Süddeutsche Zeitung

Einwanderungsland Deutschland:Der deutsche Traum

Lesezeit: 5 min

"Die" Migranten gibt es nicht: Unser Autor ist vor zehn Jahren von Sankt Petersburg nach Deutschland gezogen. Eine Perspektive von einem, der kam und geblieben ist.

Von Tim Neshitov

Als ich vor zehn Jahren von Russland nach Deutschland kam, war Gerhard Schröder noch Kanzler und Michael Ballack Fußball-Kapitän. Damals nahm ich die beiden Herren eher am Rande wahr, aber heute besitzen sie für mich einen nostalgischen Wert. Sie haben Deutschland geprägt zu einer Zeit, als ich versucht habe, Deutschland kennenzulernen. Ich bin gerne Fahrrad gefahren und habe zum Beispiel Wege mit dem Schild "Fahrrad frei" gemieden. Ich dachte, da dürfen keine Fahrräder durch, weil ja auch kein Zucker rein darf in einen Kaugummi, auf dem "zuckerfrei" steht.

Als Angela Merkel Schröder ablöste, sprachen plötzlich viele vom Ende einer Ära. Deutschland hat sich seitdem verändert, keine Frage, aber man muss wohl in Deutschland geboren sein, um den Übergang von Schröder zu Merkel als Epochenwechsel zu empfinden. Bei mir fehlt da ein Kapitel, das ist schon mal ein Unterschied.

Im Café mit dem Landeskriminalamt

Da ich damals in das Schröderdeutschland nicht nur kam, sondern auch blieb, gelte ich wohl als eingewandert. Oder zugewandert. OECD-Statistiker haben mich irgendwann erfasst (wann eigentlich genau?), obwohl ich meinen russischen Pass behalten habe. Aber vermutlich haben mich nicht nur Statistiker erfasst.

Ein paar Monate nachdem ich gekommen war - Studium in Regensburg -, rief mich ein Herr Müller vom Bayerischen Landeskriminalamt am Handy an. Grüß Gott, wollen wir mal einen Kaffee trinken? Wer sagt da Nein. Wir trafen uns in einem Café, kurz vor Weihnachten, Herr Müller war nett. Er wollte wissen, ob die russischen Behörden nicht Druck auf mich ausübten, damit ich Informationen nach Moskau liefere. "Gewisse Informationen, wissens?" Ich wusste von nichts, ehrlich, ich war froh, dass ich sein Bairisch verstand. Er sagte, Studenten aus Russland und aus China stünden manchmal unter gewissem Druck, ich solle mich unbedingt melden, wenn dieser Fall bei mir eintrete. Das Angebot gilt hoffentlich bis heute.

Kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen war, wurde in meiner Heimatstadt Sankt Petersburg ein Strafverfahren gegen mich eröffnet - von Polizisten, die mit Heroin dealten, und mittlerweile von anderen Polizisten abgelöst und verklagt worden sind. Über diese neuen Polizisten weiß ich nicht viel mehr, als dass sie alle Strafverfahren, die von ihren Vorgängern eröffnet worden waren, eingestellt haben. Solche Ermittlungsarbeit kann ich mir in Deutschland nicht vorstellen, ich mag sie mir einfach nicht vorstellen, trotz des NSU-Skandals. Das ist ein zweiter Unterschied.

Nicht Selbstverständliches ist hier selbstverständlich

Man kann hier weitere Unterschiede aufzählen zwischen Deutschland und all den Weltgegenden, aus denen Menschen nach Deutschland kommen oder fliehen. Deutschland ist nicht nur ein Land ohne Krieg, Seuchen und Dürren. Es gibt hier noch andere Sachen, die man für selbstverständlich hält, obwohl es absolut keinen Grund gibt, sie für selbstverständlich zu halten. Trinkwasser aus dem Hahn, Autobahnen ohne Schlaglöcher, Journalisten, die über alles und über jeden recherchieren können, ohne dass man ihnen den Schädel einschlägt, und die dafür auch noch bezahlt werden. Arbeit überhaupt, Arbeitsplätze. Angela Merkel könnte, wie einst Bill Clinton, auf ziemlich jede lästige Frage antworten: Aber wir legen Wert auf Arbeitsplätze. Das stimmt einfach.

Es gibt Einheimische (ein Wort, das in meinen zugewanderten Ohren genauso hässlich klingt wie das Wort Migrationshintergrund), also es gibt Menschen in Deutschland, die gähnen beim Alpenblick und kriegen Herzrasen, wenn ihre S-Bahn mal wieder ausfällt, oder eine Gestalt in Lederhosen die Laterne vor ihrem Fenster anpinkelt, oder der Steuerbescheid so formuliert ist, dass man sich wie ein Ausländer im eigenen Land vorkommt, weil man kein Wort versteht. Aber es wäre verwunderlich, wenn es diese Menschen nicht gäbe. Man langweilt sich oft in seiner Heimat, mir ging's in Russland nicht anders, man regt sich über seine Heimat auf, nicht zuletzt, weil man glaubt, dass sie sich dadurch irgendwie zum Besseren entwickeln könnte.

Wer keine Heimat hat, ringt mit der Welt

Wenn man aber keine Heimat hat, ringt man meistens mit der Welt. Nicht jeder Einwanderer empfindet sich als heimatlos. Aber jeder fragt sich eher früher als später, was Heimat überhaupt ist, man wird nachdenklich. Denn man stellt fest, dass Heimat mehr ist als die bundesdeutsche Rechtssicherheit, mehr als bezahlte Arbeit, mehr als gute Zahnärzte. Man stellt dies fest, und dann sucht man nach dieser Heimat, die einem fehlt. Und findet sie. Oder man findet sie nicht.

Was genau man findet oder eben nicht findet, ist aber so individuell, dass der statistisch so relevante Begriff "Einwanderer" jeglichen Sinn verliert. Was verbindet einen achtzehnjährigen Flüchtling aus Syrien mit einer sechzigjährigen Professorin aus Nowosibirsk, die nach dem Ende der Sowjetunion "über die jüdische Schiene" nach Deutschland kam, was verbindet diese beiden mit dem Türken, der die Bäckerei an der Ecke betreibt, und mit dem walisischen Maler in Berlin?

Nichts, außer der Tatsache, dass sie alle irgendwann die Grenze der Bundesrepublik Deutschland überschritten und hier blieben. Der frisch angekommene syrische Flüchtling, sobald er aus seinem Aufnahmelager herauskommt, wird vermutlich die anderen drei als unzertrennliche Teile dieser Aufnahmegesellschaft sehen, von der sein globalisiertes Schicksal nun abhängt.

Migranten sind keine homogene Masse

Ähnlich wie die Nicht-Migranten sind Migranten keine homogene Masse. Sie bringen ihre Konflikte mit sich (Türken - Kurden, Chinesen - Uiguren, zuletzt Putinfans - Putingegner); sie sprechen meistens nicht die Muttersprachen der jeweils anderen, einige putzen Toiletten am Bahnhof, andere sitzen im Bundestag, andere fahren Streife. Man sollte das in Anwesenheit von Migrationsverwaltern nicht allzu laut sagen, aber: Es gibt die Migranten gar nicht. Nicht solange man das "die" betont. Das war schon immer so.

Das Einzige, was alle Menschen eint bei der Suche nach einer Heimat in Deutschland, ist das sichere Gefühl dafür, was die Deutschen ohne Migrationshintergrund ihnen gegenüber empfinden. Ob die Deutschen Angst haben, ihre eigene Heimat zu verlieren, weil auch andere sich hier heimisch fühlen. Oder ob sie diese anderen als Bereicherung wahrnehmen.

In Ghettos wächst Frust

Die Sache mit der Bereicherung mündet dann in eine Sackgasse, wenn Einwanderer sich selbst als Bereicherung empfinden, aber ausgerechnet die Kultur, die sie zu bereichern glauben, nicht kennenlernen wollen oder sie gar verachten. In jedem Ghetto spielt sich mehr ab als die Pflege der eigenen importierten Alltagskultur. In Ghettos, ob in sichtbaren oder in geistigen, wächst Frust, was verhindert, dass sie je zu einer Heimat werden können. Für wen auch immer.

Das muss kein physisches Ghetto sein. Als Vladimir Nabokov in den Zwanziger- und Dreißigerjahren im Berliner Exil lebte, gab er sich keine Mühe, Deutsch zu lernen. Er mochte weder Deutschland noch Deutsch noch die Deutschen. In einer seiner Erzählungen schrieb er: "Es waren viele Menschen unterwegs: Berliner Beamte kehrten von der Arbeit nach Hause, unsauber rasiert, Aktentasche unterm Arm, in den Augen trübe Übelkeit. Ohne Ende wimmelte es von ihren müden, raubgierigen Gesichtern, ihren hohen Kragen." Nabokov lebte in der inneren Emigration, er hätte auch auf dem Mond leben können. Er schrieb in Berlin, bevor er 1937 nach Amerika weiterzog. Ein genialer Schriftsteller, als Integrationsvorbild untauglich.

Als Deutschland noch ein Auswanderungsland war, wurde wiederum eine Deutsche, Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, Kaiserin von Russland. Ganz ohne Integrationskurs. Schade, dass es keine Aufnahmen ihrer Stimme gibt. Sie sprach wohl Russisch mit ostdeutschem Einschlag.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2253562
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.12.2014/khil
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.