"Ender's Game" im Kino:Krieger an Konsolen und Joysticks

Lesezeit: 3 min

Gavin Hood hat "Ender's Game" verfilmt, einen der großen Kultromane der vergangenen Jahrzehnte. Sein Science-Fiction-Film handelt von den Kriegen der Zukunft, die in Form von Drohnen-Einsätzen bereits begonnen haben.

Von Fritz Göttler

Auch der künftige Krieg will gelernt sein. Einer der letzten Probeläufe, den die jungen Kadetten dieses Films in ihrer Trainingsstation absolvieren müssen, ist ein merkwürdiges Geknuddel. Ein Dutzend Kinderkörper zu einem Knäuel verschlungen, in einer Art Football-Strategie, Arme und Beine ineinander verhakt - eine schlingernde Kugel, die sich langsam durch die Schwerelosigkeit des Übungsraums schiebt.

Alle paar Meter stoßen ein paar der verhakten Kids sich ab und zischen auf die Gegner zu, die sich im Dunkel des Raums verschanzt haben. Das Ganze ist lustvoll und infantil, ein rechtes Kindergartengetümmel, und der Film lässt keinen Zweifel daran.

Ender hat sich das ausgedacht, der junge Gruppenführer, der schneller lernt und vorwitziger ist mit seinem Mundwerk als alle andern. Er hält seine Jungs und Mädchen nicht durch dummen Drill zusammen, sondern indem er an ihre Spontaneität und Kreativität appelliert.

Oberst Graff hat Ender ausgesucht für die Kadettenschule, hat an ihm festgehalten trotz der Bedenken der Kollegen und der Selbstzweifel des Jungen, hat ihm die kleine "Dragon"-Einheit anvertraut. Er hat den Blick für Führungsqualitäten, für spielerischen Drive.

Hailee Steinfeld in Ender's Game

Der Krieg durch neue Technologien auf den Punkt gebracht: Hailee Steinfeld in Ender's Game.

(Foto: Constantin Film Verleih)

Die Menschheit hat ein Problem, nur mit letzter Kraft hat sie vor Jahren eine Invasion außerirdischer Ameisenwesen abgewehrt, nun fürchtet man, dass ein zweiter Versuch vorbereitet wird auf einem der Erde vorgelagerten Planeten. Um die drohende Gefahr zu beseitigen und das Trauma, das damit verbunden ist, braucht es Kämpfer, Strategen und Helden.

Absurde Körpernähe

Es ist ein Spiel, das dort im Trainingslager abläuft, unter Enders Kommando. 1985 hat Orson Scott Card "Ender's Game" veröffentlicht, lange bevor Video- und Internet-Games Teil der Alltagskultur waren, bevor sie soziologisch und psychologisch untersucht wurden, auf ihre gesellschaftliche und politische Effizienz hin.

Der Roman ist bis heute eines der beliebtesten Coming-of-Age-Stücke der Science- Fiction (vom Autor mit diversen Fortsetzungen versehen), er wird von Kids und Erwachsenen gelesen - und offiziell bei den US-Marines in der Ausbildung.

Die Verfilmung von Gavin Hood kommt nun zu einem Zeitpunkt in die Kinos, da der anonyme, der virtuelle, der Drohnenkrieg dabei ist, die militärischen Einsätze Mann zu Mann überflüssig zu machen. Schon deshalb wirkt der knuddelige Test mit Körpernähe und -kontakt so absurd und nutzlos. Das hat mit der neuen Kriegsrealität nichts zu tun, seiner Kommandostand- und Knopfdruckstrategie, und genau das ist die bittere, brutale, bizarre Lektion, die auch der naive Streber Ender schließlich lernen muss.

Verlust der Unschuld

Asa Butterfield ist Ender, sein Gesicht ist noch schmaler, blasser und verhärmter als in Scorseses "Hugo", wo er sich durch den Pariser Winter schlug, zwischen den großen Kriegen, und am liebsten mit Mechaniken und Konstrukten verkehrte, mit Uhren und Menschenautomaten.

Kadettenfilme sind, als Genre, eher selten in Hollywood, sie wirken meistens gemütlich, aber ihr Unterton macht sie härter als die richtigen Kriegsfilme. Weil es um den Verlust einer Unschuld geht, der die Genese des Kriegers begleitet, weil man erlebt, wie aus Menschen Kampfmaschinen werden - und was dabei mit ihrer Menschlichkeit passiert. Ein Prozess der Deformation, der Vergewaltigung.

In der typisch amerikanischen Familie, aus der Ender gerissen wird, um die Welt zu retten, hat er die stärkste Beziehung zu seiner Schwester, die ihn tröstet und ermutigt, ihm den Weg weist. Es könnte die Beziehung der Zukunft sein.

Dass die jungen Naiven - die Simplicissimi -, effektiver sind als die gelernten und in ihrer Routine erstarrten Profis, ist oft durchgespielt worden in den Romanen der Weltliteratur und der Science-Fiction.

Schon in den Siebzigern hat Orson Scott Card "Ender's Game" in einer Kurzgeschichte konzipiert, die Kriege, an denen er sich orientierte, waren Korea und Vietnam. Keine Eroberungskriege, erklärt er in Interviews, wir schickten unsere Kinder los, um fremden Völkern zu helfen. Vom Präventivkrieg sprach man erst mal nicht, und nicht vom Genozid. Und davon, wie mit der Invasion des Irak der Krieg durch die neuen Technologien auf den Punkt gebracht wird, die definitive Entscheidungsschlacht.

Parzellierte Schuld und Unschuld

Die Kinder sind daher die künftigen Krieger, an ihren Konsolen und Joysticks, Die moralische Debatte um die Gefährlichkeit der Game-Abhängigkeit verlagert der Film am Ende in ein merkwürdiges Doppelspiel, in dem Tränen fließen, Schuld und Unschuld parzelliert werden. Und mit seltsamer Starrköpfigkeit beharrt er dann doch auf Resten von verlorener, aber erinnerter Realität.

Seit ich fünf war, erzählt Oberst Graff, er wird immerhin gespielt vom alten "Star Wars"-Söldner Harrison Ford, habe ich meinem Vater beim Zureiten der Pferde geholfen - das erklärt seinen sicheren Blick für die Qualitäten der jungen Kadetten. Und Mazer Rackham, der im ersten Krieg gegen die Außerirdischen zum großen Kriegsheld wurde, ihn verkörpert Ben Kingsley, fühlt sich als Maori durch seine Gesichtstätowierung mit den Toten verbunden. In der künstlichen überlebt eine wirkliche Welt, als Mythos.

Ender's Game, USA 2013 - Regie, Buch: Gavin Hood. Kamera: Donald McAlpine. Mit Harrison Ford, Asa Butterfield, Hailee Steinfeld, Viola Davis, Abigail Breslin, Ben Kingsley. Constantin, 114 Min.

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