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Design im Nationalsozialismus:Die Vögelchen vom Berghof

Symbol chart for prisoners in protective custody

Design der Massenformation: Bund Deutscher Mädel auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1938.

(Foto: Timepix/The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Die Ausstellung "Design des Dritten Reiches" im niederländischen s'Hertogenbosch wird weltweit beachtet. Hochproblematisch ist die Schau, wo sie sich thematisch mit dem Holocaust berührt.

Natürlich habe er gewusst, worauf er sich einließ, mit seiner Idee zu einer Ausstellung über das "Design des Dritten Reiches", sagt Timo de Rijk: "Die große Aufmerksamkeit hat uns nicht unvorbereitet getroffen."

Beim Gespräch in seinem geräumigen Büro erwähnt der Direktor des Design-Museums im niederländischen s'Hertogenbosch, dass er gerade eine Wette mit einem Kollegen in New York gewonnen habe: "Er hat gesagt, wenn die Ausstellung in der New York Times vorkomme, würde er mich zum Essen einladen." Dass der Artikel, der jetzt tatsächlich in der Times erschien, sehr kritisch war, stört de Rijk dabei nicht.

Die letzte Ausstellung in s'Hertogenbosch, der derart internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde, war 2016 die gewaltige Werkschau des berühmtesten Sohns der Stadt, Hieronymus Bosch. "Design des Dritten Reichs" ist das bisher mit Abstand spektakulärste Projekt des Hauses, das erst im vergangenen Jahr vom Stadtmuseum in ein Designmuseum umgewidmet wurde.

Wahlplakat der NSDAP aus dem Jahr 1932.

(Foto: Münchner Stadtmuseum / Sammlung Reklamekunst)

Die Ausstellung war in Windeseile ausverkauft. Sorgen, dass überwiegend Neonazis als Besucher auftauchen könnten, haben sich bisher nicht bewahrheitet.

Stattdessen betrachten Schulklassen und Paare gesetzteren Alters Arno Brekers Statue "Der Wager", das silbern glänzende "Arbeitsfront-Empfänger"-Radio und einen Abfalleimer aus dem Haus der Deutschen Kunst.

Aber warum macht man eine solche Ausstellung überhaupt? Ganz einfach, sagt Timo de Rijk - im akademischen Diskurs sei Nazidesign eine Disziplin unter vielen. Es sei einfach an der Zeit, diesen Diskurs für die Öffentlichkeit aufzubereiten.

Gemeinsam mit dem Amsterdamer Co-Kurator Almar Seinen, aus dessen Sammlung einige Stücke - etwa ein SS-Sporthemd - in das Design-Museum gefunden haben, habe er zwei Jahre lang versucht, herauszuarbeiten, warum das Design des Dritten Reiches (der Begriff wird durchgehend ohne die in Deutschland übliche Apostrophierung verwendet) so gut funktionierte.

"Wir lassen keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine rassistische Ideologie handelt", betont de Rijk, "und dass alles, was wir zeigen, dem Zweck diente, diese Ideologie zu fördern und zu verbreiten." Tatsächlich ist zumindest ein ehrliches Bemühen um historische Einordnung von Beginn an erkennbar.

Doch schon im viertelstündigen Einführungsfilm wird die Hauptcrux des gesamten Unternehmens deutlich: Gleichschaltung, Rassegesetze, Jungvolk - der Film verweilt bei keinem Thema länger als ein paar Sekunden, und stößt damit an die gleichen kontextuellen und konzeptuellen Grenzen wie die eigentliche Ausstellung ein Stockwerk tiefer.

Der "Führer" hatte es daheim gern spießig

Der Versuch einer ästhetischen Einteilung in die drei Stränge Neoklassizismus, pseudogermanische Blut- und Boden-Bildsprache und Modernismus leuchtet durchaus ein. Diese werden allerdings nicht getrennt präsentiert, sondern tauchen in jeder der insgesamt elf thematisch gegliederten Abteilungen auf, die wiederum sämtlich in einem einzigen Saal Platz finden müssen.

Zunächst wird die Stellung des NS-Designs in der Gestaltungsgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht wirklich klar.

Nimmt man de Rijks Behauptung ernst, es handele sich unter anderem um eine Art Komplementärpräsentation zu den diesjährigen Bauhaus-Retrospektiven, - weil der spätere Einfluss dieser Gestaltung ex negativo mindestens so groß gewesen sei wie die des Bauhauses - findet man dies in der Schau selbst nicht eingelöst. Nirgends ist sichtbar, dass das "gesamte Nachkriegsdesign eine Art Gegenbewegung zu der Ästhetik der Nazis" darstellt, wie der Direktor findet.

Stattdessen werden alle Stücke sozusagen werkimmanent von ihrer jeweiligen Funktion her betrachtet und präsentiert. Die Banalität eines Buchs mit Vögelchen-Stoffmustern für die Inneneinrichtung von Hitlers Berghof am Obersalzberg - eine Leihgabe der Bayerischen Staatsbibliothek - sagt für sich genommen aber wenig mehr aus, als dass der "Führer" es daheim gern spießig hatte.

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Und dass die Designerin Gerdy Troost hieß, dürfte dem Durchschnittsbesucher wenig sagen. Man muss eben wissen, dass Troost eine der einflussreichsten Frauen im nationalsozialistischen Kulturbetrieb war, dass sie 1938 und 1943 die ästhetisch wie ideologisch richtungsweisenden Bände "Das Bauen im Neuen Reich" herausgab und von Hitler 1943 das goldene Parteiabzeichen erhielt. Mit solchen Einzelheiten, die für das Verständnis wichtig wären, hält sich die Ausstellung viel zu selten auf.

Dabei stecken viele mögliche Ansätze für überschaubarere, genauere Ausstellungen in dieser Schau: Man könnte den Einfluss von Albert Speers Amt "Schönheit der Arbeit" beleuchten, das unter dem Banner der Verbesserung von Arbeitsbedingungen die Produktion radikal steigern helfen sollte. Man könnte dem Einfluss der kommunistischen Propagandaästhetik auf die der Nationalsozialisten nachgehen, deren Bildsprache sich beispielsweise das nordkoreanische Regime noch heute bedient.

So hätte etwa ein Plakat, das den "Leistungskampf der Deutschen Betriebe" preist, nach Ersetzung des Hakenkreuzes durch Hammer und Sichel ohne Weiteres auch in der DDR weiterverwendet werden können. Selbst eine Betrachtung das Nazi-"Brandings" durchs Hakenkreuz - ein frühes Beispiel ist ein Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg, den sein Freikorps-Träger bereits 1919 mit dem Symbol versah - würde, umsichtig kuratiert, möglicherweise lehrreiche Einsichten liefern.

Stattdessen setzt "Design des Dritten Reiches" auf Masse, wobei einer solch gehäuften Präsentation von Nazi-Paraphernalien nicht zuletzt die Gefahr innewohnt, den Effekt eines historischen Gruselkabinetts zu haben.

Direktor Timo de Rijk glaubt, den Besuchern werde gerade durch die Vielfalt der Exponate ihre eigene ästhetische Konditionierung vorgeführt. In vielen Fällen sei es eben "ziemlich schwierig, ein Stück als 'faschistisch' einzuordnen".

Nun mag es sein, dass die hypertroph wirkende Kommode aus der Reichskanzlei gar nicht für diese entworfen, sondern die Kopie eines Stücks aus dem 18. Jahrhunderts ist - im Kontext der Speer-Architektur bleibt sie gigantoman. Umgekehrt ist an der reduziert-zeitlosen Form der kruppstählernen Fackelhalterung für die Olympischen Spiele 1936 vordergründig nichts auszusetzen. Wie sehr dieses Großereignis propagandistisch ausgenutzt wurde, reißt die Schau, wie so vieles, nur an.

Höhepunkt einer Propaganda-Offensive - Plakat der Olympischen Spiele 1936.

(Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Reklamekunst)

Hochproblematisch ist sie aber besonders an den Stellen, wo sie sich thematisch mit dem Holocaust berührt. Wer etwa die Ausgehuniform eines SS-Obersturmführers optisch gleichberechtigt in unmittelbarer Nachbarschaft einer Häftlingsuniform aus dem Konzentrationslager Mauthausen positioniert, kann das nicht allein mit drei Absätzen in einem Wandtext unter der Überschrift "Verführung und Terror" auffangen.

Vollends missraten, weil völlig unzureichend und geradezu verschämt wirkt die letzte Abteilung mit dem Titel "Gestaltung durch Vernichtung": Hier hängen Blaupausen und Entwurfszeichnungen der Auschwitz-Krematorien sowie eine nach dem Bericht des aus Treblinka entkommenen Jakub Krzepicki angefertigte Zeichnung dieses Lagers von 1942.

Eine Schau, die großgezogene Ansichten der Reichskanzlei oder der Münchner Innenstadt in voller Hakenkreuz-Beflaggung zum "Gedenken an den Bierkeller-Putsch" zeigt, müsste auch bildliche Zeugnisse der Menschenvernichtung in den KZs bieten. Dass sie es nicht tut, ist ein gewichtiges Versäumnis.

Scheitern am eigenen, hochambitionierten Anspruch

Man ist als Deutscher gut beraten, nicht unbedacht und besserwisserisch den Umgang eines Landes mit der Nazizeit zu kritisieren, in dem die Erinnerung an die deutsche Besatzung sehr lebendig ist, und aus dem mehr als 100 000 Juden in Vernichtungslager deportiert wurden.

Durchaus kritisieren kann man aber, wenn ein Projekt am eigenen, hochambitionierten Anspruch scheitert. Und das tut "Design des Dritten Reiches", eine Ausstellung, die viel zeigt, Wichtiges ausspart und letztlich zu wenig erklärt.

Design des Dritten Reiches, im Designmuseum Den Bosch, s'Hertogenbosch, bis 19.01.2020. www.designmuseum.nl

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