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Einheitsdenkmal für Leipzig:1. Platz: "70.000" von Marc Weis und Martin de Mattia

"70.000", ein Entwurf für das Leipziger Einheitsdenkmal

Der erste Preis ging an die Münchner Architekten Marc Weis und Martin de Mattia für den Entwurf "70.000".

(Foto: dapd)

Den ersten Preis haben die Münchner Marc Weis und Martin de Mattia mit "70.000" gewonnen: auf den ersten Blick ein buntes Fußballfeld. Auf farbigen Keramikplatten stehen farbige Podeste aus Aluminiumblech. Die meisten dieser Podeste können Bürgern ausgehändigt oder einfach mitgenommen werden: ein demokratisches Souvenir. Die sieben Farben sind sorgsam gewählt, sie erinnern an die Bestuhlung des Gewandhauses, die Uniform der Volkspolizei und Zeittypisches mehr. Jeder Farbe ist ein Buchstabe zugeordnet, wer das weiß, kann im bunten Feld "Einheit" und "Freiheit" lesen.

Diese dekorative Spielerei mag am Tisch charmant wirken, ob sie die Umsetzung ins Monumentale verträgt, bleibt zu bezweifeln. Und so wie das Schaukeln durch Gruppenbildung in Berlin wirkt das Podest-Mitnehmen in Leipzig wie eine naive Inszenierung von Demokratie. Besteht die nicht wesentlich darin, dass man etwas beiträgt, abgibt, aufgibt? Müsste man nicht vielmehr Hocker und Podeste auf den Platz bringen, statt ein Freiheits-Andenken heimzutragen?

Die entscheidende Erfahrung der Montagsdemonstrationen, die Selbstermächtigung, die Aufkündigung des Gehorsams im "vormundschaftlichen Staat", spiegelt kein Entwurf. Einer, der am 9. Oktober dabei war, meinte während einer Führung durch die Ausstellung, er erinnere sich an Angst, Mut, Disziplin und finde dies nirgends wieder. Vor der Nikolaikirche steht - unaufdringlich, eindrucksvoll - eine Säule zum Gedenken an den Aufbruch, nicht weit vom Neuen Rathaus dokumentiert das Museum "Runde Ecke" in der einstigen Stasi-Zentrale den revolutionären Geist des Herbstes.

Unterm Leuschner-Platz, in einer City-Tunnel-Station könnte man zeitgeschichtlich informieren. Hilft das gegen die Schwäche der Entwürfe? Sie fangen das Besondere der Friedlichen Revolution nicht ein, sondern domestizieren die einzigartigen Erfahrungen in Inszenierungen gegenwärtiger Hoffnungen und Illusionen. Es sieht so aus, als sei uns der Herbst 1989 sehr fern gerückt, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz fremd geworden. In welcher Form diese Fremdheit Denkmal werden soll, muss jetzt der Stadtrat entscheiden.

© SZ vom 19.07.2012/ihe

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