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Elfte Station in Bissau, Guinea-Bissau:Langsam

Präsident Guinea Bissau

Am zweiten Tag seiner neu gefundenen Langsamkeit sah er einen Falken gelassen über einen Innenhof spazieren, einen Schlafwandler am helllichten Tag und einen jungen Mann mit einer Fliege aus purem Gold um den Hals - ja, und den Präsidenten, der eine knallrote Schimütze als Zeichen seiner Macht am Kopf trug.

(Foto: Michael Glawogger)

Sein Handy klingelte jede Nacht. Er ignorierte es, doch an einem Dienstag hob er ab. Da er selbst am anderen Ende der Leitung war, wusste er nicht, was sprechen. Er wusste ja schon viel zu genau, was er sagen würde, wenn er sich selbst etwas fragte. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Sein Handy klingelte jede Nacht. Er ignorierte es, doch an einem Dienstag hob er ab. Da er selbst am anderen Ende der Leitung war, wusste er nicht, was sprechen. Er wusste ja schon viel zu genau, was er sagen würde, wenn er sich selbst etwas fragte.

Als er den dunkelrot gekachelten Raum betrat, wurde er ganz langsam. In seiner Haltung, seinen Bewegungen und innerlich: langsam. Er wusste nicht, woher diese Befindlichkeit kam, aber er musste sie akzeptieren. Sie fühlte sich richtig an.

Er war erst drei Tage hier in dieser Stadt und genau in dem Moment, in dem er den dunkelrot gekachelten Gastraum des Restaurant Monte Carlo betrat, wusste er, dass er nichts mehr zu tun hatte. Und zwar nicht, weil er nicht etwas zu tun hätte haben können, sondern weil man nichts zu tun hatte in diesem Land.

Es war keine Eile geboten, denn es gab auch nichts zu versäumen. Es war nicht zu erwarten, dass der morgige Tag anders sein würde als der heutige. Die Sonne wird scheinen, so wie sie heute scheint, manchmal wird eine leichte Brise den Sand über die Straßen treiben, am Markt werden Sachen verkauft werden: Schuhe, Hosen, Hemden, originale Samsung Handys, auf denen der Name Samsung falsch geschrieben war - Fsamsunge.

Es fiel ihm ein, dass er sein eigenes Handy im Hotel hatte liegen lassen. In Wahrheit auch egal. Er hätte auch nicht gewusst, wen anrufen. Man traf sich hier an der Straßenecke oder in der Bar, in der Fußball geschaut wurde oder eben im Monte Carlo.

Er setzte sich und schaute den Menschen zu, wie sie die Straße vor dem Lokal entlang schlenderten. Schöne Menschen, alle ein Lächeln auf den Lippen, alle in der halben Geschwindigkeit, die einem sonst vom Dasein diktiert wird. Ist das Leben, wenn man so lebt, nur halb so lang oder doppelt so lang? Schwer zu sagen.

Schlafwandler am hellichten Tag

Es gäbe wohl für beides Argumente. Man erlebt vielleicht nur halb so viel, aber nimmt es länger wahr. Wie ein Moment in Zeitlupe. Meist sind ja Szenen des Krieges, des Sterbens oder Aktionen von großer Theatralik in Zeitlupe, damit man sie eingehender betrachten kann: wenn ein Kugelhagel einen Körper trifft, wenn brutale Schläge auf ein wehrloses Opfer einprasseln, wenn sich Liebende mit wehenden Haaren in die Arme fallen. Oder Dinge, die man sonst nicht sieht. Wie eine Gewehrkugel durch die Luft fliegt, zum Beispiel.

Er machte sich darauf gefasst, solche Dinge zu sehen. Das geschah nicht gleich, aber am zweiten Tag seiner neu gefundenen Langsamkeit sah er einen Falken gelassen über einen Innenhof spazieren, einen Schlafwandler am helllichten Tag und einen jungen Mann mit einer Fliege aus purem Gold um den Hals - ja, und den Präsidenten, der eine knallrote Schimütze als Zeichen seiner Macht am Kopf trug.

War das Militär mit dem Präsidenten nicht mehr einverstanden, dann schnitten sie ihm den Kopf ab und behielten nur die Mütze. Das hatte ihm zumindest der Falke erzählt, bei dem er immer kurz halt machte, auf seinem Weg von - naja, von A nach B. Meist hatte er vergessen, wohin er gerade unterwegs war. Aber er hatte sich ja auch kein Ziel mehr vorgenommen.

Die Menschen in den wenigen Fernsehgeräten verbreiteten noch eine gewisse Aufgeregtheit. Die Welt da draußen, die schnelle Welt, war aus verschiedenen Gründen in Aufruhr, meist warfen vermummte Demonstranten Steine oder andere schossen in eine Menge.