 2020 - Regie: Harry Bradbeer. Buch: Jack Thorne. Kamera: Giles Nuttgens. Musik: Daniel Pemberton. Mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill, Sam Claflin, Helena Bonham Carter, Louis Partridge. Auf Netflix, 123 Minuten.

© SZ vom 29.09.2020/cag
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