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Nationale Identität:Die Zukunft wird bunt

Bruck: FEST / Sommerfest der Kulturen - Heimstättenstrasse

Das ist Deutschland: Neuankömmlinge mögen das Land von Herzen gern.

(Foto: Johannes Simon)

Nach den USA ist Deutschland das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt. Chance oder Risiko? Auf jeden Fall eine Gelegenheit, sich neu zu erfinden.

Deutschland ist also Einwanderungsland. Das überrascht eine Bevölkerung, die sich oft so schwer tut mit dem eigenen Land und der nationalen Identität, die sich in Reality-Serien vorspiegelt, alle wollten doch nur weg und niemand her, und die sich nun nach den jüngsten Einwanderungszahlen der OECD plötzlich in direkter Nachbarschaft zu Amerika findet, jenem Land, das allen Ankömmlingen seine Gastfreundschaft schon in der Bucht des Hudson River mit der Freiheitsstatue zeigt.

Noch erstaunlicher ist in einem Land, das sich selbst so wenig liebt wie die Bundesrepublik, dass all die Neuankömmlinge laut einer Untersuchung der Humboldt- Universität Berlin dieses Land von Herzen mögen. Nun bestätigen Zahlen nur einen Zustand. Und doch stellen diese Statistiken das Selbstverständnis eines Landes infrage, das sich selbst oft als so abweisend empfindet.

Der Unterschied zu Amerika: Liebe

Den entscheidenden Unterschied zwischen den Einwanderungsländern Amerika und Deutschland kann man ganz direkt erleben. Zum Beispiel, wenn man einen vierten Juli in Amerika erlebt, jenen Unabhängigkeitstag, der mit Feuerwerk und Grillpartys gefeiert wird. Es mag ein emotionaler Ausnahmezustand sein, wenn Ray Charles aus dem Radio erklingt und die Musicalschnulze "America, the beautiful" anstimmt. Dann umarmt sich allen Bürgermilizen an der mexikanischen Grenze, allen rechtskonservativen Pöblern im Kabelfernsehen, allen Alltagsgehässigkeiten zum Trotz ein Land, das alle Menschen im Land zumindest in der Gefühlsaufwallung zu sich zählt. Selbst die ohne gültige Papiere.

Was hinter dieser Stimmung steht, ist aber nicht nur die Heimatlosigkeit, die alle Amerikaner je nach Abstammung und mit Ausnahme der Ureinwohner ein paar Jahrhunderte oder auch nur ein paar Wochen gemeinsam haben. Es ist eine Verbundenheit zum eigenen Land, die nicht auf so abstrakten Dingen wie der Verfassung, der Flagge und der Hoffnung auf ein besseres Leben gegründet ist, und auch nicht nur auf Herkunft, Boden oder den historischen Wurzeln. Es ist vor allem die Bereitschaft, die Wurzeln hinter sich zu lassen und damit auch die eigene Kultur.

Europa fürchtet die "Kulturlosigkeit"

Europa war diese vermeintliche Kulturlosigkeit immer ein Grauen. Dabei gründet sich diese Loslösung auf handfeste philosophische Werte. Es sind die Konzepte der Postnationalität, der postethnischen Gesellschaft und des Postkulturalismus, die hier geprobt werden. Das sind in letzter Instanz radikale Gleichheitsgedanken. Und doch liegt darin ein Weg, der einer Einwanderungsgesellschaft helfen kann, sich mit dem permanenten Wandel der eigenen Identität auseinanderzusetzen.

Die Bedingungen dafür sind in Deutschland denkbar gut. Es gab in den letzten Wochen ja noch ein paar Zahlen zum Thema. So erwirtschafteten die 6,6 Millionen Bewohner Deutschlands ohne deutschen Pass einen Überschuss von 22 Milliarden Euro. Die eingebürgerten Eingewanderten sind da noch gar nicht mitgezählt. Außerdem liegt der Akademikeranteil der Eingewanderten bei 29 Prozent - zehn Prozentpunkte über dem Schnitt der Gesamtbevölkerung.