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Doku-Blog aus Galahun, Sierra Leone:Nur ein Zufall, dass alle schlafen

Eine Hundemutter hob sachte den Kopf von ihren gekreuzten Pfoten, um nach ihren Jungen zu sehen, die sich schläfrig immer dichter ineinander schoben und so einen Haufen aus neuem Leben zu bildeten. Sie konnten noch nicht ohne einander sein und waren wie ein Hund. Da und dort zitterte ein Ohr, oder eine Pfote suchte nach einer noch bequemeren Stellung im Gefüge.

Er stand mitten auf der Straße und drehte sich im Kreis. Der Wind blies in Böen, und er suchte nach einem Zeichen, dass das alles seine Richtigkeit hatte, und dass es nur ein Zufall sein konnte, dass alle genau jetzt, genau an diesem Nachmittag, genau in dieser kleinen Stadt gleichzeitig eingeschlafen waren - am helllichten Tag.

Ein Minibus gab ihm die Antwort. Er quälte sich, Fehlzündung um Fehlzündung, die Straße herauf, versuchte, die großen Steine und die tiefen Schlaglöcher zu umschiffen, um exakt vor der stillgelegten Tankstelle seinen Geist aufzugeben. Er war voll mit Reisenden, und als die ausstiegen, hielt er es kaum für möglich, dass so viele Menschen in ihm Platz gefunden haben sollten.

Das Gepäck, das mit einem Netz auf dem Dach befestigt war, stapelte sich fast so hoch wie der Minibus selbst, auf dem in bunten, handgemalten Lettern "By God in Power" zu lesen stand.

Die Reisenden verteilten sich beinahe schweigend, manche setzten sich einfach an den Straßenrand, andere ließen sich auf dem Mäuerchen nieder, das die ehemalige Tankstelle umgab, die nur mehr aus einem pilzförmigen Dach und einem kleinen Aufbau bestand, an dem man Benzin und Diesel in Plastikflaschen kaufen konnte.

Ruhe im weißen Plastiksessel

Schnell waren auch alle diese Leute eingeschlafen, und nur der Fahrer und sein Helfer beugten sich noch über den offenen Motor, um den Grund des Stillstands zu erkunden. Der Fahrer brach aber bald auf, um einen Ersatzteil zu besorgen oder jemanden zu suchen, der ihm helfen konnte. Sein Helfer war bald darauf an den Vorderreifen gelehnt eingeschlafen.

Der Wind wurde heftiger. Der erste Guss der beginnenden Regenzeit kündigte sich mit besonders schweren Wolken und einem tiefblauen Himmel an. Selbst die Mangobäume bogen sich in den Böen, und Staub trieb über die ausgetrocknete Straße. Die dürstenden Felder schienen sich gen Himmel zu strecken, und die Pflanzen wirkten wie in gieriger Erwartung.

Er entfernte sich von seinem Auto, spürte selbst Durst, und seine Haut brannte von der Sonne, die das heraufziehende Wetter noch nicht wahrhaben wollte. Er strich sich über die Oberarme, und die sich schälende Haut löste sich in grauen Klumpen. Er bemerkte, wie auch seine Bewegungen und Schritte langsamer wurden. Er schaffte es noch, sich auf einen weißen Plastiksessel zu setzen, den irgendwer achtlos am Straßenrad hatte stehen lassen. Dann schlief auch er ein.

Als er erwachte, setzte der Regen ein, so heftig, als würde das Wasser auf Knopfdruck aus dem Himmel fallen. Und doch konnte man meinen, es verharre in der Luft. Der Regen schlief.

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