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Dokumentarfilm:Der Sauerteig hat auch Gefühle

Brotlaibe, ofenwarm und sinnlich - Harald Friedls Dokumentarfilm "Brot" würde man gern auch riechen und schmecken.

(Foto: Verleih)

Der erste Film nach den Corona-Beschränkungen, den man im Kino ansehen sollte? Ganz klar: dieser Blockbuster von Harald Friedl über Brot.

Wenn man nun endlich, endlich wieder ins Kino schlendern kann, steht "Brot" ganz oben auf unserer Liste. Kein Blockbuster, kein lächerlicher Kunstfilm, sondern eine Dokumentation, der Titel auf dem Filmplakat mit Großbuchstaben in Mehl geschrieben, gedreht von Harald Friedl.

Das Erste, was einem dann auf der Leinwand entgegenflackert, die seit über hundert Jahren die Träume und Ängste der Menschen befeuert, ist ein nackter, schwer atmender Männeroberkörper. Der langsam eine Packung Toastbrot auspackt. Er enthüllt es, nimmt den ganzen Toastlaib, umschließt ihn und knetet ihn mit beiden Händen zu einem Ball. Schnitt.

Spannungsgeladene Musik. Wir befinden uns in einer Biobäckerei in Österreich, Öfferl. Teig wird gerührt, geknetet, abgetrennt. Geschickt führt Friedl seine Protagonisten ein - da ist Georg Öfferl, der Sohn der Bäckermeisterin Brigitte Öfferl. Der Shootingstar der Bäckerszene. Er hat den Betrieb wieder auf Biobäckerei umgestellt, vor der Pleite gerettet. Er liebt Brot, und Brot liebt ihn. Für ihn ist es nicht nur ein Handwerk, sondern eine Faszination. Alle Sympathien liegen bei dem jungen Mann, Schnitt.

Sogar ein belgischer Backmittelkonzern wird zum mystischen Ort

Zu Harry-Brot, der deutschen Großbäckerei. Maschinen heben Toastbrote von Band zu Band. Sie sehen fluffig aus, in ihren eigenen Tanz verstrickt. Auftritt: Hans-Jochen Holthausen. Mehr als 25 Jahre war er Geschäftsführer bei Harry-Brot. Ein Brotbaron. Früher gab es 30 bis 40 Brotbarone, erzählt er, es sind weniger geworden. Holthausen hat ein weißes Taschentuch in seiner Brusttasche. Es symbolisiert Unschuld - aber kann man ihm trauen? Die Brote fahren Karussell. Schnitt.

Frankreich. Christophe Vasseur, ein französischer Bäcker, betrachtet nachdenklich seinen Teig. "Du pain et des idées" heißt sein Laden. Der Teig riecht göttlich, sagt er, und ja, das französische Brot sieht auch göttlich aus. Der Franzose scheint eine Art Hexenmeister zu sein, für den die Backkunst eine Berufung ist, Philosophie und Weltkunde in einem.

Unbedingt auf Minute sieben achten! Da holt Vasseur ein Brot aus dem Ofen, so eines hat man noch nie gesehen. Es sieht knusprig und aromatisch aus, noch ofenwarm, recht flach, aber formvollendet. Langsam gewinnt die Dokumentation an Fahrt. Wie in jedem guten Film haben alle Charaktere ihre Stärken und Schwächen - Öfferl, der den Familienbetrieb gerettet hat, Holthausen als um sein Imperium besorgter Baron, und der Hexenmeister Christophe Vasseur. Sogar der belgische Backmittelkonzern Puratos Group ist ein mystischer Ort, denn er beherbergt die einzige Sauerteigbibliothek der Welt. Aber dort erklingen auch roboterhafte Stimmen, während Pinzetten vermutlich perverse Experimente am Brot durchführen.

Brot kann auch tödlich und gefährlich sein

Doch der eigentliche Held ist natürlich das Brot selbst, in all seinen unterschiedlichen Zuständen. Es wölbt sich so vielfältig und präzise, dass so mancher Method Actor nur träumen davon kann. Die Riesenteigberge in der Fabrik sehen aus wie freundliche, hyperintelligente, formwandelnde Aliens, wenn sie da so wabern, fließen, fallen. Haben Sauerteigmikroorganismen eigentlich auch Gefühle? Wo sie doch jetzt in Neuseeland alle Tiere als fühlende Wesen anerkannt haben? Wird Brot in Zukunft aus dem Replikator kommen? Aus Menschenfleisch hergestellt sein?

Oder wird es einfach programmiert werden? Durch digitale Enzyme? Und weiter geht es in dem Strudel, verschiedene Gestalten tauchen auf, die Brot auf seiner abenteuerlichen Reise begleiten. Apollonia Poilâne, die das Unternehmen Poilâne als sehr junge Frau übernehmen musste, weil ihre Eltern bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen waren. Ein Ökobauer, der gegen die Widrigkeiten der industriellen Landwirtschaft kämpft. Eine Firma, die untersucht, welches Brot man auf dem Mars essen wird. "Wir forschen daran, aber erst einmal müssen die Menschen die Reise von der Erde zum Mars überstehen", sagt ein Wissenschaftler. "Umständehalber kann Brot tödlich sein, da es keine Schwerkraft gibt. Brotkrümel können durch die Luft schweben, statt auf den Boden zu fallen, und man könnte sie einatmen. Wenn sie in die Lunge kommen, ist das sehr gefährlich."

Brot ist also auch tödlich und gefährlich! Ein wahrer Antiheld. Aber nicht nur die Informationen machen den Film fantastisch, sondern auch seine sinnliche Intensität. Harald Friedl schafft es, das Brot aus der Selbstverständlichkeit zu reißen, es einem fremd zu machen, damit man es überhaupt erst richtig wahrnimmt. Und zwar nicht nur sieht. - "Brot" ist ein Film, den man riechen und schmecken müsste.

"Das Problem am modernen Leben", sagt Vasseur, "ist, dass wir die Zeit als unseren Feind sehen. Die Zeit ist ein Verbündeter, der respektiert werden muss." Wenn man ihm so zusieht, denkt man: Man hätte so viele verschiedene Leben leben können. Alles vertan, vergebens. Wird das letzte Geräusch auf dem Planeten das Singen der Maschinen in den Brotfabriken sein? Vielleicht das erste auf dem Mars.

Brot, Österreich/D 2019 - Regie: Harald Friedl. Buch: Constantin Wulff. Kamera: Helmut Wimmer, Martin Putz. RealFiction, 94 Minuten.

© SZ vom 26.06.2020/tmh
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