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Tanztheater:Auf den Hund gekommen

Jede Bewegung ist aufgeladen mit nervöser Energie: "Good Old Moone" des Hannover Ballettchefs Marco Goecke.

(Foto: Dominik Mentzos)

Emanzipation ist die Mutter allen Wachstums: Zwei Streaming-Premieren der Dresden Frankfurt Dance Company erzählen vom "Zeitgeist".

Von Dorion Weickmann

Ob Bockenheimer Depot, ob Festspielhaus Hellerau - solange William Forsythe mit seiner Tanzkompanie abwechselnd die Häuser in Frankfurt und Dresden bespielte, war der Besuch jeder Premiere ein Muss. Dabei rieb sich der gefeierte Choreograf immer offensichtlicher an den eigenen Ansprüchen auf: Einerseits wollte er langgedienten Tänzern treu bleiben, andererseits Neues ausprobieren und die Avantgardeposition ausbauen, die er sich bis 2004 mit dem Ballett Frankfurt erkämpft hatte - dank Arbeiten von unübertroffener Qualität. Stattdessen produzierte das Nachfolgekollektiv zusehends Performance-Leerlauf. 2015 gab Forsythe die Verantwortung schließlich an einen vertrauten Tänzer ab: Jacopo Godani übernahm die Dresden Frankfurt Dance Company, stellte sie neu auf - und muss trotzdem mit viel weniger Aufmerksamkeit klarkommen als sein Vorgänger. Teils zu Recht, teils zu Unrecht, wie der jüngste Doppelabend "Zeitgeist" beweist, der auf der Website der Dresden Frankfurt Dance Company am 3. Mai und noch einmal von 19. bis 21. Mai zu streamen ist.

Godanis sechzehnköpfige Kompanie besteht aus lauter fabelhaften Tänzern: technisch sattelfest, abgründig im Ausdruck. Das zeigt sich bereits beim "Good Old Moone", den Hannovers Ballettchef Marco Goecke aus Patti Smiths warmen Klangwolken blitzen und von Solisten, Paaren, kleineren Formationen blank polieren lässt. Stimmungsmäßig bleibt es hier dauerverhangen, körperlich aufgekratzt bis überspannt: eine reizvolle Mondscheinsonate, die von Kopf bis Fuß, Mimik bis Gangschema jede Bewegung mit nervöser Energie überzieht. Hier wird nichts erzählt, nichts bebildert oder beschworen - außer Einsamkeit, die sich in einer Art Körperkubismus verfängt und entlädt.

"Hollow Bones" sieht blendend aus. Zur Grandezza à la Forsythe fehlt allerdings noch etwas

Ganz anders Jacopo Godanis "Hollow Bones", das als kleine Geschichte der Zivilisation daherkommt, verpackt in surreale Episoden. Das Spannungsfeld zwischen Urgeschichte und 21. Jahrhundert öffnet sich zunächst in Gestalt eines artig domestizierten Schäferhundes, der die Projektion eines Primaten begafft: menschlicher Vorfahr hier, Hausfreund dort. Erlöst wird der Vierbeiner aus seiner Sitzstarre von zwei Chewbaccas und einem Tross schwarz verhüllter Krieger, die sich alsbald betend an die Rampe verziehen. Wenig später wird eine Sprachlektion via Whiteboard erteilt, sodann mutiert die elektronische Tafel zur PR-Box für "US", während Kirchenchor und Prediger die gemeinschaftsstiftende Botschaft verkünden. Zum Finale übernimmt eine nobel betüllte Ballgesellschaft das Regiment, die sich nach allerlei Aus- und Abschweifungen vor den leeren Rängen des Festspielhauses Hellerau zur letzten Ruhe bettet, von den Strahlen einer künstlichen Sonne und elegischen Sounds aus der 48nord-Klangschmiede gestreichelt.

Menschlicher Vorfahr hier, Hausfreund des 21. Jahrhunderts dort: In "Hollow Bones", einer kleinen Zivilisationsgeschichte, betrachtet ein Schäferhund die Projektion eines Affen.

(Foto: Dominik Mentzos)

"Hollow Bones" sieht blendend aus, ist dramaturgisch sauber gefältelt und tänzerisch gut präpariert. Und doch gibt es da ein Problem: Die ästhetische Matrix ist eine doppelte Forsythe-Kopie. Vom Aufbau her erinnert Godanis Werk an die Performance-Spätphase des Meisters, tanztechnisch werden dessen postmoderne Ballettbrechungen dupliziert. Was zur Grandezza à la Forsythe fehlt, ist die Haltung, das flapsige Selbstbewusstsein, die lässige Großzügigkeit, die Tänzer über sich selbst hinaushebt. Ein entschiedeneres Abrücken von Vorvater Bill wäre eine Wohltat für die Kompanie. Emanzipation ist die Mutter allen Wachstums. Das gilt im Leben wie in der Kunst.

© SZ/knb
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