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"Music To Be Murdered By - Side B" von Eminem:Haifisch in Lauerstellung

Eminem

"Selbst wenn ich Müll rausbringe, bekomme ich noch Geld": Eminem bei der Oscar-Verleihung im Februar 2020.

(Foto: Chris Pizzello/Chris Pizzello/Invision/AP)

Man konnte Eminem, dem Hyper-Maniker des Rap, zuletzt in Höchstauflösung dabei zusehen, wie er im eigenen Ausstoß verloren ging. Und hier die gute Nachricht: Womöglich fängt er sich gerade wieder.

Von Jakob Biazza

Etwa auf halber Strecke des Albums wird Eminem dann noch ein bisschen weinerlich: Er solle sich, rappt er, verändern, ohne anders zu werden. Er solle erwachsen werden, aber nicht altern. Man wolle die Wut, aber zu zornig, nein, nein, das nun bitte auch nicht. Kurz: Man wolle "the new, but old Shady". Erfinde deine Kunstfigur - diesen dauergrantigen, weißen Derwisch namens Slim Shady, der alles und jede beleidigt, als wolle er sich auf direktem Weg in den innersten Kreis der Hölle fluchen - also jetzt endlich neu. Aber stell sicher, dass er der alte bleibt. Er ist sonst doch recht fad.

"These Demons" heißt der Song. Es ist einer der wenigen auf seinem neuen Album, die sich bei der Beat-Ästhetik ein bisschen an den Zeitgeist anschmiegen: fiebrig hingezitterte Trap-Hi-Hats, bis wenige Zentimeter über den Asphalt tiefergelegte Synthies. Ein Track, der durch die Szenerie gleitet wie ein Haifisch in Lauerstellung. Eminem wird auf ihm, ein paar Takte nachdem er mit der privaten Befindlichkeit durch ist, noch politisch: "This pandemic got us in a recession / We need to reopen America / Black people dyin', they want equal rights / White people wanna get haircuts". Der latente Rassismus hinter der US-Corona-Politik in vier giftigen Zeilen: Das Land muss dringend geöffnet werden - schwarze Menschen sterben schließlich und fordern gleiche Rechte. Und die Weißen brauchen einen neuen Haarschnitt.

Dann geht es, endlich, um seinen Penis

Dann stänkert er, noch immer im selben Song, ein wenig gegen Mariah Carey, die womöglich seine Ex-Freundin ist. Dann geht es, endlich, um seinen Penis. Der 48-Jährige in knapp dreieinhalb Minuten. Ein bisschen Selbstmitleid, ein bisschen Politik, inzwischen etwas weniger Misogynie und sehr viel grandioser Wortwitz.

Und seit ein paar Jahren: sehr, sehr viel Verwirrung. Bei Eminem selbst. Man konnte dem Amerikaner, der mit "The Eminem Show" 2002 eines der bislang kommerziell erfolgreichsten (und besten) Rap-Alben veröffentlicht hat, zuletzt in Höchstauflösung dabei zusehen, wie er im eigenen Werk verloren ging - und das selbstverständlich realisierte. Falls man bei Marshall Mathers, wie der Rapper in echt heißt, noch irgendwas unterschätzt, dann seine Fähigkeit, das eigene Werk zu reflektieren. Es dürfte wenige Menschen auf der Welt geben, die detaillierter und mit mehr Gram wissen, wann Eminem schlecht ist.

Eminem war jetzt ein paar Jahre lang ziemlich schlecht.

Doch, man kann das wohl als Tatsachenbehauptung stehen lassen. Die Kritik war sich schließlich weltweit sehr einig - vor allem aber zeigte Eminems Reaktion, diese weißglühende Erregung, dass sie damit einen durchaus wunden Punkt traf. Nachdem "Revival" 2017 weithin verrissen worden war (zu ernst sei es, zu staatstragend, zu wenig am Puls und insgesamt ohne Fokus), veröffentlichte er nur ein paar Monate später "Kamikaze". Hauptantrieb: Kritikern, auch namentlich, auseinandersetzen, dass sie geistig halbbehinderte Lemuren seien. In einem Skit, einem dieser gesprochenen Zwischen-Titel ohne Musik, hörte man eine etwas besorgte Sprachnachricht von Eminems Manager Paul Rosenberg: Was denn als Nächstes kommen solle? Etwa "Kamikaze 2", das Album, auf dem er jedem antwortet, der das Album nicht mochte, auf dem er jedem antwortete, der das Album davor nicht mochte?

Form vor Inhalt! Eminem im Jahr 2002 bei den MTV Video Music Awards in New York.

(Foto: TIMOTHY A. CLARY/AFP)

Nicht jeder mochte das Album. Das Folgewerk hieß "Music To Be Murdered By" - Musik, zu der man vortrefflich umgebracht werden kann. Der Titel ist eine Referenz an eine Soundtrack-Sammlung von Alfred Hitchcock, eher keine weitere Drohung.

"Music To Be Murderer By - Side B" macht nun dort weiter, wo die A-Seite Anfang des Jahres aufgehört hat - aber meistens besser. Die Beats sind weiterhin auf mittlerem Niveau stabil und zwischendrin auch mal ziemlich gut. Und der MC selbst scheint sich zwar noch immer nicht entschieden zu haben, was er nun genau sein möchte: Emo-Rapper? Polit-Kommentator? Größter Welthasser der Welt? Aber er scheint dabei langsam, sehr langsam, wieder zu realisieren, dass es nicht ganz so wichtig ist, was er sagt, sondern wie er es tut.

"Selbst wenn ich Müll rausbringe, bekomme ich noch Geld"

Eminem hat schließlich auch in seinen allerbesten Zeiten mehr über Form funktioniert als über Inhalte, was hier nun bedeutet, dass er das Gegrübel wieder oft genug rechtzeitig abbricht, um sich stattdessen auf seine technische Exzellenz zurückzuziehen, auf sein Tempo und sein irrwitziges Arsenal an synkopierten Rhythmus-Sperenzchen. Und endlich auch wieder auf seine im allerklügsten Sinne steinblöden Wortspiele. "I can't hear you", schickt er dem Song "Tone Deaf" voran. "I got an ear-infucktion - and I cunt finger it out". Diese geistige Flughöhe. Wundervoll.

Den größten Spaß macht "Alfred's Theme". Charles François Gounods "Trauermarsch für eine Marionette" trällert im Hintergrund, die Drums krachen dreckig, und Eminem liefert, zwischen einer Tonne an verdrehtem Reimgut, diese Erkenntnis: "Bitch, I still get the bag when I'm putting garbage out". Frei übersetzt: Selbst wenn ich Müll rausbringe, bekomme ich noch Geld. Eigentlich ja eine beruhigende Gewissheit. Mit der im Hinterkopf ließe sich doch langsam wieder ganz entspannt Schabernack treiben.

© SZ
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