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EM-Songs:Haltet durch, Kameraden!

Mark Forster, Balljunge und Sänger des offiziellen ZDF-Songs zur Fußball-EM.

(Foto: David Koenigsmann; Bearbeitung SZ.de)

"Wir sind groß", "80 Millionen", "Jeder für Jeden": Warum müssen deutsche Fußball-Songs immer nach Großmachtstreben und "Platz an der Sonne" klingen?

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984 . Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer wöchentlichen Musik-Kolumne .

Alle zwei Jahre wiederholt sich ein musikalisches Phänomen: der Fußballturnier-Song. Ob WM oder EM, jeder Sommerkick hat seine eigene Hymne. Ach was! Jede Meisterschaft hat seine eigene Hundertschaft an Songs. Manche exklusiv zum Fußballevent hinkomponiert. Andere zweitverwertet, zweckentfremdet, zurückgeholt.

Hört man sich die diesjährigen Vertreter aus Deutschland an, drängt sich die Frage auf: Warum müssen Lieder über und für dieses Land immer so erschreckend nach Großmachtstreben und "Platz an der Sonne" klingen? Nehmen wir den offiziellen EM-Song des ZDF zum Beispiel: "Wir sind groß" von Mark Forster. Da heißt es dann im Refrain: "Die Welt ist klein und wir sind groß." Klar, das war mal als Ode an Freundschaft und Zusammenhalt geschrieben (wie der Pressetext verrät), im schwarz-rot-goldenen Kontext klingt das aber eher nach imperialistischem Sendungsbewusstsein.

Ein anderes Beispiel: "80 Millionen" von Max Giesinger - extra für die EM mit Fußballkontext aufgehübscht und gleich an die Spitze der Charts geklettert. Eine Motivationsnummer für La Mannschaft: Erinnerungen an das Wunder von Brasilien, weißte noch, damals? Und jetzt, in Frankreich: "Es wird nicht leicht, aber ihr schafft das schon. Denn ihr seid nicht alleine, hinter euch stehen 80 Millionen." Huch. Halt mal. Sollte es einen bei solchen Sätzen nicht ein wenig schaudern? Vor allem wenn man bedenkt, was historisch schon so alles schief gelaufen ist, wenn ein ganzes Volk hinter einer Sache stand? Niemand wirft Max Giesinger vor, mit Nazis zu sympathisieren, aber kann man nicht erwarten, dass jemand, der Songs für Fanmeilen schreibt, ein wenig über seine Wortwahl nachdenkt? Schließlich hat Adolf Hitler 1933 in seiner berühmten Sportpalast-Rede auch schon von Millionen gesprochen, die einmal hinter ihm stehen werden.

Als hätten Manowar zu Ibiza-DJs umgeschult

Ist das nun also ein deutsches Problem, dass unsere Wettkampf-Songs immer auch ein bisschen nach Durchhalte-Propaganda für die Front klingen? Haltet durch, Kameraden?Kommt oft vor, aber nicht exklusiv. Nehmen wir zum Beispiel den offiziellen UEFA-Song von David Guetta. Der erobert zwar mit seinem Dumpfdödel-House die ganze freie Welt, ist aber immerhin Franzose. "This One's For You", eine Zusammenarbeit mit der Sängerin Zara Larsson, feuert trotzdem martialische Metaphern wie ein Flakgeschütz: "Waving colored flaggs, we won't surrender, there is no standing down". Flaggen, Kapitulation? Man könnte meinen, Manowar hätten auf dem zweiten Bildungsweg zu Ibiza-DJs umgeschult.

Überhaupt, diese Flaggen. Was haben alle nur mit denen? Schlimm genug, dass das ganze Land wieder für vier Wochen in diesen Wir-sind-jetzt-wieder-wer-Patriotismus zurückstürzt. Und die Deutschlandfahnen aus Omas Schrebergarten entführt, um sie an die Karre zu pappen. Nein, auch Herbert Grönemeyer - sonst nicht im Verdacht der Deutschtümelei - singt im offiziellen DFB- und ARD-Song "Jeder für Jeden" von Flaggen: "Es sind die wehenden Fahnen, für die sich alles lohnt." Sind wir hier beim Sturm auf Paris, oder was?

Doch es gibt eine Hoffnung. Und sie heißt Revolverheld. Richtig gelesen: Revolverheld. Die haben jüngst zusammen mit Extra 3 und Heinz Strunk bewiesen, dass sie vielleicht doch nicht die grausligste Band des Landes sind. Ihr EM-Song für besorgte Bürger ist musikalisch mau, textlich flach und dennoch genau richtig und wichtig für das Land von Frauke Petry und Alexander Gauland: "Boateng und Gómez tut dir weh, ist Mustafi denn auch DFB? Und Khedira ist deutsch, du hältst es nicht aus." Ein Fußball-Song, in dem es tatsächlich um Fußball geht? Irre.

Es ist ja eigentlich ganz einfach, Songs für das eigene Land zu schreiben. Nämlich gar nicht. Und wenn man sich doch zu einer popmusikalischen Rede an die Nation hinreißen lässt, dann doch bitte so selbstzerfressen wie Tocotronics "Aber hier leben, nein danke" oder so fies feixend wie "Biergarten Eden" von K.I.Z. - Pop ist viel zu global für diesen nationalen Prä-Schengen-Quatsch.

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