Einwanderungsland Deutschland:Wer keine Heimat hat, ringt mit der Welt

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Wenn man aber keine Heimat hat, ringt man meistens mit der Welt. Nicht jeder Einwanderer empfindet sich als heimatlos. Aber jeder fragt sich eher früher als später, was Heimat überhaupt ist, man wird nachdenklich. Denn man stellt fest, dass Heimat mehr ist als die bundesdeutsche Rechtssicherheit, mehr als bezahlte Arbeit, mehr als gute Zahnärzte. Man stellt dies fest, und dann sucht man nach dieser Heimat, die einem fehlt. Und findet sie. Oder man findet sie nicht.

Was genau man findet oder eben nicht findet, ist aber so individuell, dass der statistisch so relevante Begriff "Einwanderer" jeglichen Sinn verliert. Was verbindet einen achtzehnjährigen Flüchtling aus Syrien mit einer sechzigjährigen Professorin aus Nowosibirsk, die nach dem Ende der Sowjetunion "über die jüdische Schiene" nach Deutschland kam, was verbindet diese beiden mit dem Türken, der die Bäckerei an der Ecke betreibt, und mit dem walisischen Maler in Berlin?

Nichts, außer der Tatsache, dass sie alle irgendwann die Grenze der Bundesrepublik Deutschland überschritten und hier blieben. Der frisch angekommene syrische Flüchtling, sobald er aus seinem Aufnahmelager herauskommt, wird vermutlich die anderen drei als unzertrennliche Teile dieser Aufnahmegesellschaft sehen, von der sein globalisiertes Schicksal nun abhängt.

Migranten sind keine homogene Masse

Ähnlich wie die Nicht-Migranten sind Migranten keine homogene Masse. Sie bringen ihre Konflikte mit sich (Türken - Kurden, Chinesen - Uiguren, zuletzt Putinfans - Putingegner); sie sprechen meistens nicht die Muttersprachen der jeweils anderen, einige putzen Toiletten am Bahnhof, andere sitzen im Bundestag, andere fahren Streife. Man sollte das in Anwesenheit von Migrationsverwaltern nicht allzu laut sagen, aber: Es gibt die Migranten gar nicht. Nicht solange man das "die" betont. Das war schon immer so.

Das Einzige, was alle Menschen eint bei der Suche nach einer Heimat in Deutschland, ist das sichere Gefühl dafür, was die Deutschen ohne Migrationshintergrund ihnen gegenüber empfinden. Ob die Deutschen Angst haben, ihre eigene Heimat zu verlieren, weil auch andere sich hier heimisch fühlen. Oder ob sie diese anderen als Bereicherung wahrnehmen.

In Ghettos wächst Frust

Die Sache mit der Bereicherung mündet dann in eine Sackgasse, wenn Einwanderer sich selbst als Bereicherung empfinden, aber ausgerechnet die Kultur, die sie zu bereichern glauben, nicht kennenlernen wollen oder sie gar verachten. In jedem Ghetto spielt sich mehr ab als die Pflege der eigenen importierten Alltagskultur. In Ghettos, ob in sichtbaren oder in geistigen, wächst Frust, was verhindert, dass sie je zu einer Heimat werden können. Für wen auch immer.

Das muss kein physisches Ghetto sein. Als Vladimir Nabokov in den Zwanziger- und Dreißigerjahren im Berliner Exil lebte, gab er sich keine Mühe, Deutsch zu lernen. Er mochte weder Deutschland noch Deutsch noch die Deutschen. In einer seiner Erzählungen schrieb er: "Es waren viele Menschen unterwegs: Berliner Beamte kehrten von der Arbeit nach Hause, unsauber rasiert, Aktentasche unterm Arm, in den Augen trübe Übelkeit. Ohne Ende wimmelte es von ihren müden, raubgierigen Gesichtern, ihren hohen Kragen." Nabokov lebte in der inneren Emigration, er hätte auch auf dem Mond leben können. Er schrieb in Berlin, bevor er 1937 nach Amerika weiterzog. Ein genialer Schriftsteller, als Integrationsvorbild untauglich.

Als Deutschland noch ein Auswanderungsland war, wurde wiederum eine Deutsche, Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, Kaiserin von Russland. Ganz ohne Integrationskurs. Schade, dass es keine Aufnahmen ihrer Stimme gibt. Sie sprach wohl Russisch mit ostdeutschem Einschlag.

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